Einem Chor zuzuhören, ist immer besonders. Allein die Idee, dass so viele Menschen wie aus einer Kehle singen, ist faszinierend. Wenn die Sänger dann noch Jugendliche sind und aus verschiedenen Ecken Europas kommen, ist Gänsehaut programmiert. Die gleichen Hoffnungen und Träume lassen sich in den jugendlichen Gesichtern ablesen – das berührt.

Zwischen Volkslied und Nirvana

Egal, ob sie aus Basel kommen wie der Jugendchor Vivo der Musikschule Basel, der das Konzert in der vollbesetzten Stadtkirche Liestal mit dem traditionellen Schweizer Volkslied «Chumm, mir wend go Chrieseli gwünne» und einer Version von Nirvanas «Smells Like Teen Spirit» eröffnete. Oder ob sie aus Moskau stammen wie der A. Ponomarev’s Children’s Choir Vesna, der mit Alexander Borodins «Uletay na kryliah vetra» (Fliege auf den Flügeln des Windes») eine sehnsuchtsvolle Melodie mit beeindruckender Klarheit und Kraft interpretierte.

Doch die Chöre schlugen nicht nur emotionale Seiten an, sie brachten auch zum Lachen. Wie die Moskauer mit dem humorvollen Stück «The Fly» des 30-jährigen Komponisten Jorge Gijon Sanchez, basierend auf einem Text von William Blake. Hier zeigten die jungen Sängerinnen, dass sie ihre Stimmen auch geräuschhaft einsetzen können, und legten sich im Vergleich mit besonderem Eifer ins Zeug.

Traditionelle, kehlige Stimmtechnik

Doch am Europäischen Jugendchorfestival soll nicht vordergründig verglichen werden. Die künstlerische Leiterin Kathrin Renggli hat sowieso nur Chöre mit sehr hohem Niveau ausgewählt. Eher steht die Begegnung im Vordergrund. So unterschiedlich die Chöre sind – von Kinderchören wie jenem aus Moskau bis zum Female Academic Folk aus Bulgarien, der durchweg mit jungen erwachsenen Frauen besetzt ist und mit seiner traditionellen, kehligen Stimmtechnik das Publikum in Liestal beeindruckte –, beim Eröffnungskonzert trafen sie auch auf der Bühne aufeinander.

Jeder Chor interpretierte zwei bis drei eigene Lieder und sang anschliessend mit dem nachfolgenden Chor zusammen. Eine besondere Verbindung von Traditionen war zu erleben, als etwa der Schweizer Jugendchor mit dem Schola Cantorum Youth Choir aus Norwegen das Bündner Lied «La notg ei vargada» (Die Nacht ist vergangen) sang und anschliessend ein traditionelles norwegisches Lied. Die Norweger waren mit Abstand am originellsten gekleidet. Alle trugen eine individuelle Tracht, als kämen sie direkt vom Set eines Historienfilms. Um die Tradition noch authentischer aufleben zu lassen, hatten sie einen hervorragenden Geiger dabei, der im Stil der norwegischen Fiddelmusik begleitete. Sie spielten ein Stück mit dem Titel «Snilla Patea» des norwegischen Komponisten Bjørn Kåre Odde, das erst in diesem Jahr entstanden ist.

Neue Volksmusik. Das war ein verbindendes Element im Programm: Alle acht Chöre sangen ein Werk aus dem 20. oder dem 21. Jahrhundert. Hier blieb vor allem der Netherlands Youth Choir im Gedächtnis mit seinen zart imitierten Vogelstimmen und den frischen, aufgeregt flatternden Klangflächen in dem Stück «Spring» von Eriks Esenvalds.

«Music is everywhere»

Im kurzweiligen Programm zeigte sich jeder der Chöre von seiner besten Seite. Dahinter steht eine grosse logistische Leistung, die nur mit der rührenden Unterstützung zahlreicher Helfer zu bewältigen ist. Am Schluss des Konzerts entwickelte sich daraus eine Eigendynamik. Als die Baselbieter Regierungsrätin Monica Gschwind noch mitten in ihrem Schlusswort war, drängten die knapp 400 Jugendlichen schon wieder auf die Bühne. «Music is everywhere», der Festivalsong von Ivo Antognini, den alle Chöre mit dem Publikum gemeinsam sangen, liess die Emotionen noch einmal hochkochen.

Wer noch Gänsehaut übrig hatte, wurde beim Verlassen der Kirche sogleich wieder von ihr befallen, als der Vivo Chor mit Kerzen in den Händen Schweizer Volkslieder für den Heimweg anstimmte. Ein herzerwärmendes Festival, das noch bis übermorgen Sonntag seine musikalische Kraft in der Region versprüht. Holen Sie sich einen Funken davon.