Psychiatrie und Gewalt
So will die Region Amokläufe verhindern

In Basel werden jährlich rund 400 Personen mit einer psychischen Störung in die Psychiatrie zwangseingewiesen. Diese fürsorgerische Unterbringung gilt in erster Linie dem Schutz der Person selbst, etwa bei Suizidgefahr. Doch jeden Monat gibt es auch Fälle, bei denen Dritte vor dem Gewaltpotenzial der Person geschützt werden müssen.

Michael Nittnaus
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Nach dem Amoklauf von München legten Trauernde im Gedenken an die Opfer vor dem Olympia-Einkaufszentrum Blumen nieder.

Nach dem Amoklauf von München legten Trauernde im Gedenken an die Opfer vor dem Olympia-Einkaufszentrum Blumen nieder.

KEYSTONE

Seit dem Amoklauf von München und dem Selbstmordanschlag von Ansbach drängte sich ein Aspekt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Sowohl der Deutsch-Iraner David S., der in München neun Menschen tötete, als auch der Syrer Mohammad D., der in Ansbach eine Bombe zündete und dadurch 15 Menschen verletzte, waren früher in psychiatrischer Behandlung. Eine Frage, die sich nicht nur die Angehörigen der Opfer stellen, lautet darum: Weshalb blieb unerkannt, über welches Gewaltpotenzial diese Täter verfügen? Schliesslich wurden sie ja offenbar von professioneller Seite betreut.

In beiden Basel beschäftigen sich mehrere Stellen damit, frühzeitig zu erkennen, ob von einer Person eine Gefahr ausgeht – für sich selbst oder für Dritte. «Das gehört zu einem der wichtigsten Aspekte in der Tätigkeit als Amtsarzt», sagt Simon Fuchs. Der stellvertretende Basler Kantonsarzt ist Leiter der Abteilung Sozialmedizin. Diese ist ermächtigt, bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung eine fürsorgerische Unterbringung (FU) in eine geeignete Institution wie eine psychiatrische Klinik zu verfügen. Dies für maximal sechs Wochen. Danach liegt der Entscheid für die Verlängerung der Massnahme bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb).

Auch wenn es bei der Intensität der öffentlichen Debatte schwer vorstellbar erscheint: Laut Fuchs haben die jüngsten Attentate keine unmittelbaren Auswirkungen auf seinen Berufsalltag. «Es gehört zur täglichen Arbeit im Bereich der ärztlich angeordneten FU, dass auch Personen beurteilt und nötigenfalls gegen ihren Willen in eine Institution eingewiesen werden müssen, von denen eine potenzielle Fremdgefährdung ausgeht. Daher besteht diesbezüglich stets eine sehr hohe Aufmerksamkeit.»

400 Unterbringungen pro Jahr

Und das Mittel der FU kommt öfter zur Anwendung, als man denkt: In Basel-Stadt werden pro Jahr im Durchschnitt rund 400 ärztlich angeordnete fürsorgerische Unterbringungen verfügt. 2016 sind es bis jetzt 228, wie Fuchs gegenüber der bz offenlegt. Dabei betont er, dass jeweils ungefähr vier Fünftel wegen Selbstgefährdung, also Suizidgefahr oder Verwahrlosung, nötig werden. Auch dieses Jahr hätte es zwar jeden Monat Fälle gegeben, bei denen Personen eingewiesen wurden, um Dritte zu schützen. Eine Häufung in jüngster Zeit, die auf eine erhöhte Sensibilisierung schliessen liesse, stellt Fuchs jedoch nicht fest. Unter Fremdgefährdung laufen meistens Drohungen, seltener auch Tätlichkeiten. «Mir ist kein Fall bekannt, in dem eine fürsorgerische Unterbringung wegen religiöser Radikalisierungs- oder Amokgefahr ausgesprochen wurde», sagt Fuchs in Bezug auf die Taten von Ansbach respektive München.

Dies deckt sich mit Erfahrungen im Kanton Baselland: «Fürsorgerische Unterbringungen aufgrund einer religiösen Radikalisierung sind uns nicht bekannt», sagt Philipp Eich, Chefarzt des Zentrums für Krisenintervention der Psychiatrie Baselland (PBL). In der PBL seien seit Jahren jeweils rund 17 Prozent aller Klinikeintritte FU. «Im Kontext von Radikalisierungsverläufen ist die fürsorgerische Unterbringung leider nur in den wenigsten Fällen ein taugliches Mittel», sagt auch Markus Lüchinger, Leiter der Baselbieter Stabsstelle Bedrohungsmanagement. Dies, weil die FU nur bei sehr akuter Selbst- oder Fremdgefährdung eingesetzt werden könne. Lüchinger setzt deshalb eher auf ein umfassendes Früherkennungs- und Frühinterventionsnetzwerk, das in Baselland in den letzten zwei Jahren noch ausgebaut worden sei. Polizei, Jugendanwaltschaft, Staatsanwaltschaft, Jugenddienst der Polizei, Kinder-, Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie, die Schulen, die Interventionsstelle Häusliche Gewalt und seine Stabsstelle würden «schneller und konsequenter» zusammenarbeiten.

Bis 50% psychisch erkrankt

Eine psychische Erkrankung kann eine Radikalisierung dennoch begünstigen. «Etwa bei einer paranoiden Schizophrenie ist der Betroffene generell anfälliger, durch Informationen jeglicher Art beeinflusst zu werden», sagt Regine Kaiser. Die Leiterin des Basler Amts für Beistandschaften und Erwachsenenschutz (Abes) warnt aber davor, Attentate und Amokläufe mit psychischen Erkrankungen zu erklären. «Dadurch blenden wir viele andere Eigenschaften und Motive der Täter aus und verharmlosen, dass längst nicht alle in diese Schublade passen.»

Undine Lang, Direktorin der Erwachsenenpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK), betont, dass «der Leidensweg eines psychisch kranken Menschen immer individuell ist und bis zu 50 Prozent der Menschen heute psychische Erkrankungen haben». Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Täter auch eine psychiatrische Erkrankung habe, sei also sehr hoch. Aber, so Lang: «Das heisst nicht automatisch, dass diese Erkrankung auch zu der Tat geführt hat.»

Bei den UPK Basel achte man darauf, ob ihre Patienten auch Dritten gefährlich werden können. «In der Erwachsenenpsychiatrie wurde der Umgang mit aggressiven Patienten in den letzten Jahren allgemein professionalisiert und Schulungen für alle Mitarbeitenden angeboten», sagt UPK-Direktorin Lang. Zudem gebe es Orientierungshilfen, die den Behandlungsteams helfen würden, Aggressionen frühzeitig zu erkennen und diesen im Alltag vorzubeugen. In der ganzen Debatte, wie gefährlich Menschen mit einer psychischen Erkrankung werden können, möchte Lang etwas betonen: «Nur zirka zwei Prozent unserer psychiatrischen Patienten reagieren vereinzelt aggressiv – meist verbal und im Rahmen von Beziehungskonflikten. Wir reden hier sicher nicht von einem relevanten Risiko für die Bevölkerung.»

Gewisses Risiko wird akzeptiert

Etwas anders klingt es bei Regine Kaiser vom Abes: «Für uns sind gefährliche Klienten Alltag. Wir hatten auch schon Fälle von Fremdgefährdung, wo wir Schlimmeres verhindern konnten, weil wir frühzeitig einschritten.» Zuletzt hätte vor einem Monat ein Patient massive Drohungen ausgesprochen, worauf er in eine Klinik eingewiesen werden musste. Um solche Extremsituationen zu verhindern, ist laut Kaiser ein Punkt entscheidend: das Vertrauensverhältnis zwischen dem Patienten und seinem Beistand. Allerdings weiss auch die Gewaltspezialistin, dass es die totale Sicherheit nicht gibt – und das sei auch gut so: «Das Kindes- und Erwachsenenschutzrecht setzt bewusst auf mehr Selbstbestimmung als früher. Die Betroffenen sollen betreut werden, aber dennoch frei leben können. Dass damit auch ein Risiko verbunden ist, ist uns bewusst.»