Google Reviews
So abstrus bewerten Ehemalige die Gymis in der Region: «Alle nett, vor allem Nicholas»

Google bestimmt unser Leben. Fast alles kann via die Suchmaschine bewertet werden. Sogar Schulen. Wir haben uns die Reviews der zehn Gymnasien in Baselland und Basel-Stadt angeschaut – und sind auf Erstaunlich-absurdes gestossen.

Benjamin Wieland
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«Der Name ist irreführend. Ich dachte, im Vorhof wäre ein schöner Kirschgarten.» Trotz dieser Riesen-Enttäuschung gab der Abgänger seiner früheren Schule gute Noten. Zumindest auf Google.

«Der Name ist irreführend. Ich dachte, im Vorhof wäre ein schöner Kirschgarten.» Trotz dieser Riesen-Enttäuschung gab der Abgänger seiner früheren Schule gute Noten. Zumindest auf Google.

zvg

Eines haben wir alle gemeinsam: Wir sind alle mal zur Schule gegangen. Einige lang, andere weniger lang (und manche noch immer oder wieder). Einigen gefiel diese Zeit – andere sind froh, müssen sie Schulhäuser nur noch von aussen betrachten.

Was neu ist: Die früheren Orte der Freude, des Leids, der Langeweile, des ersten Kusses und des ersten Joints kann man jetzt auch bewerten. Auf Google. Statt Schulnoten gibt’s Sterne. 0 ist schlecht – 5 ist sehr gut.

Wir haben uns die Reviews der zehn Gymnasien in Baselland und Basel-Stadt angeschaut. Das Resultat entspricht nicht gerade dem, was wir erwartet hätten.

Ein kleiner Tipp an die Rektorate, die wohl mit ganz anderen Problemen fertig werden müssen. Etwa mit versoffenen Lehrern, mit stinkenden Garderoben, oder mit Zimmern, in die es hinreinregnet: Konzentriert Euch auf die Mensa! Die Mensa macht vieles wett. Denn Schule geht offenbar auch durch den Magen.

Rang 1: Gymnasium am Kirschgarten: 4,1 Sterne: «Göhn in migros statt coop»

«Besseri Töpf als im Leo...»: Gym Kirschgarten.

«Besseri Töpf als im Leo...»: Gym Kirschgarten.

CH Media

Das hätte wohl kaum jemand erwartet. Das «Kirschgarten» auf Platz eins! Das könnte aber weniger mit dem pädagogischen Personal zu tun haben, wie die achtplatzierte Rezension erahnen lässt. «Besseri Töpf als im Leo...», heisst es da. Weil sich der Verfasser als Mann ausgibt und mit Leo das Gym Leonhard gemeint ist, dürfte es sich bei Töpf um eine Umschreibung für das weibliche Geschlecht handeln. Eine Position weiter oben findet einer: «Isch ser cul goys». Ser cul ist offenbar auch die Lage gleich beim Bahnhof SBB. Das Umfeld macht es aus. Ein Local Guide empfiehlt: «Göhn in de 10i pause in migros statt coop, het weniger lüt.» Danke für den Tipp!

Unzufrieden mit der Schule war offensichtlich der User namens Yarl ItrNews. Er schreibt: «Grösste Müll». Näher auf seinen Groll ein geht ein anderer: «Anfangs war ich enttäuscht», schreibt er, «denn der Name Kirschgarten ist meiner Meinung nach ein wenig irreführend. Ich dachte im Vorhof wäre ein schöner ‹Kirschgarten› in dem man gemütlich lernen könnte. Doch wie sie erahnen können ist nicht von alle dem Realität.»

Der Enttäuschte vergibt trotzdem 4 Sterne – und er macht der Schulleitung ein Angebot: «Würde man einen Kirschgarten anpflanzen würde es auch 5 Sterne geben.»

Rang 2: Gymnasium am Münsterplatz: 3,8 Sterne:
«Alle nett, vor allem Nicholas»

«Mir hän bis jetzt no kei film gluegt :(»: Gymnasium am Münsterplatz.

«Mir hän bis jetzt no kei film gluegt :(»: Gymnasium am Münsterplatz.

CH Media

Weiter zum früheren Humanistischen Gymnasium (HG). Dem «Little Eton» von Basel. Dem Hütedienst für den Daig-Nachwuchs. Mit inoffizieller Schuluniform für die Männer, zumindest früher: Polo-Sport-Hemd (in der Regel blau), Burberry-Schal und -Socken, Jeans, Timberland-Schuhe, dazu halb abgelöschter, halb melancholischer Blick.

Das Gymnasium am Münsterplatz (GM), wie es seit geraumer Zeit heisst, erhält 23 Rezensionen und im Schnitt fast 4 Sterne. Das hat seinen Grund, wie gleich die erste Rezension beweist: «Alle Schüler sind nett, vor allem Nicholas.» Nicht nur dieser Nicholas überzeugt offenbar. Ein anderer Herr der Schöpfung schreibt, das GM sei «amazing». Warum? Weil Emma dort sei.

Doch auch die Klischees schlagen gnadenlos durch. Ein gewisser «L F» findet, das GM sei überteuert: «Die Eltern müssen mindestens 6 Millionen im Jahr verdienen (...) alles verwöhnte kleine Kinder!» Weiter geht’s im Miesepeter-Stil. Es sei «ein Gym für Hipster», meint einer, und technik-affin seien die Lehrkräfte auch nicht gerade, heisst es in einer weiteren Kritik: «Mit der ganzen Technik macht man im Unterricht oft nur Müll am PC.» Nicht so zufrieden zeigt sich auch «chuu jihyo», der schreibt: «mir hän bis jetzt no kei film gluegt :(»

Der Rezensent, der sich über die Technik aufgeregt hat, findet dann aber auch noch etwas Positives. «Nur das Hallenbad ist gut», schreibt er. «Es hat warmes Wasser...»

Da bleibt nur, in bester HG-Tradition, ein Spruch in Latein anzufügen: «Difficile est satiram non scribere.» (Schwierig ist es, keine Satire darüber zu schreiben.)

Rang 3: Gymnasium Bäumlihof: 3,5 Sterne:
«schlechteste Mensa seit Langem»

«Am änd wänd sie einem nur irgendwie hälfe»: Gym Bäumlihof.

«Am änd wänd sie einem nur irgendwie hälfe»: Gym Bäumlihof.

CH Media

Im Gymnasium Bäumlihof lässt das Essen zu Wünschen übrig. «Schlechteste Mensa seit Langem», schreibt einer. Das hat aber auch Vorteile, findet Userin «Jen»: «Abnehmen ist auch einfach, auf das Essen verzichtet man freiwillig.» Doch an anderer Stelle heisst es wiederum: «Essen gut». Wir sind maximal verwirrt.

Ein Noah Gianella schreibt in einer Rezension auf Französisch, er habe gute Erinnerungen an diese Schule. Nur könne er noch immer kein Wort Deutsch. Immerhin habe er seine Serie fertig gucken können: Walking Dead. Was das Zweite mit dem Dritten zu tun hat, bleibt Noahs Geheimnis. Oder aber, das ist ein Insider, den nur «Bäumli»-Abgänger verstehen.

Mit dem Deutschunterricht scheint es so eine Sache zu sein im frisch sanierten Gymnasium zwischen Basel und Riehen. «Pixel Slayer TV» schreibt: «Git ächt cooli lehrer anderi lehrer weniger sympathisch aber am änd wänd sie einem nur irgendwie hälfe also positiv seh das ganzi.» Und wer denkt, Kommas und Grossschreibung wären abgeschafft worden, können wir beruhigen. «Pixel Slayer TV» stellt selber fest: «Ps dütsch hani trotzdem nid glernt.»

Von der Mensa und dem Deutschunterricht abgesehen fährt das Bäumlihof gute Noten ein. Stellvertretend dafür: «Ru1». Sein Fazit: «Cool».

Rang 4: Gymnasium Oberwil: 3,5 Sterne:
«Toller Club! Sehr lecker in Flipflops!»

«Ein Ort, wo man den Abend kann ausklingen lassen!»: Gym Oberwil.

«Ein Ort, wo man den Abend kann ausklingen lassen!»: Gym Oberwil.

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Das Gym Oberwil gilt als das beste der fünf Baselbieter Gymnasien. Bei Google holt es aber nur 3,5 Sterne. Warum nicht 5? Die erste Rezension verrät es: Die Schule hinke dem Ruf des Elite-Gymnasiums hintendrein. Einer, der fünf 5 Sterne vergibt, merkt lediglich an: «Kiffergymnasium», mit Daumen nach oben. Das ist also als Kompliment gemeint. Gefallen hat es auch einer Dame, die sagt, sie habe «ein 4-jähriges Abo gelöst. War alles tiptop, habe viel dabei gelernt, aber nach 4 Jahren dann auch genug davon...» Der «Kündigungsprozess am Ende» sei etwas mühsam gewesen.

Crème de la Crème ist die Mensa. Ein Rezensent schreibt: «angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis für ein Sternerestaurant. Schnelle Bedienung, aber etwas unfreundlich. Etwas abgelegene Lokalität, aber gelassenes Ambiente». Dann folgt ein Satz, der überrascht – nicht nur wegen des Satzbaus: «Ein Ort, wo man den Abend kann ausklingen lassen!»

Was geht dort auf dem Hügel eigentlich ab? Ein «Local Guide» namens Lucas schreibt: «Toller Club, Türsteher war etwas provokant aber Ambiente war top!» An der Bar gebe es eine tolle Drink-Auswahl. «Soundsystem auch top!» Und so geht es weiter. Ein «Kainald» schreibt: «Gueti Zäche do Sehr lecker in Flipflops vorallem.»

Liebe Baselbieter Bildungsdirektion: Was wird hier eigentlich gespielt? Ist das Gym Oberwil eine Dépendance des «Stucki»? Unterrichtet Sterne-Köchin Tanja Grandits Kochen? Müssen wir mal Restaurant-Tester Daniel Bumann vorbeischicken?

Rang 5: Gymnasium Laufen: 3,5 Sterne:
«Alle Schüler voll abgehoben»

«Man wird nur auf Persönlichkeit gewertet»: Gym Laufen.

«Man wird nur auf Persönlichkeit gewertet»: Gym Laufen.

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Das Gymi fürs Laufental und für Thierstein kommt offenbar gut an beim Zielpublikum: 3,5 Sterne. «sa 05» hat trotzdem was zu meckern: Das Lehrpersonal sei nicht ernstzunehmen: «Die Lehrer sind komplett unfähig mit den Schülern umzugehen und man wird nur auf Persönlichkeit gewertet.» Was? Nur auf die Persönlichkeit? Das ist ja allerhand! Wir dachten, das Geschlecht, das Einkommen der Eltern oder die Haarfarbe garantiere gute Noten – aber die Persönlichkeit?

Bei «Steve» sind nicht die Lehrerinnen und Lehrer das Problem: «Die Schüler sind alle voll abgehoben.»

Rang 6: Gymnasium Liestal: 3,5 Sterne:
«Schlechtes Restaurant. Pizza schmeckt nicht»

«Kein besonders schönes Gebäude»: Gym Liestal.

«Kein besonders schönes Gebäude»: Gym Liestal.

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«Dieses Gefängnis macht depressiv», ist «dlarsbin» überzeugt. «Kein besonders schönes Gebäude», schreibt «LDZ. «xlbdc» ist kein Fan der Mensa: «schlechtes restaurant. Pizza schmeck nicht gut.» Dass es aber doch etwas Gutes hat, das Gym Liestal, hat ein «Local Guide» herausgefunden: Zwar sei es ein «grauer Block», doch wenn man vier Jahre seines Lebens darin verbracht habe, «hat man meistens immerhin die Matura in der Tasche.»

Gut, das ist bei den meisten Gymnasien so. Das ist ihr Zweck. Am Ende kriegt man die Matur. Meistens. Aber wir lassen dem «Local Guide» die Freude.

Rang 7: Gymnasium Leonhard: 3,1 Sterne:
«Für Dumme und Kiffer»

«Sollte man nicht machen»: Gym Leonhard.

«Sollte man nicht machen»: Gym Leonhard.

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Das «Leo», wie es in Basel genannt wird, gilt als der Hippie unter den fünf Basler Gymnasien. Das passt. Es ist das Fusionsprodukt zwischen dem Gymnasium am Kohlenberg und dem Holbein-Gymnasium, die – hier kommt die schöne Jahreszahl – bis im Jahr 1968 wiederum das Mädchen-Gymnasium bildeten, was vormals die «Höhere Töchterschule» gewesen war. Geblieben sind die Schwerpunkte Sprachen, Musik und Bildnerisches Gestalten, und so gilt das «Leo» noch immer als Schule der Künstler und der Kreativen – und der Freunde des inhalierten THC.

«Leo ist das Gym für Dumme und Kiffer», schreibt einer. Jemand anderes, offenbar ein Vater oder eine Mutter, nervt sich ebenfalls über die Kiffer. «Voll die schlechten Erfahrungen, lohnt sich nicht, (...) nur Kiffer bei meinem Kind in der Klasse.» Nochmals einer schreibt: «sollte man nicht machen». (Ob er das Kiffen oder die Schule meint, weiss er wohl selber nicht.) Dass kiffen bei übermässigem Konsum auf das Gehirn schlägt, beweist diese Rezension: «Scheisssssssseeeeeeee lebe die sind pizzers».

Es gibt aber auch Lob fürs ehemalige Gymnasium am Kohlenberg. Dabei geht’s zwar meist um das Gebäude, den 1906 bezogenen Jugendstilpalast oder «Affenkasten», so eine mittlerweile etwas angejahrte Beschreibung. Aber nicht nur die schmucke Bausubstanz ist Thema: «Einst möcht ich euch sagen», schreibt «André»: «Leo ist ein Ort, an dem man sein kann, wer man will. Man wird nicht kritisiert oder komisch angeschaut, wenn man sich mal nicht anzieht, wie jeder Spasst auf der Strasse.»

Rang 8: Gymnasium Muttenz: 2,5 Sterne:
«Müsste längst abgerissen sein»

«Irgend etwas ist extrem seltsam»: Gym Muttenz.

«Irgend etwas ist extrem seltsam»: Gym Muttenz.

CH Media

Das Gym hat offenbar ein reichhaltiges kulturelles Programm, davon zeugt der gut gefütterte Instagram-Account. Und: Die pädagogische Ausrüstung sei «ganz in Ordnung», heisst es.

Ansonsten ist aber fast nur das Gebäude, das nun immerhin fast ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, Thema, und die Einrichtung. Eine kleine Zusammenstellung: Der 1972 eröffnete Bau sei «in miserablem Zustand» und müsste «längst saniert oder abgerissen» werden. Er sei «aus ökologischer, als auch ökonomischer Sicht nicht mehr zeitgemäss» und «sehr veraltet». Die Stühle seien teilweise kaputt und bei «den Sitzplätzen ist die Hygiene mangelhaft». Ein Kommentator vermisst Selecta-Automaten.

Jemand schreibt das, was wohl auch die Rektorin denkt, angesichts der lediglich sechs Google-Rezensionen über ihre Schule: «Irgend etwas ist extrem seltsam.»

Rang 9: Wirtschaftsgymnasium Basel: 2,5 Sterne.
«Wetterstation funktioniert nicht»

«Leider nichts gelernt»: Wirtschaftsgymnasium.

«Leider nichts gelernt»: Wirtschaftsgymnasium.

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Das Wirtschaftsgymnasium erhält im Schnitt lediglich 2,5 Sterne. Ein schlechter corporate reputation index. In der freien Marktwirtschaft wäre die Marketing-Abteilung längst entlassen worden. Denn wie heisst es so schön: Der Kunde hat immer Recht. Was ist da los an der Andreas Heusler-Strasse in Basel?

In den spärlichen Rezensionen finden sich nur wenige Hinweise. «Die Wetterstation funktioniert nicht richtig», weiss einer. Das geht ja schon mal gar nicht. Ein anderer findet, er habe dort zwar «viel gelernt fürs Leben im allgemeinen, aber leider nichts für die Berufliche Zukunft.» Das stimmt: Alleine im zitierten Satz finden sich zwei Grammatikfehler.

Rang 10: Gymnasium Münchenstein: 2 Sterne:
«Je ne parl pa franz»

«Nid so yäääs»: Gym Münchenstein.

«Nid so yäääs»: Gym Münchenstein.

CH Media

Hier will man lieber nicht drin stecken, wenn es brennt. «Katastrophales Gebäude», schimpft «The Namen». «Notausgang auf der anderen Seite als der Sammelplatz, Geländer endet bereits 5 Stufen bevor die Treppe endet, Fluchtweg für den gesamten Hochtrakt führt durch eine einzelne enge Treppe.» Das tönt nach einem spannenden Escape Room, aber auch die Ästhetik lasse zu wünschen übrig, schreibt «Benj amin»: «Kein sehr schönes Gebäude».

Die Gebäudehülle wird saniert. Und man kann am Gym Münchenstein Russisch lernen und Wahlkurse in Philosophie besuchen. Es gibt die bilinguale Maturität Deutsch/Englisch oder Deutsch Französisch. Bei den so genannten Immersionsangeboten werden Fächer wie Geografie und Geschichte auf Englisch und Französisch unterrichtet. Doch der Sprachunterricht verhängt nicht bei allen. Einer schreibt «Je ne parl pa franz», und ein anderer hält sich knapp in seiner Bewertung: «müll».

Vielleicht kommt bei all dem Gemecker das rebellische Gen des Gyms Münchenstein hervor. Es ist ein richtiger kleiner Revoluzzer. Ein 68-Nest war die Schule: In ihrem Umfeld entstand die Idee für eine Verfassungs-Initiative für den Zivildienst. Die so genannte «Münchensteiner Initiative» wurde 1970 lanciert und 1972 eingereicht. Zwar kam das Begehren beim Volk nicht durch, das war erst in den 1990er-Jahren der Fall. Trotzdem: Münchenstein war in der Schweiz ein Begriff – dank seiner berühmten Schule.

Und die hätte sicher mehr als zwei Sterne verdient. Oder wie es eine Rezensentin ausdrückt: «nid so yäääs».