Ressentiments
Soldaten patrouillieren vor der Synagoge

Vor jüdischen Einrichtungen in Saint-Louis patrouillieren rund um die Uhr Soldaten. Die Vorsicht besteht nicht erst seit den jüngsten Anschlägen in Paris.

Annette Mahro
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Die Soldaten, die in Saint-Louis die Synagoge bewachen, schützen nach eigener Angabe nicht eine einzelne Glaubensgemeinschaft, sondern «das ganze Volk».

Die Soldaten, die in Saint-Louis die Synagoge bewachen, schützen nach eigener Angabe nicht eine einzelne Glaubensgemeinschaft, sondern «das ganze Volk».

Annette Mahro

Sie sind schwer bewaffnet und wortkarg, tragen Kampfanzüge und halten alle Richtungen gleichzeitig im Auge. Ab und zu kommt eine Polizeistreife vorbei zur kurzen Lagebesprechung, dann verteilen sich die Soldaten wieder.

Im grenznahen Saint-Louis gibt es mehr zu schützen als anderswo. Vor der Synagoge des 20 000-Einwohner-Städtchens stehen Wachen, die gleichzeitig das jüdische Gemeindehaus und die Wohnung des Rabbiners im Blick haben.

Einige Strassenzüge weiter werden auch der Kindergarten und die Talmud-Thora-Schule gesichert. Auf die Frage, wo der koschere Lebensmittelladen sei, müssen die Soldaten passen. Was sie denn hier bewachen? «Das Haus, vor dem wir stehen.» Es sei ihnen nicht bekannt, was sich darin befinde. So lautet die offizielle Sprachregelung.

Auch die Israelitische Gemeinde Basel verschärft ihre Sicherheitsmassnahmen

Die vergangenen, ereignisreichen Wochen mit den Attentaten in Paris sorgen für allgemeine Verunsicherung in ganz Europa. Während in Saint-Louis Militär und Polizei die Synagoge bewachen, macht die Nähe zu Frankreich und Deutschland auch die Verantwortlichen der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) vorsichtiger. «Momentan überschlagen sich die Ereignisse im nahen Ausland, darum müssen auch wir die Situation aufmerksam beobachten», sagt Marie-Eve Buchs, Sicherheitsverantwortliche der IGB. Deshalb wurden die Sicherheitsmassnahmen verschärft: «Zur Zeit wird mehr Sicherheitspersonal eingesetzt», erklärt sie. Details zu den Massnahmen möchte sie aber keine nennen.

In der ganzen Schweiz seien die Sicherheitsverantwortlichen der jüdischen Gemeinden auf der Hut: «Wir alle stehen in ständigem Kontakt mit den Behörden und der Polizei, die uns laufend über die neusten Entwicklungen der aktuellen Lage informiert», erklärt Buchs. Konkrete Indizien auf Nachahmungstäter oder auf eine Verschlechterung der Gesamtsituation in der Region gäbe es bis jetzt noch keine, trotzdem möchte man mit der Erhöhung der Sicherheit in Basel ein Zeichen setzen. (sil)

Während die 1907 eingeweihte Synagoge im Stadtzentrum mit ihrem zweifarbigen Bandmauerwerk und den Zwiebeltürmen sofort ins Auge sticht und über dem Gemeindehaus ein Davidstern erkennbar wird, gibt die weiter am Stadtrand gelegene Schule bestenfalls dann ein Stück ihrer Bestimmung preis, wenn sich kurz eine Tür öffnet und in den Gängen Männer in Schwarz erkennbar werden, die Kippas auf den Köpfen tragen.

Kein Schild an einer Tür gibt einen Hinweis, und betreten kann das Gebäude nur, wer erwartet wird oder den Zahlencode für die Türen kennt. Solche Vorsicht gilt nicht erst seit den jüngsten Anschlägen in Paris. Auch im Elsass kommt es immer wieder zu antisemitischen Schmierereien oder Grabschändungen auf den jüdischen Friedhöfen.

Der Hass hat sich weiter verstärkt

Seit dem Anschlag auf eine jüdische Schule in Toulouse, bei dem 2012 drei Kinder und ein Lehrer ermordet wurden, hat im ganzen Land auch die Auswanderung nach Israel wieder zugenommen. 2014 gingen 7000 der noch rund 600 000 Franzosen jüdischen Glaubens.

Trotz der jüngsten Einladung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu an die französischen Juden, gibt es bei den aktuell rund 3000 Süd- und 25 000 Nordelsässern jüdischen Glaubens aber zumindest offiziell kein spürbar gesteigertes Streben ins gelobte Land. «Nach dem Zweiten Weltkrieg waren wir zufrieden, wieder zurückkommen zu können», erklärt Jacques Banner als Präsident des israelitischen Konsistoriums im Departement Haut-Rhin. Und heute sei es dasselbe, die Juden wollten im Elsass bleiben: «Wir haben keine Angst.»

Trotz der Dauerbewachung, unter der die landesweit 717 Schulen und religiösen Einrichtungen derzeit stehen, gibt es keine Anzeichen von Panik. «Natürlich sind wir sehr beunruhigt, auch wenn das bei uns etwas weniger als in Paris der Fall ist», sagt Claude Yaacov Fhima.

Der Grossrabbiner im Oberelsass weiss zwar von einigen Familien, die aktuell nach Israel auswandern, das sei aber lange vorbereitet gewesen. Trotzdem sieht er, dass sich der Hass noch einmal weiter verstärkt hat. Persönlich freut sich der Rabbiner zwar über die Unterstützung und den massiven Schutz, den die Juden in Frankreich seitens der Regierung erfahren.

Andererseits fürchtet Fhima aber auch, dass gerade das Grossaufgebot an Armee und Polizei neue Ressentiments schüren könnten.

Und die Bewegung «Je suis Charlie Hebdo», kann er die unterstützen? «Natürlich unterstütze ich normalerweise Zeitungen mit blasphemischen Inhalten nicht, egal, gegen welche Religion sie sich richten», sagt Fhima, «wenn das allerdings der Preis für die Freiheit ist, dann würde ich ausnahmsweise sogar das tun.»

Ganz ähnlich sieht es auch Raphaël Breisacher. Der Rabbiner von Saint-Louis sagt: «Ich bin persönlich kein Leser von ‹Charlie Hebdo›.» Er wisse auch nicht, ob die Welt wirklich solche Zeitungen brauche, das Problem sei aber ein anderes. Die Mörder von Paris – und nicht nur sie – hätten dem Volk ihre eigenen Grenzen aufzwingen wollen, ihre eigenen Grenzen der Freiheit. Deshalb wache man jetzt auf. Die Soldaten, die vor der Synagoge patrouillieren, schützten übrigens auch keine spezielle Glaubensgemeinschaft, erklärt der Brigadeführer: «Es geht nie um Einzelne. Wir schützen das französische Volk.»