Stadt versus Land

Sollen Kantone Wert auf ihren Auftritt im Online-Lexikon Wikipedia legen?

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wird gerne zur Optimierung der PR genutzt. (Symbolbild)

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wird gerne zur Optimierung der PR genutzt. (Symbolbild)

Basler Kantonsangestellte sind Vielschreiber auf Wikipedia. Alleine der Artikel über Regierungspräsident Guy Morin wurde seit 2012 48-mal modifiziert via kantonale Rechner. Sollte auch das Baselbiet mehr Wert auf seinen Auftritt legen?

Alle wichtigen Basler Artikel sind schon auf Wikipedia

Die Verwaltungswikipedianer können sich den Details widmen, weil die Stadt in der Enzyklopädie hervorragend vertreten ist.

Die Basler Behörden sind ein fleissig Volk von Enzyklopädikern. 290 Änderungen haben sie in fünf Jahren in Wikipedia-Artikeln angebracht. Haben das Kunstmuseum von berühmt zu weltberühmt befördert und Guy Morin um ein «Dr.» ergänzt. Du, Wikipedia, für dich immer noch Herr Doktor, gäll!

Die Verwaltungsmitarbeiter können sich getrost solchen Details widmen. Klar, jeder weiss, dass Regierungspräsident Morin studierter Stethoskopträger ist. Aber es sind die Kleinigkeiten, die noch fehlen. Basel ist auf Wikipedia fast so gut erfasst wie die Erdkugel auf Google Earth. Beispiele gefällig? Suchen Sie mal den Eintrag über Baseldeutsch auf. Da lernt man, dass zu den typischen Merkmalen des Stadt-Baseldeutschen die Lenisierung gehört: «Verschlusslaute im Wortanlaut werden meist lenisiert (also als stimmloses, kurzes [d]): Dyybli.» Auch die Clique Basler Bebbi Basel (BBB) ist auf Wikipedia präsent. «Seit Oktober 1992 verfügen die BBB über ein eigenes Mitteilungsblatt namens «dr Böbberli», welches dreimal jährlich über das Geschehen rund um die Clique berichtet», erfährt man da. Bei dieser Fülle an Informationen können sich die Schreiberlinge auf die Kleinigkeiten konzentrieren. Vielleicht korrigieren sie demnächst ja jene Einträge, in denen Carlo Conti noch als Regierungsrat aufgeführt ist.

Trotzdem können sie etwas von ihren Baselbieter Verwaltungsgspänli lernen, die bisher nicht als wikipediale Schreibtischtäter in Erscheinung getreten sind. Die wahren Verdienste eines Regierungsrates gilt es hervorzuheben, das wissen sie im Landkanton. Die Baselbieter Magistraten Anton Lauber und Thomas Weber schreiben über ihre Karriere in der Schweizer Armee – beide dienten im Rang eines Obersten. Hier können die Städter gemäss Wikipedia nicht mithalten. Lediglich bei Christoph Eymann heisst es kurz und knapp, er habe als Hauptmann Dienst getan. Den Basler Wikipedia-Autoren im Staatsdienst geht die Arbeit also nicht aus.

Dieses Internetz wird doch masslos überschätzt

Die Städter blasen zur Wikipedia-Offensive. Die Baselbieter sollte das kalt lassen – ausser jemanden, der dort mit Abwesenheit glänzt.

Der werte Kollege aus der Stadtredaktion hat es schon festgestellt. In den Baselbieter Amtsstuben ist man eher selten damit beschäftigt, Wikipedia-Artikel zu frisieren. Ganz im Gegensatz zur Verwaltung im Stadtkanton. Man könnte den Eindruck gewinnen, Guy Morin habe eigens die Stabsstelle «Wikipedia-Redaktor» geschaffen. Jobbeschrieb: Den Herrn Regierungspräsidenten zum Glänzen bringen.

Für solche Spässe hat man im Landkanton keine Zeit. Die Verwaltung ist auf Effizienz getrimmt – gerade jetzt, wo Sparen angesagt ist. Fokussierung aufs Wesentliche. Und überhaupt! Das Wichtigste, was man über den Landkanton wissen muss, ist längst auf Wikipedia nachzulesen: Höchster Punkt und tiefster Punkt, Chirsibäum, Hülftenschanz, A22 – alles da. Es steht sogar geschrieben, dass Baselland den ersten Ombudsmann der Schweiz beschäftigte (1984) und 1851 zum (bislang) letzten Mal jemanden hinrichtete (Hyazinth Bayer, wegen Raubmord).

Auch für Fremdsprachige bleibt es nicht Terra Incognita, das werte Bâle-Campagne. Highlight der englischsprachigen Seiten ist die Auflistung der 30 Flüsse, die der Kanton zählt (Rhein, Birs, Magdener Bach, Hemmiker Bach, Wintersinger Bach ...). Wer kein Baselbieterdütsch beherrscht, findet eine Hochdeutsche Übersetzung zum Baselbieterlied («Da heisst es nicht, dass man sehen wolle – da sagen alle ‹Ja›»). Offenbar griff auch die Wirtschaftskammer Baselland in die Tasten: Viele «small and middle-sized businesses» gebe es in diesem «Basel-Country». Im Fall. Momoll.

Es gibt aber jemanden, der tatsächlich etwas Energie investieren sollte in den Auftritt im Wörldwäidweb: Monica Gschwind, im Februar 2015 in die Baselbieter Regierung gewählt. Einen Wikipedia-Artikel besitzt sie noch immer nicht. Vielleicht sollte sie ja mal in Basel um Hilfe bitten. Der scheidende Guy Morin hat Erfahrung mit dem Lexikon. Und bald viel, viel Zeit.

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