Stimmen-Festival

Sogar der Arlesheimer Dom war spannender als die Band: Langeweile mit Calexico

Iron & Wine (links) und Joey Burns (an der Gitarre) bei ihrem Auftritt im Rahmen des Stimmen-Festivals.

Iron & Wine (links) und Joey Burns (an der Gitarre) bei ihrem Auftritt im Rahmen des Stimmen-Festivals.

Die Bandcombo Calexico und Iron & Wine singt von unvergesslichen Nächten – ihr Auftritt am Samstag in Arlesheim war definitiv keine.

Für das schrägste Bild war die Frau mit dem rosaroten Gehörschutz besorgt. Es war alles andere als laut auf dem Arlesheimer Domplatz am Samstagabend. Eine ziemlich leise Band (Calexico) stand mit einem äusserst leisen Songwriter (Iron & Wine) auf der Bühne. Das Resultat war nicht nur leise, sondern über weite Strecken auch langweilig. Dabei wären die nötigen Zutaten vorhanden gewesen. Calexico haben eine Reihe von tanzbaren Hits. An ihren eigenen Konzerten herrscht Fiesta-Stimmung, wenn sie ihre Songs zwischen Mariachi und Folk zum Besten geben. Melancholischer, aber nicht weniger stimmungsvoll sind die Konzerte des Songwriters Iron & Wine alias Sam Beam. Nur gemeinsam will das nicht so richtig.

Am eineinhalbstündigen Gig im Rahmen des Stimmen-Festivals kam kaum Stimmung auf – und wenn, dann bei den wenigen Songs, die aus der Calexico-Küche stammen: bei «Sunken Waltz» etwa, einem ihrer grössten Hits – wenngleich auch der vergleichsweise langsam angeschlagen wurde. Oder beim spanisch gesungenen «Flores Y Tamales» vom jüngsten Album «The Threat That Keeps Us». Vor allem aber spielte die Combo Songs des gemeinsamen Albums «Years to Burn», das erst im Juni erschienen ist und eine Platte ohne nennenswerte Höhepunkte ist.

Calexico-Frontmann bewundert Europa

Dass sich auch die Musiker mehr erhofft hatten, war zwischen den Zeilen zu hören. «You guys are pretty cool – you must be Swiss», befand Sam Beam nach etwa einer Stunde. Frei übersetzt heisst dies: «Ihr seid aber ein ziemlich lahmes Publikum.» Da brachte es auch nicht viel, dass Calexico-Frontmann Joey Burns versicherte, das Stimmen-Festival gehöre zu seinen Favoriten. Bereits vor fünf Jahren war er mit Calexico im Burghof in Lörrach aufgetreten – die Konzertkritiker fanden nur lobende Worte fürs Konzert, die «Stimmen»-Veranstalter waren so begeistert, dass sie Calexico nochmals einluden.

Die übliche Anbiederung ist es bestimmt nicht, wenn Burns nicht nur das Musikfestival lobt, sondern vor allem den Gedanken, Grenzen zu überschreiten. Seine Band Calexico hat sich genau das auf die Fahnen geschrieben. Bereits der Bandname deutet auf die Internationalität hin: Calexico ist ein Kofferwort, zusammengesetzt aus den Wörtern California und Mexico. Ihr Musikstil lässt sich nicht einordnen. Mexikanischer Mariachi mischt sich mit amerikanischem Country und Folk. Einige Lieder werden auf Spanisch, andere auf Englisch gesungen.

In einem Interview mit der bz betonte Joey Burns kürzlich seine Verbundenheit zu Europa. Er rühmte das hiesige Kulturverständnis: «Wenn ihr aufwacht, trinkt ihr eine Tasse tollen Kaffee, der meist noch aus Porzellan getrunken wird», schwärmte er. In den USA bekomme man nur Firmenprodukte, die von Werbung durchdrungen seien und in Styropor-Bechern serviert würden. «Ihr habt Kultur, wir haben Kommerz», sagte Burns und kündigte für das «Stimmen»-Festival eine Outdoor-Show mit viel positiver Energie an. Schliesslich habe er mit Iron & Wine einen der talentiertesten Arrangeure und Produzenten an der Seite, den er je getroffen habe.

Der Dom stahl den Musikern die Show

Dass er dieses Versprechen nicht einzulösen vermochte, sah er wohl selbst ein. Fast widerwillig schleppte sich Burns mit den fünf anderen Musikern für die eine Zugabe «Years to Burn» auf die Bühne, in der von einer unvergesslichen Nacht die Rede ist. Von einer, in der man neu geboren wird. Von diesem Gefühl waren die Zuschauer des zu zwei Dritteln gefüllten Domplatzes weit entfernt, als sie um kurz nach elf Uhr den Heimweg antraten.

Für die beachtlichen 58 Franken hatten sie kaum etwas gesehen, das in Erinnerung bleiben würde. Am ehesten noch die Kulisse. Als die Lichtkegel den Arlesheimer Dom in ein tiefes Blau hüllten, blickten auch die Künstler zu den Türmen hoch. Man glaubte, etwas Neid in ihren Blicken zu erkennen: Zwei Kirchentürme waren im Begriff, ihnen die Show zu stehlen. Ungewollt passend war der Song, den sie daraufhin vortrugen. «Bitter Truth» – bittere Wahrheit.

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