Pussy Riot

Solidarisches Lesen für Pussy Riot - Doch fast ohne Zuhörer

Mitglieder von Pussy Riot bei der Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau.

Mitglieder von Pussy Riot bei der Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau.

Am Mittwoch wurde weltweit der inhaftierten Aktivistinnen gedacht – mit einer Lesung ihrer jüngsten Publikationen. Am einzigen Schweizer Solidaritätsabend in Matthyas Jennys kleinem Literaturhaus in Basel erschienen allerdings nur fünf Personen.

Die Ankündigung klang grossartig: «Die weltweite Lesung am 12. Dezember mit den Plädoyers von Pussy Riot findet in Melbourne, Innsbruck, Strassburg, Berlin, Rostock, Saarbrücken, London, Athen, Rabat, Stavanger, Moskau, Santa Barbara UND in Basel im Kleinen Literaturhaus statt», informierte Matthyas Jenny, vielleicht Basels bekanntester Buchhändler und Kulturpreisträger 2011. Es klang charmant, dass in Basel sich als einzige die kleinste Buchhandlung dieser weltumspannenden Solidaritätsaktion anschliesst, die beispielsweise in Berlin von Literaturgrössen wie Elfriede Jelinek und Mario Vargas Llosa unterstützt wird.

Doch die Realität war ernüchternd: Fünf Männer und Frauen kamen an die Basler Pussy-Riot-Lesung, eine davon war die Ehefrau des Vorlesenden, Autor Wolfgang Bortlik. Und es stellte sich heraus: Diese war die einzige Lesung schweizweit.

«Pervers und unverhältnismässig»

Die beiden jungen Frauen von Pussy Riot, die nun in russischen Straflagern ihre zweijährige Haftstrafe absitzen, scheinen bereits wieder etwas in den Hintergrund gerückt zu sein im Schweizer Bewusstsein. Man mag von ihrer Protestaktion vom vergangenen Februar in der russischen Christ-Erlöser-Kirche in Moskau halten, was man will – sie ist auch in Westeuropa «umstritten», wie Jenny erwähnte. Doch dass zwei der beteiligten Frauen nun für diesen kurzen, gewaltlosen Auftritt zwei Jahre lang wegen «Rowdytums» unter härtesten Bedingungen wie Schwerverbrecherinnen eingesperrt sind, das widerspricht jedem hiesigen Rechtsempfinden.

«Das ist pervers, da ging jede Verhältnismässigkeit verloren», sagte etwa Michael Martig an der engagierten Diskussion nach der Basler Lesung. Er bewundere die Zivilcourage dieser Frauen, die sich trotz ihrer «verletzlichen Situation» als Mütter kleiner Kinder trauen, radikalen Widerstand zu leisten. Es bleibe nicht beim Studium der Philosophie, diese Frauen «engagieren sich tatsächlich». Das geschehe bei uns viel zu wenig, war sich das kleine Publikum einig und blickte traurig auf die leeren Stühle in Jennys kargem Kellerraum.

Neuer Band mit Prozessschriften

Die Frauen haben offenbar tatsächlich «die Wunden dieses politischen Systems geöffnet und direkt ins Wespennest gestochen», wie die 22-jährige Nadeschda Tolokonnikowa, kurz Nadja, in ihrem Schlussplädoyer schreibt. Dieser und weitere Texte, Briefe und Gedichte der Aktivistinnen sowie die Prozessschriften sind diese Woche beim Nautilus Verlag auf Deutsch erschienen, im Band «Pussy Riot! Ein Punkgebet für Freiheit». Nur wenige Wochen nach dem Erscheinen der Originalausgabe des New Yorker Verlags Feminist Press.

An der Basler Lesung las Bortlik daraus unter anderem das originale «Punk-Gebet» vor, das seit Februar für solchen Aufruhr sorgt: «Jungfrau Maria, heilige Muttergottes, räum Putin aus dem Weg!» lautet der Refrain. In jedem Text prangern die Frauen den zunehmenden Abbau von Bürgerrechten und Freiheiten unter Putin an sowie die unheilvolle Verstrickung zwischen Staat und Kirche: «Der KGB-Chef ist euer Oberheiliger». Denn nicht nur Wladimir Putin ist ein Ex-Geheimdienster, sondern, wie Bortlik herausstrich, auch das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, Wladimir Gundjajew, Kyrill I.

«Im Grossen und Ganzen sind es nicht die drei Mitglieder von Pussy Riot, um die es in diesem Prozess geht», schreibt Nadja. Es gehe vielmehr «um das gesamte politische System der Russischen Föderation, das es, zu seinem grossen Unglück, geniesst, die Grausamkeit des Staates gegenüber dem Einzelnen und seine Gleichgültigkeit gegenüber menschlicher Ehre und Würde vorzuführen – es wiederholt damit die schlechtesten Momente der russischen Geschichte.»

http://freepussyriot.org

Meistgesehen

Artboard 1