Basel

Sizilianische Dorfplatzstimmung in einem Basler Coiffeur-Salon

Familientreff: Pippo und seine Ehefrau Lia Milone im Damensalon, links Lias Schwester, auf dem «Thron» ihre jüngste Tochter. Juri Junkov

Familientreff: Pippo und seine Ehefrau Lia Milone im Damensalon, links Lias Schwester, auf dem «Thron» ihre jüngste Tochter. Juri Junkov

Lia und Pippo Milone führen seit 20 Jahren einen Coiffeur-Salon. Doch es geht da um viel mehr als um Haare. Die Familie trifft sich im Salon und viele Kunden kommen seit Jahren regelmässig zum Haare schneiden und frisieren.

Als langjähriger Stammkunde weiss man: Hier, bei Giuseppe «Pippo» und Lia Milone, ist nicht auf den ersten Blick klar, wer Kunde ist und wer Besucher. Da wird immer etwas verhandelt. Es trudeln Bekannte und Verwandte ein, es werden Geschichten ausgetauscht. Mitten im Satz wird von Italienisch auf Deutsch gewechselt. Das klingt dann so: «Ho vier Winterpneu da vendere, tu le vuoi? Sinn fascht neu!» Ein sehr wichtiges Thema ist Fussball. Gute Karten hat, wer sich da diskussionsmässig einbringen kann, wobei es Juve-Fans bedeutend einfacher haben als Lazio- oder AC-Milan-Anhänger.

Seit 20 Jahren im Quartier

Seit 20 Jahren ist Pippo hier im Quartier, an der äusseren General-Guisan-Strasse, Lia, ebenfalls mit italienischen Wurzeln, seit 13 Jahren. Auf das Jubiläum hin im vergangenen Jahr haben sie nochmals tüchtig investiert, besonders in den Damensalon, der im hinteren Teil des Ladens bislang ein Schattendasein fristete. Dort schwingt Lia Kamm und Schere.

Noch ein Jahr zuvor war nicht klar, wie es mit dem Laden weitergehen soll. Das Haus stand zum Verkauf, sie hätten eigentlich auch gerne gekauft, doch aus irgendwelchen Gründen war das nicht möglich. Pippos machten sich auf einen Auszug gefasst. Doch dann kam die grosse und positive Überraschung: Die neue Hausbesitzerin war sehr angetan vom Coiffeursalon und der dort herrschenden guten Stimmung. Sie investierte ebenfalls, es gab neue Vitrinen, neue Spiegel … Die Miete wurde nicht erhöht. «Wir sind begeistert von unserer Vermieterin», sagt Lia. So etwas ist selten zu hören.

Rasieren nach alter Schule

Pippo ist einer der wenigen, der noch nach alter Schule rasiert: mit dem Messer. Es sind zwar nicht mehr die Rasiermesser, die bei jeder Rasur übers Leder gezogen werden müssen, aber immerhin. «Das Barbiere-Zubehör bestelle ich in Italien, nicht wegen des Preises, sondern weil es ihn in der Schweiz nicht gibt, nicht diese Qualität. Die Seife heisst «Proraso». Sie muss gründlich in die Haut gepinselt werden. «Sonst wird der Schnitt nicht gut.» Das Aftershave hört auf den Namen «Floïd», sieht aus wie Aperol-Spritz, ist aus einer Flasche im 50er-Jahre-Design und riecht auch so. Das Handwerk des Rasierens hat Pippo vor 38 Jahren gelernt, in seinem Geburtsort Maletto auf Sizilien.

Er hatte offensichtlich Talent. Mit 14 Jahren übernahm er das Geschäft seines Chefs, der sich nach Deutschland verabschiedete. Es war streng: am Morgen Schule, am Nachmittag rasieren, bis abends 23 Uhr. Am Nachmittag gabs kein Wasser mehr. Viele alte Männer kamen zur Rasur, zweimal in der Woche meist. Bezahlt wurde vielfach mit Olivenöl, Mehl, am Jahresende oder gar nicht. Die Zahnlosen unter ihnen mussten eine Kartoffel in den Mund nehmen, weil sie sonst nicht zu rasieren gewesen wären, mit ihren eingefallenen Wangen und Lippen. Die Kartoffel wurde kurz abgerieben und wiederverwendet. Von dieser schönen Tradition hat Pippo Abstand genommen. Ein bisschen ändern sich die Zeiten doch.

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