Ostereier
Sonja Degens Hühner legen pro Jahr zwei Millionen Eier

Ob Ostern kurz bevorsteht oder nicht: Die 8500 Legehennen von Sonja Degen aus Eptingen müssen täglich Höchstleistungen bringen. Im Verlauf eines Jahres legen sie zwei Millionen Eier - dann werden alle Tiere ausgewechselt.

Eva Wieser
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Eine grosse Portion Frauenpower: Im grossen Stall der Eier-Produzentin Sonja Degen wuseln 8500 Legehennen gackernd umher.

Eine grosse Portion Frauenpower: Im grossen Stall der Eier-Produzentin Sonja Degen wuseln 8500 Legehennen gackernd umher.

Kenneth Nars

Pünktlich um halb zehn rattern die Stalltürchen zur gedeckten Aussenanlage hoch: Zicken-Alarm. Weisse Hennen rennen zu Tausenden in den Wintergarten, suhlen sich im Sandbad, turnen auf den Klettergerüsten und picken Körner, welche die Bäuerin Sonja Degen aus Eptingen eben noch überall verteilt hat. Wenn die 8500 Eierlegerinnen in den Ausgang dürfen, sind sie schon fast sieben Stunden am Arbeiten. «Um drei Uhr früh ist tagwach. Dann geht im Stall das Licht an», erklärt Sonja Degen. Sie selbst kommt um halb sechs in den Stall und beginnt, die Eier einzusammeln und zu sortieren.

Von 100 Hühnern kann Degen pro Tag 92 Eier erwarten. Nur scharren und schnattern im Stall am Fuss des Bölchens nicht 100, sondern 8500 aufgeweckte Hennen. Während Degen munter die Tür öffnet, um ihre Ladys zu begrüssen, nennt sie die eindrückliche Zahl «zwei Millionen». So viele Eier liefern die Degens pro Jahr ihren Abnehmern.

Das tönt nach viel, fast nach zu viel, um sich das vorstellen zu können. Würde man je drei Eier in 28 Zentimeter lange Schoggicakes verarbeiten, würde dies insgesamt 187 Kilometer Kuchen ergeben. Wer über Ostern Richtung Süden fährt, kann sich diese Zahl noch besser vorstellen: Die Länge entspricht der Strecke Basel-Airolo.

Jährlich komplette Stallräumung

Damit zwei Millionen Eier produziert werden, sind die Legehennen auf Höchstleistungen getrimmt. Nach 12 bis 15 Monaten müssen die Tiere ausgewechselt werden. Dann kann laut Degen nur noch mit 80 Prozent der Leistung gerechnet werden. Zudem ist die Schale zu dünn, um die Eier zu transportieren oder zu kochen.

Fertig lustig. «Mit 25 Hilfskräften müssen wir den Stall in zweieinhalb Stunden räumen.» Das heisst: Pro Sekunde muss ein Huhn aus dem Stall getragen und in eine Kiste gestopft werden. Das Leben einer Legehenne ist aber länger als das eines Masthuhns. Dieses wird nach 35 bis 40 Tagen geschlachtet. Die Tiere, die zu Pouletschenkeln, Hühnerbrüstchen oder Chicken-Nuggets verarbeitet werden, leben dennoch länger als ein männliches Küken einer Lege-Rasse. Die Hähne sind für die Eier-Produktion nutzlos. Sie werden nach dem Schlüpfen aussortiert und sofort getötet.

Von neuen Technologien, welche ermöglichen sollen, dass das Geschlecht bereits vor dem Schlüpfen erkannt werden kann, ist seit Längerem die Rede. Nun seien Testversuche im Gang, weiss Sonja Degen, damit männliche Küken gar nicht erst ausgebrütet werden müssten.

Produktion nach Plan

Die Weibchen, welche den ersten Tag überleben, werden während 18 Wochen aufgezogen. Erst dann kommen sie auf den Hof der Degens – «als Teenager, die noch erzogen werden müssen», schmunzelt die Hühner-Mutter. Sie beobachtet ihre Tiere genau. «Je kleiner das Tier ist, desto sensibler reagiert es.» Die Hygiene sei besonders wichtig, eine Krankheit wäre ruinös. «Wir haben eine grosse Verantwortung, einen Krampf und viel Arbeit», beschreibt Degen ihre Aufgaben. Für ein Ei bekommen sie vom Grossverteiler zirka 24 Rappen.

Der Abnehmer bestimmt nicht nur den Preis, er gibt den Produzenten auch einen genauen Zeitplan vor. So ist vorgegeben, wann der Legehennen-Bestand der 120 Betriebe, die ihre Eier Coop Naturafarm abliefern, ausgewechselt wird. Die Tiere der Familie Degen verlassen den Hof nächsten September. Die Koordination muss funktionieren, schliesslich dürfen die Regale in den Filialen nicht leer bleiben. Nach Ostern und den ganzen Sommer hindurch werden die Ställe geräumt, damit ab Herbst überall wieder unter voller Leistung produziert werden kann, um den hohen Eierbedarf um die Weihnachtszeit abdecken zu können. «Zwischen Weihnachten und Ostern wird keine einzige Legehenne geschlachtet», erklärt Degen. Dann gehe es ausschliesslich darum, dass möglichst viele Eier gelegt werden.

Fleisch landet im Abfall

Längst nicht jedes Tier landet nach dem Schlachten auf einem Teller: «Die Legehennen sind nicht gänzlich in unserer Nahrungskette aufgenommen und werden entsorgt oder für die Energiegewinnung verwendet», hält Oswald Burch von Gallo Suisse, dem Verband der Schweizer Eier-Produzenten, ernüchtert fest. Die Zahlen sind im Vergleich zu früheren Jahren erfreulicher, so können laut Burch 75 bis 80 Prozent der Legehennen weiterverwertet werden, sei das für Charcuterie, Tiernahrung oder als Suppenhuhn. «Dieses Produkt entspricht aber nicht den heutigen Konsumentenbedürfnissen, die Kochzeit für ein Suppenhuhn dauert für viele zu lang», erklärt Burch.

Dass gesundes und frisches Fleisch entsorgt werden muss, schmerzt Sonja Degen: «Würde jeder Haushalt ein Suppenhuhn pro Jahr kochen, wäre das Problem gelöst.» Dem Konsumenten kann nicht vorgeschrieben werden, was er zu kaufen hat. Im Gegenteil: Besteht keine Lust nach Eiern, gibt es einen Überschuss. So etwa im Monat Juli. «Wenn es draussen warm ist, möchte niemand backen.» Mit den hart-gesottenen Pick-Nick-Eiern versuchen die Grossverteiler, die Schwankungen etwas aufzufangen. Ein Ei pro Tag – das wird von den Legehennen verlangt. Nicht aber von der Gesellschaft: An Ostern dürfen es durchaus mehr sein, bald heisst es dann aber: kein Ei pro Tag.