Jugendchorfestival
Singen ist cool!

Mit teils sängerischer Brillanz, vor allem aber mit ihrer begeisternden Ausstrahlung besetzen Chöre nicht nur die Kirchen und Konzertsäle, sondern auch Strassen und Plätze der Innenstadt.

Reinmar Wagner
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Europäisches Jugendchorfestival
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Europäisches Jugendchorfestival

Juri Junkov

Wenn die Schweden mit einem ABBA-Medley begeistern oder das Gymi Muttenz mit Züri West, wenn die Spanier nicht bloss Flamenco, sondern auch eine arabische Hochzeit mitbringen, die Basler «Vivo» mit viel Freude am extrovertierten Auftritt Michael Jackson singen oder die Slowenen ein vokales Musiktheater aufführen, in dem sie uns in einen Wald voller Affen und exotischer Vögel entführen – dann ist Europäisches Jugendchorfestival in Basel.

Zum elften Mal fand es statt, ein Schaufenster für die Besten des Kontinents, mit starker Beteiligung der Basler Chorszene, die neben den Muttenzern und «Vivo» mit der Mädchen- und Knabenkantorei vertreten war. Die Vielfalt ist gross, ebenso die Qualität der eingeladenen Chöre, die teilweise mit den besten professionellen Vokalensembles mithalten können. Wenn man etwa an die Däninnen denkt, die Mädchen von der Elite-Musikschule in Ungarn oder die Musikstudenten aus Slowenien oder Tel Aviv. Bei anderen steht eher das Mitmachen im Vordergrund, in Ensembles, wo einmal die Woche geprobt wird, und mitsingen darf, wer Freude daran hat.

Positive Bilanz

Die Veranstalterinnen des 11. Europäischen Jugendchorfestivals ziehen eine positive Bilanz: Das Niveau sei an allen fünf Tagen sehr hoch und der Publikumsandrang bei den 40 Auftritten gross gewesen. Festivaldirektorin Kathrin Renggli zeigt sich sehr erfreut: «Praktisch alle Konzerte fanden in ausverkauften Häusern statt; wir mussten bei mehreren Konzerten leider Publikum abweisen. Es bewährt sich, die begehrten Tickets jeweils im Vorverkauf zu kaufen.» Diesen Rat sollte man sich merken. Das nächste Europäische Jugendchor Festival findet in zwei Jahren statt.

Aber auch Schweizer behaupten sich in der europäischen Elite: «Vivo» durchaus, oder «Jutz», die nichts anderes tun als sehr schön zu jodeln, und vor allem «Incantanti» mit hoher Klang- und Intonationsqualität aus Graubünden. Sie brachten auch eine Uraufführung nach Basel mit, zusammen mit dem Chor aus Fribourg und der Kammerchor-Auswahl des Gymnasiums Muttenz: Im Rahmen eines «Songbridge»-Konzerts – eine Chor-Begegnungs-Reihe, die üblicherweise international funktioniert, in der vierkulturigen Schweiz problemlos aber auch national – trafen die drei Chöre und drei Uraufführungen aufeinander: die Bündner mit romanischer Poesie und impressionistischen Gebirgsstimmungen, die Fribourger mit ihrem «Ranz des vaches» und zweisprachiger Kaffeekultur, die Baselbieter nicht nur mit den beiden Basler Hymnen, sondern einem witzigen Potpourri an Melodien und Stilen, die Stefan Furter mit vielen schrägen Vögeln anreicherte und von Ländler über Tango und Klezmer bis zum Trauermarsch nichts ausliess, was sich als musikalische Signatur eignet.

Jeweils ein Gastchor aus Übersee macht das europäische Festival zum weltverbindenden Treffen. Diesmal war aus Südafrika ein Knabenchor eingeladen – Markenzeichen: blaue Gummistiefel und viel Rhythmus. Eindrücklich, wie der Puls hier regelrecht aus dem Bauch kommt, wie die Körper in diesem Takt schwingen in ausgefeilten Choreografien voller Athletik und kraftvoller Präsenz – eine eigenständige Farbe im Festival. Interessant auch, wenn versucht wird, das Konzert-Format aufzubrechen. Wenn es zum Sitzen nur noch ein paar Sofas, Kisten und Kissen gibt, wenn in der grossen Halle weder dem Publikum, noch den Chören ein fester Ort zugewiesen wird, sondern sich alle mit- und durcheinander jeweils wieder von neuem ihren Platz suchen. Dann darf geschwatzt und gelacht werden, viele Kleinkinder spielen herum, manche tanzen, Getränke und Kekse werden verkauft. Die Nähe zu den Singenden fasziniert, die Stimmung wird zunehmend lockerer.

Der Albtraum des Chorleiters

Das ist sie auch, wenn man draussen singt, auf den Strassen und Plätzen, mit Kerzen nachts auf dem Marktplatz, wo sich die Chöre treffen und spontan mit- und gegeneinander singen. Es ist fast wie am Morgestraich. Bloss an der Fasnacht haben alle Trommeln, hier nur die Afrikaner – einen handfesten Vorteil. Gelegenheit, gegeneinander anzusingen, gab es zahlreiche, die anspruchsvollste bei der «Parade à l’envers» (Honny soit que Enfer pense): Aufgereiht entlang der Route sangen die 18 Festivalchöre, und das Publikum promenierte mitten durch sie hindurch. Ein Albtraum für Chorleiter, aber was zählt, und was sie alle, woher sie auch kommen, teilen, ist die Freude am Singen, an der Musik, am Sich-Bewegen zu dieser Musik: Singen ist cool!