Umgangsformen im Wandel

Siezen Sie noch oder Duzen Sie schon?

Die ewige Frage: Du oder Sie?

Die ewige Frage: Du oder Sie?

Wenn internationale Grosskonzerne und moderne Startups das Du als neue Firmenkultur propagieren, hat das Auswirkungen auf hiesige Umgangsformen. So sprechen heute Verkäufer in Coop To Go Filialen die Kunden mit Du an, während die BLKB intern das flächendeckende Duzen eingeführt hat.

 «Wenn man zusammen hart arbeitet, dann müssen formale Barrieren fallen – sonst wird es unnötig kompliziert.» Das sagte John Häfelfinger, CEO der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB), kürzlich zur «Schweiz am Wochenende». Auf seine Anweisung hin duzen sich seit Juni sämtliche Mitarbeitenden der BLKB untereinander. «Die BLKB möchte sich mit der Du-Kultur als moderne Arbeitgeberin positionieren», erklärt Sprecherin Deborah Schwalm auf Anfrage. Wie viel sich dadurch für die Mitarbeitenden im täglichen Betrieb ändert, ist allerdings offen.

«Das Du war schon vorher situativ etabliert, wenn die Mitarbeitenden sich kannten und regelmässig zusammen arbeiteten», sagt Deborah Schwalm. Das Umstellen von Sie auf Du bei der BLKB ist ein Statement. Dieser Trend ist bisher aber eher von Start-ups und internationalen Konzernen bekannt.

Demonstratives Du

Ist es ein Zeichen des Kulturwandels, wenn nun ein traditionelles Unternehmen wie eine Bank das Duzen verordnet? Die «Schweiz am Wochenende» begibt sich auf Spurensuche. Das Duzen als Marketingstrategie wendet neuerdings auch Coop an. Wer eine «Coop to go»-Filiale betritt, wird vom Verkaufspersonal geduzt. Ausserdem sind die Namensschilder der Angestellten dort lediglich mit dem Vornamen beschriftet. Coop-Sprecherin Andrea Bergmann erklärt: «‹Coop to go› ist in urbanen Regionen zu Hause. Es ist ein junges, frisches Konzept, das junge und jung gebliebene Kunden anspricht.» Die Reaktionen seien sehr positiv. «Unsere Mitarbeitenden handhaben das mit Fingerspitzengefühl. Wenn sie den Eindruck haben, dass ein Kunde lieber gesiezt werden will, machen sie das auch.» In den herkömmlichen Coop-Verkaufsstellen und in der Werbung würden Kunden nach wie vor gesiezt, auf Social Media hingegen geduzt. Und unter den Mitarbeitenden? «Es gibt bei uns keine Richtlinien. Es duzen sich zwar sehr viele Mitarbeitende, dies beruht aber immer auf Freiwilligkeit und einer gegenseitigen Abmachung», sagt Bergmann.

Dass Kundschaft in vielen Geschäften neuerdings geduzt wird, beobachtet auch Mathias Böhm, Geschäftsführer von Pro-Innerstadt: «Egal in welchem Metier und in welcher Branche, das Du hält immer mehr Einzug.» Was richtig und falsch sei, variiere aber stark, je nach Konzept des Geschäfts. «Wenn ich als 42-Jähriger im Starbucks oder im Nomad geduzt werde, fühlt sich das richtig an. Wenn mir das in der UBS passiert, dann stimmt es irgendwie nicht.» Auch eine H&M-Verkäuferin in Basel sagt: «Junge grüssen wir mit ‹Hallo zämme›, ältere eben mit ‹Grüezi›. Wir vertrauen auf das Gefühl und haben keine strikten Regeln.» Auch Marie-Claire Chevrolet, Verkäuferin im Skaterladen Doodah in Basel, sagt: «Ich arbeite seit vier Jahren hier und habe den Eindruck, dass immer mehr geduzt wird.» Innerhalb des Ladens würden sich alle duzen, auch die obersten Chefs. «Lange wusste ich nicht einmal, wie diese zum Nachnamen heissen», sagt sie schmunzelnd. Was die Kunden angehe, verlasse sie sich auf ihr Gefühl. «So Grössenordnung ab 40 sieze ich. Aber es kommt extrem auf die Ausstrahlung an. Viele sind auch einiges älter und wollen geduzt werden.» Das Siezen komplett abschaffen würde sie nicht. «In gewissen Beziehungen braucht es einen gewissen Abstand.»

Duzen oder Siezen?

Respekt und Anpassung

«Frau A., bitte bsetze Si Kasse drei», ruft die junge Migros-Kassiererin leicht genervt ins Mikrofon. Die Schlange stehenden Kunden wenden sich um, als Frau A., ebenfalls noch keine 20, um die Ecke eilt und ihrer Kollegin an der Kasse leise zuraunt: «Isch jo guet, Mann, ich kumm jo.» Diese verdreht die Augen und faucht zurück: «Jo, ich ha dir scho zwei Mol gruefe, Frau A.» Die Kunden tauschen Blicke und schmunzeln. Dass zwei junge Arbeitskolleginnen, die sich im Privaten offenbar duzen, während der Arbeit siezen, scheint nicht ganz natürlich. Auf Nachfrage sagt Moritz Weisskopf von Migros Basel: «Lernende werden grundsätzlich erst einmal gesiezt. Das soll den Schritt von der Schule in die Arbeitswelt markieren und zeigen, dass sie nun den Respekt einer erwachsenen Person verdienen.» Das Siezen sei aber nicht Pflicht und meist ergebe sich mit der Zeit dann das Du zwischen Arbeitskollegen von selber.

Auch Mediensprecherin Martina Bosshard sagt: «Bei der Migros haben wir keine fixen Regeln. Man fängt tendenziell beim Sie an, aber es ist den Filialleitern überlassen, wie sie es handhaben wollen.» Gegenüber Kunden sei das Sie die Regel. «Aber auch dort muss man flexibel sein», sagt Bosshard. «Es ist wichtig, dass die Kundschaft sich wohlfühlt. Daher muss man sich den Erwartungen anpassen können.» Auch regionale Unterschiede gelte es zu berücksichtigen. «Wir stellen fest, dass die Welschen eher beim Sie bleiben als die Deutschschweizer. Die Tessiner wiederum duzen schneller als die Deutschschweizer», sagt Bosshard. Allgemein gelte: «In der Schweiz herrscht bis heute eher eine Sie-Kultur. Migros übernimmt das als Traditionsunternehmen.»

Wie es sich gehört

Im Gegensatz zu Unternehmen, die das Du jetzt einführen, ist es bei internationalen Unternehmen längst selbstverständlich. So löst die Frage nach dem Duzen bei Novartis eher Erstaunen aus, und keine ausführliche Erklärung der Beweggründe hinter dem Du. Novartis-Mediensprecher Satoshi Sugimoto sagt: «Eine entsprechende Regelung gibt es bei Novartis nicht.» Da man am Hauptsitz Menschen aus über 100 Nationen beschäftige, sei die Konzernsprache Englisch. «Im Englischen ist die Anrede per Vorname üblich und in diesem kulturellen Kontext neutral in Bezug auf den Umgang miteinander.»

Das weitgehende Fehlen fester Regelungen bezüglich Duzen und Siezen in Unternehmen lässt darauf schliessen, dass das richtige Fingerspitzengefühl erwartet wird. Aber woher weiss man, wie man sich richtig benimmt? Stilberaterin Danièle Gepner hält fest: «Natürlich hat das Englische einen grossen Einfluss auf unsere Umgangsformen. Aber ich finde, gutes Benehmen sollte man den regionalen Gegebenheiten anpassen. Wir sind hier in der Schweiz und haben zumindest in offiziellen Kontexten eher eine Sie-Kultur.» Darauf bauen einige Workshops und Benimmkurse auf, die sie im Rahmen ihrer Imageberatung «Coach&Style» anbietet. «Wenn jemand nicht hier aufgewachsen ist und die Gepflogenheiten nicht kennt, kann souveränes Auftreten schwierig sein», sagt Gepner. Sich anzupassen, gehöre eben auch zum Anstand.

Hier gebe es zum Beispiel klare Grundregeln, wer wem das Du anbieten darf. «In einer Firma bietet der Ranghöhere dem Rangniedrigeren das Du an, unabhängig von Geschlecht oder Alter. Im Alltag haben Ältere gegenüber Jüngeren dieses Vorrecht.» In gehobenen Kreisen gelte, dass die Frau dem Mann das Du anbietet. Und im Zweifelsfall sei ein Sie immer die elegantere Lösung. Wie man ein Du höflich ablehnt, sei es dann schon komplizierter. «Das ist heikel, aber wenn man höflich und ohne Überheblichkeit erklärt, warum einem das Du nicht angenehm ist, wird das in der Regel akzeptiert.» Dass sich das Du in Firmen immer mehr durchsetzt, stellt Gepner auch fest. «Es ist aber wichtig, sich bewusst zu sein, dass man auch per Du den Respekt und die Wertschätzung wahren muss.» Beim Duzen rutsche einem in einer Konfliktsituation vielleicht schneller etwas heraus wie «Du bisch doch e Dubel!»

Besonders im Umgang mit Kunden empfindet Gepner das Duzen manchmal als flapsig. «Wenn eine Verkäuferin in einem Modegeschäft zu mir sagt ‹Hey, steht dir super›, dann ist das für meine Generation schon fast schockierend.» Es brauche da dringend Feingefühl. «Man muss sich kulturell und sozial der Situation anpassen, wenn man keinen Fauxpas riskieren will.»

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