Herr Bürgin, Herr Wyss, wir sitzen hier beim Basler Theaterplatz – in den 90er-Jahren der Skatetreffpunkt, bis Sie vertrieben wurden.

Oli Bürgin: Das war ein herber Schlag, das Ende. Aber wir konnten lang um die Pyramiden kurven, bis hier gekiest wurde.

Schon damals zogen Skater nicht nur Buben mit Brettern an. Es war auch für viele Zaungäste ein Treffpunkt. Ist Skaten eine Jugendbewegung?

Bürgin: Bewegung auf jeden Fall! Stillstand ist nie interessant. Nein, ernsthaft. Es ist schwierig, das so auszuschmücken. Aber Skaten ist sicher mehr als nur eine Sportart oder ein Hobby. Da kommen ja auch Kollegen mit, die nicht skaten. Darum war es cool, einen Treffpunkt mitten in der Stadt zu haben.

War dieses «Mehr als nur Sport» für das Sportmuseum der Grund, der Szene eine Ausstellung zu widmen?

Benedikt Wyss: Der erste Grund ist sehr persönlich: Ich skate selbst und hatte so die Beziehungen und Grundlagen, die Ausstellung umzusetzen. Aber vieles war vor meiner Zeit. Da bin ich in der Forscherrolle. Anfangs 80er waren die Skater übrigens mehr die Aussenseiter, die Freaks, nicht die Coolen. Mit der neuen Skatebowl «Port Land», diesem neuen Leuchtturm der Szene, war es Zeit für eine Retrospektive. Mit diesem Highlight der Do-it-Yourself-Kultur passierte etwas Stadtrelevantes. Skaten wurde zum Stadtgespräch wie schon lange nicht mehr. Die Skater wurden in der Klybeck-Zwischennutzung zum Vorzeige-Projekt, zu den Strebern unter all den Alternativen. Das ist schon interessant.

Was brachte Ihnen die Arbeit als «eingebetteter Kurator» für neue Einsichten in die Skate-Szene?

Wyss: Sportartenspezifische Ausstellungen macht das Sportmuseum ja immer wieder. Speziell war diesmal, dass die meisten Exponate aus der Szene selbst stammen.

Der Do-it-Yourself Charakter der Szene steckt also auch in der Expo?

Wyss: Genau. Es war mir auch wichtig, das gemeinsam zu entwickeln, damit die Skater nicht finden: «Das ist Bullshit!» – und ich könnte mich nie mehr an der Bowl blicken lassen.

Wann würden Sie den Beginn der Basler Skate-Szene datieren?

Wyss: Das war wohl Anfang der 70er-Jahre auf dem Bruderholz. Als auf dem feinen Belag Slalom und Handstände trainiert wurden.

Die ersten Skater übten sowieso eher Akrobatikeinlagen auf dem Brett denn Sprünge und Figuren.

Bürgin: Früher waren die Disziplinen klarer messbar. Wer springt am höchsten? Wer fährt am schnellsten Slalom?
Wyss: Die ersten Basler Skater übten dies täglich und Marcel Flubacher wurde Anfang der 80er sogar Weltmeister im Highjump. Selbst im Freestyle wurden die Tricks vorgegeben und man bekam Noten für Schwierigkeit und Ausführung. Interessanterweise wurden damals klare Strukturen und Vereine mit geregelten Trainings angestrebt. Das scheiterte. Der Boom fiel in sich zusammen. Skaten kam erst fünf Jahre später um den Theaterplatz wieder auf.

Und heute ist Basel eine europäische Skate-Hochburg. Oder ist das lokalpatriotisch verblendet?

Bürgin: Lange war Basel Skate-Provinz. Die grossen Events waren immer in Zürich und Genf. Erst als wir hier 10 Jahre lang die Europameisterschaften organisierten, kamen die internationalen Skater und lernten die Stadt kennen und lieben.

Die EM wurde vor drei Jahren mangels Sponsorengelder eingestellt. Ist damit der zweite Versuch, Skaten als Wettkampfsport zu bestreiten, gescheitert? Gehört Skaten einfach nur auf die Strasse?

Bürgin: Das ist doch etwas überspitzt. Im Gegenteil, es scheint fast nur noch eine Frage der Zeit, bis Skaten olympisch ist.

Damit hier eine grosse, urbane Szene entstehen konnte, musste wohl weg vom Bruderholz, ein zentraler Platz wie beim Theater erobert werden?

Wyss: Klar war das ein gutes Schaufenster.

Als man dann von dort vertrieben wurde: War das der Antrieb, selbst Rampen und Plätze zu bauen?

Bürgin: Weniger aus der Vertreibung als aus der Situation, dass es in der Stadt eh kaum Optionen zum Skaten gab. Eine Miniramp gab es schlicht nicht. Auf dem Land, in Arlesheim oder Reinach noch viel weniger. Also fingen wir selbst an, etwas zusammenzuschrauben. Der Gipfel war, als wir auf dem NT-Areal gemeinsam unsere erste Bowl bauen konnten. Dass die «BlackCrossBowl» auf dem NT so legendär wurde, hat nicht bloss mit dem Skaten zu tun. Schon allein die Lage in der beinahe europaweit bekannten Partyzone trug viel zum Leben dort bei.

Wie verwurzelt die Skate-Szene heute ist, sah man, als Sie für die neue Bowl über die Crowdfunding Plattform «wemakeit.ch» Geld mobilisieren wollten. Statt der angestrebten 4000 Franken kamen 10 000 Franken zusammen. Die anfänglichen Aussenseiter werden heute als Beispiel von initiativer Jugendkultur präsentiert.

Bürgin: Was ein Witz ist, wenn ich als bald 40-Jähriger dann hinstehen muss. Aber die Werbung suggeriert halt, dass Skaten jugendlich ist.

Schaut man dem Treiben um Port Land zu, hat man das Gefühl, Skaten in Basel ist eine Ü-30 Szene.

Wyss: Der Treffpunkt für jüngere ist eher beim Jugi Gundeli.
Bürgin: Ja, der Ü-30 oder gar Ü-35 Charakter ist ein spezielles Basler Phänomen und hat definitiv mit der Szene zu tun, die um die alte BlackCrossBowl auf dem NT-Areal entstanden ist. Das hat viele Skater aufs Brett zurückgebracht, die kaum mehr rollten.
Wyss:Nun haben endlich auch die alten Basler ein Jugendhaus.

Wie viel Respekt die Skater in der Jugendszene geniessen, sieht man daran, dass nun, nach einem Jahr noch immer kein Tag oder Graffiti auf Port Land zu sehen ist.

Bürgin: Das hat wohl schon mit Respekt zu tun. Ich denke, die seriösen Sprayer checken, was wir gemacht haben. Wenn mal was kommt, wird es sicher kein schönes Graffiti sein, sondern etwas Verblödetes.

Vor zehn Jahren hättet ihr alle noch in der ersten Nacht selbst Riesenpenisse darauf gemalt!

Bürgin: Die haben wir alle vor dem Betonieren gezeichnet – als eine Art Wasserzeichen.