Es gibt Leute, die haben Hobbys, die sie mit vielen anderen teilen. Skifahrer beispielsweise. Und dann gibt es solche, die einzigartige Leidenschaften haben. Beispielsweise Madame Sylvie Le Louarn-Motte. Die Belgierin stammt aus einer Familie von Textilbaronen, und lebt heute in Frankreich. Sie muss überdurchschnittlich begütert sein, denn ihr Hobby ist teuer.

Sie entwirft für sich und ihren Partner Kostüme, aufwendige Kostüme, deren Bestimmung es ist, nur eine einzige Nacht getragen zu werden: jeweils am Karneval von Venedig. Zu sehen bekommen die Prunkstücke nur Mitglieder des «Ballo del Doge», ein Anlass, dessen Tore sich ausschliesslich demjenigen öffnen, der über die nötigen Verbindungen zu venezianischen High Society verfügt.

Nun zeigt Madame Le Louarn-Motte ihre Kostümsammlung erstmals der breiten Öffentlichkeit, im Spielzeug Welten Museum in Basel. Legendäre Privatsammlungen öffentlich zu zeigen: Das ist eine der kuratorischen Leitlinien, nach denen sich das Haus am Barfüsserplatz richtet.

Laura Sinanovitch, die Kuratorin des Museums, sagt dazu: «Es reizt mich besonders, Dinge zu zeigen, die sonst noch nirgends zu sehen gewesen sind.» Dazu brauche es einerseits ein gutes Netzwerk, andererseits Geduld. Sammler, davon zu überzeugen, ihren grössten Schatz jemandem anzuvertrauen, brauche Fingerspitzengefühl und Überzeugungsarbeit. «Je nach Ausstellung belaufen sich die Vorbereitungen auf zwei bis drei Jahre», erklärt Sinanovitch. Sie realisiert pro Jahr zwei Sonderausstellungen. Dank diesen zählt das Haus jeweils über 60 000 Besucher.

Dass Sinanovitch in Sachen Privatsammler ein gutes Händchen hat, bewies die Kuratorin bereits bei Präsentationen wie derjenigen über revolutionäres Porzellan oder über Parfumflakons. Beide Konvolute stammten aus Privatsammlungen, genau wie bei der Schirmausstellung im Jahr 2016. Der damalige Leihgeber, Michel Heurtault, habe sie übrigens in Kontakt mit Sylvie Le Louarn-Motte gebracht.

Dekadent – für einen guten Zweck

Ein Kostüm, in das jeweils 1200 Arbeitsstunden gesteckt werden, ein Kleidungsstück, dessen Preis im mittleren fünfstelligen Bereich liegt – und das bloss für eine einzige exquisite Ballnacht? Es passt zum Bild, dass diese Roben in einer Stadt zur Schau getragen werden, die im Meer versinkt und von unschlagbar morbidem Charme ist. Es gehört aber auch zum Bild, dass an den Gestaden desselben Meeres zur selben Zeit abertausende von Menschen stranden, die froh wären, sie hätten mehr als bloss eine Schwimmweste auf sich.

Dass die Angelegenheit durchaus dekadente Aspekte hat, verneint Laura Sinanovitch keineswegs. Ihre Motive liegen jedoch wo anders, nämlich beim Erhalt der Handwerkskunst. Sylvia Le Louarn-Motte lässt ihre Kostüme ausschliesslich in europäischen Manufakturen anfertigen. Dabei geht es keineswegs nur um Schneiderarbeit. Oft werden die Stoffe eigens für das Kostüm gefertigt, beispielsweise vom St. Galler Jakob Schlaepfer, eine der letzten Haute-Couture-Webereien der Schweiz.

Wie Schläpfer haben an den Kostümen jeweils weitere Meister ihres Fachs gearbeitet. In Frankreich werden diese Maitre d’Art genannt. «Solche Aufträge sind existenziell wichtig, um alte Handwerkskunst überhaupt noch erhalten zu können», erklärt Sinanovitch.

Was das Publikum zu sehen bekommt, lässt denn auch die Augen eines jeden Freundes schöner Stoffe und meisterlicher Schneiderkunst überlaufen. Da gibt es eine Nachbildung des Kleids zu sehen, mit dem Regisseur Franco Zeffirelli seine Kameliendame in «La Traviata» auftreten liess. Oder eine Replik des Kleids, in welchem Marilyn Monroe am 19. Mai 1962 ihr legendäres «Happy Birthday, Mr. President» ins Mikrofon hauchte.

Es gibt auch thematisch aufgebaute Kostüme, wie «Vanité». Ein exklusiv angefertigter Druck auf einem Ballkleid des 18. Jahrhunderts zeigt einen Totenkopf. Die Perücke des Begleiters der Dame ist ebenfalls zu diesem Motiv geflochten.

Die wegen der engen Platzverhältnisse dicht und üppig geratene Schau lebt neben den grossen Entwürfen vom liebevollen Detail. Den bunten Seidenstickereien, den überbordenden Stoffdrucken mit Prägung, den eigens gefertigten Metallverschlüssen oder Strass-Colliers. Ein Katalog erklärt zu jedem Exponat Herkunft und Machart. Da erfährt der Besucher beispielsweise, dass Marilyn damals in das Kleid eingenäht werden musste. Oder dass die Plateau-Schuhe von den venezianischen Kurtisanen, den Damen des horizontalen Gewerbes, in Europa zur Mode gemacht worden sind.