Hochhaussiedlung

Soziale Nachhaltigkeit ist in der Basler Hochhaussiedlung kaum möglich

Ein Beispiel für modernes Hochhauswohnen – für Gutsituierte: Der Markthallenturm.

Ein Beispiel für modernes Hochhauswohnen – für Gutsituierte: Der Markthallenturm.

In Basel-Ost sollen bis zu elf Hochhäuser gebaut werden. Eine Studie wirft jedoch soziale Fragen auf. Denn nicht bei allen Bevölkerungsschichten kommt das Wohnen im Hochhaus gleicht gut an.

Dazu hat sich der Basler Regierungspräsident Guy Morin am Donnerstag nicht geäussert: Die soziale Nachhaltigkeit in einer Hochhaussiedlung war an der Pressekonferenz zum Nachhaltigkeitsbericht kein Thema. Dabei gibt es eine Studie der Hochschule Luzern, erarbeitet im Auftrag des Kantons Basel-Stadt, die sich just dieses Themas annimmt. Und das anhand einer geplanten Stadtteilentwicklung, die am Donnerstag durchaus ein Thema war: Nämlich jener im obersten Teil des Kleinbasler Rheinufers, die unter dem Namen Basel Ost läuft. Hier sollen ab 2020 in einem Park 2000 Menschen in bis zu 75 Meter hohen Wohntürmen leben. Stadtentwickler Thomas Kessler lobte das Projekt in den höchsten Tönen. Die Studie, in deren Begleitgruppe ein halbes Dutzend Staatsangestellter sass, schlägt nun aber kritische Töne an.

Einsamkeit hoch über dem Boden

«Eine Diversifizierung des Wohnangebotes und damit auch der sozialen Struktur in den Hochhäusern wird schwierig zu realisieren und höchstens gebäudeweise möglich sein», heisst es da etwa. Gemeint ist, dass gewisse Bevölkerungsschichten gar nicht in einem Hochhaus wohnen wollen. Zum Beispiel seien Familien nur schwer dazu zu bewegen, in eine Wohnung weiter über dem Erdboden zu ziehen: «Familien können nur bedingt mit einem Angebot im Hochhaus angesprochen werden.»

Aber auch unter sozial schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen komme das Wohnen im Hochhaus nicht gut an, hier existiere gar eine gewisse Stigmatisierung. Dies wohl aufgrund des sozialen Wohnungsbaus der 70er-Jahre. Dagegen fühlen sich offenbar vor allem Expats in Hochhäusern wohl, ebenso Menschen, die in der zweiten Lebenshälfte vom Land zurück in die Stadt ziehen, sowie ältere Paare. Also durchwegs gut situierte Bevölkerungsschichten. Auch die immer wieder geforderte Durchmischung sei nur schwer zu erreichen. Studien aus dem Ausland zeigten, dass Menschen, die höher als im sechsten Stock eines Hochhauses wohnen, keinen Wert auf nähere Bekanntschaften mit der Nachbarschaft legen würden. Sie suchen hoch über dem Boden die Abgeschiedenheit. Das könne insbesondere dann zu einem Problem werden, wenn auch Wohnungen im Eigentum abgegeben würden. Der Staat habe nur beim Erst-Eigentümer einen Einfluss, wer Wohneigentum erwerbe, nicht aber bei Weiterverkäufen.

Park mit Durchgangsverkehr

Aber auch die Gesamtgestaltung der geplanten Siedlung an der Grenzacherstrasse bereitet den Verfassern der Studie Sorgen, etwa die Einbettung ins Quartier. Die Siedlung liege nicht nur am Stadtrand, sondern auch am Rand des am dünnsten besiedelten Quartiers der Stadt, des Hirzbrunnen. Damit werde eine soziale Integration in die bestehende Bevölkerung erschwert. Insbesondere, wenn es nicht gelingen würde, in den Erdgeschossen der neuen Hochhäuser öffentlich zugängliche Nutzungen unterzubringen, die Publikumsverkehr generieren könnten.

Dazu gesellen sich Zweifel, ob die Siedlung wirklich im Zentrum eines neuen Parks zu stehen kommen könnte, der bis an den Rhein hinunter reicht: «Der direkte Rheinbezug ist durch die stark befahrene Grenzacherstrasse und das nicht zugängliche Naturschutzgebiet praktisch inexistent.» Sie regen deshalb an, dass man sich erneut Gedanken machen müsse, was mit der Strasse geschehen soll, sollte das Projekt angegangen werden. Sie sehen darin gar eine grundlegende Bedingung für den Erfolg: «Bevor das Verfahren weiter gezogen wird, ist die Option einer Verlegung, aber auch Abklassifizierung und Neugestaltung (zum Beispiel Tempo 30) der Grenzacherstrasse nochmals eingehend zu prüfen.»

Beide Ansinnen sind bisher aber an erbittertem politischen Widerstand oder an den hohen drohenden Kosten gescheitert. Eine Frage, auf die die Studie nicht eingeht, ist jene nach der auf der deutschen Seite der Grenze geplanten Umfahrungsstrasse, die direkt am neuen Quartier vorbeiführen würde (die bz berichtete).

Aber auch der Verkehr, den die Einwohner der neuen Siedlung selbst generieren, muss abgewickelt werden. Die Studie erachtet das ÖV-Angebot für knapp genügend. Aber der geplante Park müsse über genügend Fussgängerverbindungen und Velowege verfügen. Dazu kommen die Autos, von denen, insbesondere wenn man von besser situierten Mietern ausgeht, auch einige hundert parkiert werden wollen. Das müsse unterirdisch erfolgen, so die Studie, was dann allerdings statische Folgen für die mögliche Bepflanzung des Parks habe.

Einfluss auch auf «Rheinhattan»

Auch im Hinblick auf die Diskussion um die Nutzung der Klybeckinsel gibt die Studie interessante Einblicke. So meinen die Verfasser: «Für gemeinnützigen Wohnungsbau wird der Hochhaus-Typus als nur bedingt geeignet eingeschätzt.» Genau diese Art von Wohnungsbau fordert aber die Linke für die Klybeckinsel, im Gegensatz zum von der Regierung angedachten gehobenen Viertel unter dem Namen «Rheinhattan.» Die Verfasser stellen so eine für Basel immer wichtiger werdende Grundsatzfrage: Ist es überhaupt möglich, in Hochhaussiedlungen soziale Nachhaltigkeit zu erreichen? Unbestritten seien der ökologische und städteplanerische Nutzen des Bauens in die Höhe.

Die sozialen Fragen hingegen harrten immer noch einer Beantwortung, wie verschiedenste erfolgreiche, aber auch gescheiterte Beispiele aus dem In- und Ausland zeigen würden. Eines davon ist das 1957 gebaute Berliner Hansa-Viertel, das 30 Jahre lang als Musterbeispiel des städtischen Wohnens galt. Nun konstatieren die Verfasser der Studie: «Das Fallbeispiel Hansa-Viertel zeigt etwa, dass die Idee ‹Wohnen im Park› durch oberirdische Parkplätze, Eigentumsgrenzen, Erschliessungsstrassen nur bedingt wahrnehmbar ist.» Diese Schwierigkeiten gelte es zu klären, bevor Basel durch verdichtetes Bauen in die Höhe seine Platzprobleme lösen könne.

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