IT-Kompetenz

Sind beide Basel bereit für den nächsten grossen Umbruch?

US-amerikanische Schüler während einer Programmierlektion: Jugendliche geniessen die Kreativ-Möglichkeiten der neuen Technologien.

US-amerikanische Schüler während einer Programmierlektion: Jugendliche geniessen die Kreativ-Möglichkeiten der neuen Technologien.

Bezüglich Kompetenz in den Informationstechnologien sei die Region schwach auf der Brust, vermeldete der Wirtschaftsbericht beider Basel. Selbst wenn es im Bildungsbereich und in der Politik nicht so schnell geht wie bei den Software-Generationen: Man hat sich auf den Weg gemacht.

Der Befund ist alarmierend: «Der Schwachpunkt der Region liegt insgesamt in der mangelnden IT-Kompetenz.» So steht es im Wirtschaftsbericht beider Basel, den die beiden Regierungen letzten Sommer publiziert haben. IT steht für Informationstechnik, also Computer, Netzwerke, etc. Oft ist auch von ICT die Rede: Information and Communications Technology. Schwächeln die beiden Basel also ausgerechnet bei jener Querschnitt-Technologie, die für die Zukunft der Digitalisierung, Roboterisierung, Automatisierung oder «Industrie 4.0» entscheidend ist?

«Es geht um eine allgemeine europäische IT-Schwäche», relativiert Kai Gramke, der als Bereichsleiter bei BAK Basel Economics für die grossen Trends zuständig ist. Er betont jedoch, Innovation werde künftig vor allem durch die Vernetzung bestehender Technologien entstehen. Dafür sei IT ein entscheidendes Instrument. «Für einen Pharma-Forschungsstandort wie Basel stellt sich die Frage: Gelingt dieser nächste, IT-basierte Schritt hier, oder geschieht er in Kalifornien?» Anders gefragt: Werden die für die Vernetzung erforderlichen Standards in der Basler Pharma definiert? Oder appliziert man im Silicon Valley IT-Wissen auf die Pharmabranche? 

Spitzenposition behaupten

«Wer die Standards setzt, führt», betont Gramke und leitet daraus ab, was er in den Wirtschaftsbericht beider Basel geschrieben hat: «Gefahren innerhalb der Pharmabranche liegen in der mangelnden Vernetzung und Analyse von Forschungsdaten im Sinne von Big Data.» Das Risiko für die Region Basel bestehe darin, dass Entwicklungssprünge, die das Bisherige aus den Angeln heben – sogenannt disruptive Entwicklungen –, ausserhalb der Region und ausserhalb der Life Sciences stattfinden.

Internationale Unternehmen etwa aus der Big Pharma können ihre IT-Spitzenkräfte weltweit rekrutieren. Und viele IT-Dienstleistungen sind längst ausgelagert, beispielsweise nach Indien, wo unter anderem die Software für die SBB-Billettautomaten geschrieben worden ist.

Doch auch KMU, die ihr Personal regional rekrutieren, können sich der Digitalisierung nicht entziehen. «Das Bildungssystem muss fit gemacht werden für die Bildung in der digitalisierten Welt», fordert deshalb der Münchensteiner alt SP-Landrat und alt Bildungsrat Bruno Krähenbühl und rennt offene Türen ein: «IT-Kompetenz ist in der Tat ein wichtiger Faktor», bestätigt Christoph Buser, Direktor der Wirtschaftskammer Baselland. «Die Wirtschaftskammer setzt sich gerade im Bereich duale Bildung dafür ein, dass die entsprechenden Kompetenzen an den hiesigen Schulen verstärkt vermittelt werden.»

Hardware «ziemlich teuer»

Das ist leichter gefordert als bezahlt: War vor nicht allzu langer Zeit die Ausrüstung der Schulen mit PC das Ziel, war bald von Laptops die Rede. Heute geht es um Tablets, und in Kürze dürfte man über Datenbrillen diskutieren, mit denen man gemäss «Frankfurter Allgemeine Zeitung» in Deutschland bereits im Unterricht experimentiert.

Doch nicht nur die technische Innovationsgeschwindigkeit belastet die Budgets der Schulen und Kantone, sondern auch der nötige Umfang der Infrastruktur: Sollen sich alle Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler in ein Netz einloggen können, seien die Bandbreiten ständig weiter auszubauen, berichtet Dieter Baur, Leiter Volksschulen im Erziehungsdepartement Basel-Stadt.

Man achte darauf, bei Anschaffungen den bestehenden Gerätepark zu ergänzen und nicht zu ersetzen. Dabei falle nicht nur das Kostenargument ins Gewicht, sondern auch Fragen wie Wartung, Support und Sicherheit. «Das ist ziemlich teuer.» Hinzu komme, dass sich nicht für jedes Schulhaus die gleichen Geräte eignen: Reicht das Raumangebot für ein separates Informatik-Zimmer, so tendiere man zu den solideren Desktop-Computern. Mangle es dagegen an Raum, entscheide man sich für tragbare Laptops, mit denen man dann in den Klassenzimmern arbeitet, sagt Baur. Basel-Stadt habe sich entschieden, den Lehrpersonen mit Infomentor eine Software zur Verfügung zu stellen, die den modernen Anforderungen genüge. Die Erprobung sei im Gang, die flächendeckende Einführung auf Stufe Volksschulen sei für das Schuljahr 2017/18 geplant.

Schwieriges Benchmarking

Auf die Komplexität weist auch Petra Schmidt hin, stellvertretende Generalsekretärin der Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD). So wie die Digitalisierung sich quer durch alle Branchen – vom Zimmerman, der auf CNC-Automaten zugeschnittene Balken verbaut, bis zum Pharmaforscher, der seine Resultate für die personalisierte Medizin durch Big Data erreicht – für grundlegende Veränderungen sorgt, so ist die IT im Bildungswesen auf schier unüberblickbar vielen Ebenen präsent: Dies reicht von der Stufen-Differenzierung – vom Kindergarten bis zu Uni und Berufsschulen – über die Digitalisierung von Lehrmitteln in unterschiedlichen Fächern und die Vermittlung von Anwender- und Programmierfähigkeiten bis hin zur Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte oder den Hardware- und Systemfragen.

Dies erschwert einen interkantonalen Vergleich, zumal auch auf diesem neuen schulischen Feld jeder Kanton selbst an Lösungen arbeitet. Ein gemeinsamer Start aller Kantone sei unter anderem deshalb kaum möglich, weil die Mitsprache der Gemeinden in Schulfragen nicht in allen Kantonen gleich geregelt ist, berichtet Christoph Straumann, Leiter des Stabs Informatik der BKSD.

Im Baselbiet ist man im Projekt «Informatik Schulen Baselland (IT.SBL)» stolz auf die neu eingeführte zentrale Schuladministrationslösung (SAL). «Baselland ist der erste Kanton, der über eine schuladministrative Lösung verfügt, die über drei Schulstufen hinweg und mit direkten Nutzungsmöglichkeiten für Lehrpersonen, Lernende und Eltern im Einsatz ist», erklärt Straumann.

Hinzu kommt ab kommendem Sommer ein Pilotversuch in zwölf Klassen, in welchem alle Schülerinnen und Schüler für einen mittleren dreistelligen Betrag mit einem eigenen Gerät ausgestattet werden. «Anstatt Bücher herumzuschleppen, hätten Schüler in Zukunft ihre Lehrmittel auf ihrem IT-Gerät», erklärt Schmidt.

Umstrittener Lehrplan 21

In eine ähnliche Richtung gehen die Überlegungen in Basel-Stadt. Doch was erst in einem vierköpfigen Team angedacht ist, muss Ende Jahr durch die Regierung und den Grossen Rat genehmigt sein, damit die Kosten ins Budget 2019 eingestellt würden.

Auf einen anderen Punkt in den politischen Abläufen weist Franz Saladin, Direktor der Handelskammer beider Basel, hin: «Um am Puls der Zeit zu bleiben, ist es unerlässlich, Kindern und Jugendlichen nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch, wie dieses Wissen angewendet wird. Und genau das gibt der Lehrplan 21 vor, indem vermehrt auf Kompetenzen gesetzt wird. Wir fordern deshalb auch vom Kanton Baselland dessen rasche Einführung.»

Bei der IT-bezogenen Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte gibt es in den beiden Basel hingegen keinen Unterschied, denn diese ist in der Pädagogischen Hochschule für den Bildungsraum Nordwestschweiz angesiedelt.

Private Talent-Schürfer

Doch wie sieht das Thema aus Sicht der betroffenen Kinder und Jugendlichen aus? Florian Schaulin leitet die Basler Niederlassung des internationalen Software-Konzerns Adobe. Er verweist auf eine kürzlich durchgeführte internationale Studie, die Adobe in der vergangenen Woche an der Bildungsmesse Didacta 2017 in Stuttgart vorgestellt hat. «Sie beleuchtet die Sichtweise der Generation Z» – also die Jahrgänge 1995 bis 2010 – «in Bezug auf Karrieremöglichkeiten und digitale Kompetenzen. Dabei stellte sich heraus, dass sich Schüler zwischen elf und 17 Jahren mehr Praxis im Umgang mit digitalen (Kreativ-) Tools im Klassenzimmer wünschen.»

Die Beobachtungen von Rolf Schaub, Leiter Informatik der Gewerblich-Industriellen Berufsfachschule Muttenz (GIBS) sowie Präsident des Fördervereins ICT Scouts & Campus, deuten in eine ähnliche Richtung: «Zwölf Prozent der Achtklässler wollen Informatiker werden.» Dem stehe allerdings eine wichtige Hürde im Weg: «Für 250 Jugendliche, die eine Schnupperlehre suchen, gibt es jeweils nur 30 bis 40 Plätze. Sie können also den Beruf nicht kennenlernen.»

Der von Schaub initiierte Verein ICT Scouts & Campus verkündet auf seiner Website: «Bis zum Jahr 2022 werden der Schweiz 30 000 IT-Fachkräfte fehlen.» Deshalb treten die ICT Scouts als fahrende Talentjäger auf, die in Schulen Workshops durchführen, um vor allem auch Mädchen für IT-Berufe zu begeistern. In ihrem Campus in Muttenz können die Kids dann während dreier Jahre schulbegleitend ihre Kenntnisse vertiefen. Derzeit betreut er 40 Jugendliche in Talentgruppen. Bis zu den Sommerferien sollen es im Vollbetrieb 200 werden. Davon sind – dies ist Schaubs besonderer Stolz – die Hälfte Mädchen.

Der Verein wird derzeit noch durch öffentliche Mittel – darunter der Kanton Baselland – finanziert und arbeitet unter anderem mit Basel Area Swiss, der Standortpromotion beider Basel und des Kantons Jura, zusammen.

Algorithmen im Koch-Unterricht

«Die Vermittlung von IT-Kompetenz ist nicht abhängig von der Hardware, die an einer Schule vorhanden ist», erklärt Schaub. Eine Studie der Universität Bern habe ergeben, dass es bezüglich der Fähigkeiten der Schüler keinen Unterschied gebe zwischen Schulen mit guter oder schlechter Infrastruktur.

«Es kommt vielmehr darauf an, Problemlösungs-Prozesse und -Strategien zu erkennen.» Bei diesem «Computational Thinking» gehe es darum, Problemstellungen so aufzubereiten, dass die Lösung durch eine Abfolge von Ja-/Nein-Entscheidungen erfolgt, denn nichts anderes machen Computer. «Dann weiss man, was ein Algorithmus ist. Dieses ‹Computational Thinking› lässt sich in andere Fächer einbauen, sogar in den Kochunterricht», meint Schaub.

Er weist aber auch darauf hin, dass sich Kompetenzen einer abgestuften Bewertung durch Noten entziehen: «Entweder hat man eine Kompetenz, einen Kuchen zu backen, oder man hat sie nicht. Es gibt keine halben Kompetenzen.» Das digitale Denken – Eins oder Null, Ja oder Nein, erfüllt oder nicht erfüllt – kollidiert mit herkömmlichen Denkmustern. «In der Praxis hat man auch in der Informatiklehre Noten beibehalten, sonst könnte man ja bei den Lehrabschlussfeiern nicht die Absolventen im Rang feiern.»

Verlierer vermeiden

Digitalisierung ist also nicht nur eine in vielen Bereichen anwendbare Methode, sondern erfordert nicht zuletzt eine spezifische Weltsicht. Dies stösst auch auf Skepsis: «Wenn es stimmt, dass die technisierte Arbeitswelt bald keine Menschen mehr benötigt, hat derjenige die besten Aussichten, der etwas zu bieten hat, was weder digitalisiert noch automatisiert werden kann», schrieb der Wiener für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik, Konrad Paul Liessmann, kürzlich in der «Neuen Zürcher Zeitung».

Die Abteilung «ICT Bildung» befasse sich deswegen nicht nur mit den potenziellen Bedürfnissen der Wirtschaft, sondern der Gesamtgesellschaft, heisst es dazu in der Baselbieter BKSD. Und im Bildungsdepartement Basel-Stadt erklärt Thomas Grossenbacher: «Die Schule muss sowohl analoge als auch digitale Kompetenzen vermitteln. Wir dürfen nicht blauäugig in die Digitalisierung hineinlaufen, sondern müssen dafür arbeiten, dass es keine Verlierer gibt.»

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