Arbeitsbedingungen in der Gastronomie

So asozial führt ein erfolgreicher Wirt seine hippen Lokale: «Wer sich wehrt, verliert den Job»

Die «Kleine Freiheit» am Erasmusplatz feierte letzten Oktober Eröffnung.

Die «Kleine Freiheit» am Erasmusplatz feierte letzten Oktober Eröffnung.

Mitarbeitende und Gewerkschaft äussern schwere Vorwürfe gegen den erfolgreichen Wirt der Lokale «Za Zaa» und «Kleine Freiheit».

Bunt zusammengewürfelte Stühle aus der Brockenstube und orientalische Kissen auf der Fensterbank. Das Restaurant Kleine Freiheit am Kleinbasler Erasmusplatz wirkt multikulturell, herzlich und sozial. Seinen Mitarbeitenden versprach der Geschäftsführer Ismail Korkut bei der Einstellung Vertrauen, Grosszügigkeit und Mitspracherecht. Sie dürften das Restaurant nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten und führen.

Nun, fast ein Jahr nach der Eröffnung, ist klar: Diese Versprechen waren leere Phrasen oder vielleicht noch schlimmer; kalkulierter Machtmissbrauch. Innerhalb der vergangenen Monate hat die Leitung mehrmals gewechselt, etliche Mitarbeitende wurden auf die Strasse gestellt.

Keine Pausen und Ruhetage

Die «Kleine Freiheit» gehört zu der Aasamo Gastro GmbH, deren Geschäftsführer ist Ismail Korkut. Auch die Za Zaa Restaurants sind Teil dieser GmbH. Einige Personen, die dort angestellt sind oder es bis vor Kurzem waren, haben sich mit schweren Vorwürfen an die Interprofessionelle Gewerkschaft für ArbeiterInnen (IGA) gewendet. Daraufhin suchte die Gewerkschaft den Kontakt zu weiteren Arbeitnehmenden. Mit etwa 20 Personen ist sie im Gespräch. Viele davon waren in der «Kleinen Freiheit» tätig, manche beim «Za Zaa» am Petersgraben.

Elias Bloch ist Teil einer Unterstützergruppe bei der IGA und vertritt die Anliegen der Angestellten der Aasamo Gastro GmbH. Sie erzählten ihm von willkürlichen Kündigungen auf dem Gang, sechs und teilweise sieben Tage Wochen ohne Kompensation, zehn Stunden Schichten ohne Pausen, Ausnutzung der finanziellen Abhängigkeit und Drohungen.

«Wer sich wehrt, verliert den Job»

Bloch schätzt Ismail Korkut als intelligenten gerissenen Unternehmer ein: «Er hat verstanden, dass man in Basel mit Lokalen, die sich hipp, alternativ und weltoffen geben, Erfolg haben kann. Deshalb fährt er diese Schiene und verspricht seinen Mitarbeitenden die grosse Freiheit», sagt Bloch. Sobald die Verantwortung dann wahrgenommen wird, könne Korkut den Kontrollverlust aber nicht mehr aushalten und werfe den Mitarbeitenden vor, alles falsch gemacht zu haben. «Wer sich wehrt, verliert den Job. Und das können sich viele nicht leisten. Vor allem nicht die Mitarbeitenden mit mangelnden Sprachkenntnissen und wenig Wissen über das Schweizer Arbeitsrecht», sagt jemand, der mit Korkut zusammenarbeitete, aber anonym bleiben will. Öffentlich äussern will sich kaum jemand, einige warten noch auf Lohnzahlungen oder fühlen sich durch mündliche Drohungen unter Druck gesetzt.

Als die bz den Geschäftsführer Ismail Korkut mit den Vorwürfen konfrontierte, reagierte er nicht selbst. An seiner Stelle antwortete Umut Köylü, der sich als Marketing und Relationship Manager vorstellte. Er kam im März zum Unternehmen.

Fehlende Betriebsbewilligungen

Für Köylü ist klar, die Probleme gehören der Vergangenheit an und sind die Konsequenzen der schlechten Arbeit seiner Vorgängerin. Nun, da er die Geschäfte führt, seien die Mängel behoben. «Es trifft zu, dass zwischen Januar bis Eintritt des Lockdowns unnatürlich viele Überstunden und ausgesetzte Ruhetage in der ‹Kleinen Freiheit› entstanden sind. Nach Erkennen solcher und weiterer Missstände, hat die Unternehmensführung sich für eine radikale Reorganisation entschieden», schreibt Köylü.

Im Januar haben ehemalige und gegenwärtige Za Zaa-Mitarbeitende einen Brief unter anderem an das kantonale Gastgewerbeinspektorat und das Amt für Wirtschaft und Arbeit verschickt. Darin erklären sie, dass die Aasamo Gastro GmbH nur einen Teil der Einnahmen versteuere. Ausserdem sei eine Zeit lang ein Teil der Löhne in bar, also ohne Sozialleistungen ausbezahlt worden und zwei Filialen hätten keine Betriebsbewilligung. Laut den Absendern blieb der Brief ohne Konsequenzen.

Leo Leu und Sue Nüesch haben geholfen die «Kleine Freiheit» aufzubauen. Leu arbeitete zusammen mit dem damaligen Restaurantmanager auf die Eröffnung hin. Beide hatten keinerlei Expertise in diesem Gebiet. Nüesch ist eine erfahrene Köchin. Sie erlebte, wie die beiden jungen Männer vollkommen überfordert waren und alleine gelassen wurden. «Ismail Korkut hat sie ins offene Messer laufen lassen.» Er habe genau gewusst, dass die beiden nicht fähig sind, das Lokal zu führen. «Trotzdem hat er angeordnet, dass keine Fragen an ihn herangetragen werden dürfen», so Nüesch.

Rinderleber im Briefkasten

Kurz nach Eröffnung wurden der Restaurantmanager und Nüesch entlassen. Als Köchin fühlte sich Sue Nüesch hintergangen. Ihre Menüpläne habe Korkut einen Tag vor der Eröffnung komplett über den Haufen geworfen, nachdem sie bereits alle Zutaten eingekauft hatte. Mit ihrem ehemaligen Chef befindet sie sich mittlerweile im offenen Streit. Erst vor kurzem fand sie in ihrem Briefkasten eine rohe Rinderleber, die all ihre Briefe mit Blut verschmierte.

Auch die übrigen Vorwürfe zu den ungewöhnlich vielen Kündigungen und den fehlenden Pausen seien auf die Vorgängerin zurückzuführen, sagt Köylü. Den Geschäftsführer Ismail Korkut, Adressat der Vorwürfe und Vorgesetzter der kritisierten Managerin, lässt Köylü aussen vor. Er habe mit der Führung des Betriebs zu viel zu tun, um sich auch noch mit Medienfragen zu beschäftigen.

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