Wie gerne verkauft sich Basel als Stadt der Architekten und Visionäre. Ganz selbstverständlich ist es hier, dass das Stellwerk am Bahnhof von den hiesigen Stararchitekten (natürlich Herzog & de Meuron) entworfen ist. Aus der ganzen Welt kommen Praktikanten hierhin, um sich bei Namen wie ebendiesen Herzog & de Meuron, Christ & Gantenbein oder einem der vielen anderen Architektenbüros zu versuchen. Hier kann die Fassade eines noch nicht gebauten Krankenhauses (Klinikum 2) wochenlange Diskussionen in der Politik auslösen – einfach weil man sie «nicht schön» findet. Der Pharma-Multi Novartis macht auf seinem Campus Architektenträume wahr. Und nachdem einem Zürich kurzzeitig das höchste Gebäude des Landes weggeschnappt hat, steht dieses nun wieder in Basel (Roche-Tower), dabei hat es seine definitive Höhe noch gar nicht erreicht.

Doch Basel macht es seinen Architekten, seinen Visionären und Planern nicht leicht. Es mag unterschiedliche Gründe haben, dass von kühnen Projekten nicht mehr als ein paar Skizzen übrig bleiben. Doch ein Blick zurück zeigt: Basel könnte heute ganz anders aussehen.

Volk plant am Volk vorbei

Da wäre zum einen die Stimmbevölkerung. Immer wieder verhinderte sie grosse Projekte, in letzter Zeit sogar auffällig oft. Keine zwei Wochen ist es her, da wurde dem Bau von neuen Wohnhäusern an den Rändern der Stadt der Riegel geschoben. Auch das Erlenmatt-Tram ist noch in guter Erinnerung. Im Mai wurde dieses Teilstück des Tramausbau 2020 an der Urne ebenfalls versenkt. In beiden Fällen konnte sich die Politik zwar einigen, doch dann wurden erfolgreich Referenden ergriffen, die vom Volk bestätigt wurden. Daraus zu schliessen, die Politiker würden am Volk vorbeiplanen, wäre zu kurz gegriffen. Denn auch das Volk kann am Volk vorbeiplanen. Dafür gibt es zwei schöne Beispiele: Gleichzeitig wie das Erlenmatt-Tram wurde an der Urne auch die Initiative «Rheinuferweg jetzt» deutlich versenkt. Diese wollte ein altes Anliegen von vielen Baslerinnen und Baslern realisieren: Einen Durchgang dem Fluss entlang zwischen der Wettstein- und der Mittleren Brücke. Der Steg hätte auch das Grossbasler Ufer des Rheins für Spaziergänger öffnen sollen. Ein an sich populäres Anliegen, welches dennoch keine Mehrheit fand.

Grossspuriger Central Park

Weit grossspuriger traten die Initianten des Basler Central Parks auf. Ein öffentlicher Park für alle auf dem Dach eines Bahnhofs. Welch eine Vision! Dumm nur gehört das ganze Grundstück den SBB. Als privater Eigentümer hätten sie nicht gezwungen werden können, den Central Park auch umzusetzen. Das durchschaute die Basler Bevölkerung und sagte Nein.

Es muss aber nicht immer das Volk sein. Es kann auch einfach passieren, dass der Bauherr etwas vorschnell seine grossen Pläne vorstellt und dann aus irgendeinem Grund zurückkrebsen muss. So geschehen beim Roche-Turm. Der ursprünglich geplante Doppelhelix wäre um einiges eleganter gewesen als das Treppenhochhaus, das jetzt gerade im Bau ist. Doch Roche blas das Projekt 2008 von sich aus ab - offiziell wegen technischer Komplikationen. Inoffiziell war es wohl einfach zu teuer.

Ozeanium statt Multiplex-Kino

Doch nicht immer ist ein nicht realisiertes Projekt ein Verlust. Manchmal machen sie sogar Platz für etwas anderes. Zum Beispiel beim Stadtcasino. Noch immer trauern Musikfreunde und Architektur-Kritiker der Abstimmung vom Juni 2007 nach, als der Prunkbau von Zaha Hadid abgelehnt wurde. Viel Geld hätte er gekostet und einen Balkon für die FCB-Meisterfeiern hätte es auch nicht mehr gegeben. Jetzt ist ein neues, feines Projekt in Planung (natürlich von Herzog & de Meuron), welches dem Geist rund um den Barfüsserplatz besser gerecht wird.

Und manchmal macht ein Njet sogar Platz für etwas richtig Grosses. Hier sei noch einmal der Roche-Turm erwähnt. Der Bau 1, der zurzeit errichtet wird, ist 18 Meter höher als es der Doppelhelix hätte sein sollen. So kann man von einem wirklichen Hochhaus sprechen. Das beste Beispiel für ein gelungenes Nein ist aber jenes zum Multiplex-Kino an der Heuwaage 2002. An dieser Stelle ist jetzt das Ozeanium des Zolli geplant. Eine neue Attraktion für Basel mit 400 Kubikmeter Wasser verteilt in 30 Aquarien. Ab 2019 sollen dort Haie, Rochen und Pinguine ein Zuhause finden. Wäre doch schade gewesen , wenn die Fläche vor zehn Jahren mit einem Kino zubetoniert worden wäre. Kommentar Seite 37