Urbanität
Soziologe warnt vor einer Wirtschafts-Monokultur

Für die beiden berühmten Wissenschafter Saskia Sassen und Richard Sennett wird über den «Dichtestress» eine unehrliche Diskussion geführt. Sie warnen vor der Abhängigkeit von einem einzigen Industriezweig.

Annika Bangerter und Stefan Schuppli
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London City, Finanzzentrum um Liverpool Street: Auch hier ist die Abhängigkeit von einer Branche, der Finanzindustrie, gross. Der Boden ist knapp, Häuser schiessen in die Höhe.

London City, Finanzzentrum um Liverpool Street: Auch hier ist die Abhängigkeit von einer Branche, der Finanzindustrie, gross. Der Boden ist knapp, Häuser schiessen in die Höhe.

mzr

Sprechen sie über Städte, dann fallen Namen wie Mexico City, New York, London oder Peking. Am Donnerstagabend waren sie in Basel: die beiden weltberühmten Soziologen Richard Sennett und Saskia Sassen. Sie gehören zu den einflussreichsten Sozialwissenschaftern unserer Zeit. Im Rahmen der öffentlichen Tagung zum Rathausjubiläum referierten sie in der Aula der Universität Basel über Urbanität, Stadtplanung und Globalisierung.

Ungezwungen, mit Schalk und Charme traten die beiden Soziologen auf – stets bemüht, ihre Themen anschaulich zu vermitteln. Der Titel der Veranstaltung «The Open City» verweist auf das Werk von Richard Sennett. Er plädierte für offene Städte, wo die Einwohner partizipieren und sich einbringen können. Transparenz, Interaktivität, lebendige Stadtränder und eine hohe Durchmischung – das sind Eigenschaften, die sich Sennett für Städte wünscht.

Nach ihren jeweiligen Input-Referaten diskutierten Saskia Sassen und Richard Sennett in einer Art Dialogvortrag. «Wir haben auch schon mal vergessen, dass wir vor Publikum sprechen», lächelt Saskia Sassen und kramt eine Uhr aus ihrer Tasche. Die beiden Wissenschafter sind privat ein Paar und seit über 25 Jahren verheiratet.

Die bz erhielt die Möglichkeit zu einem Interview mit den beiden Persönlichkeiten:

Sie forschen zu Grossstädten. Wie wirkt Basel auf Sie?

Saskia Sassen: Basel ist voller Geschichte. Diese überwältigt die Besucher der Stadt. Daneben weist Basel – wie so viele europäische Städte – eine enorm hohe Vielfalt auf. Basel hat einen kleinen Kern, der ziemlich global ist. Die Stadt erscheint aber nicht wie eine typische ‹Global City›; dafür ist sie viel zu hübsch (lacht). Die Charakteristik einer ‹Global City› ist keine Frage der Grösse, sondern bezieht sich auf das Zusammentreffen unterschiedlichster ökonomischer und kultureller Faktoren.

Zudem beherbergen ‹Global Citys› spezialisiertes Wissen. So ist Frankfurt beispielsweise klein, aber eine der führenden Städte. Tatsächlich sind aber die meisten ‹Global Citys› Grossstädte wie Tokyo, New York, London oder Mumbai.

Basel verdankt seinen Reichtum Pharmagrössen wie Roche oder Novartis. Life Sciences dominieren die Stadt. Was halten Sie von dieser Situation?

Richard Sennett: Für kleine Städte ist es immer eine Herausforderung, internationale Wirtschaftsgrössen zu beherbergen. Dieses Problem sehen wir auch in der Vergangenheit. Im 19. Jahrhundert beispielsweise hing der Wohlstand ganzer Städte von einem Industriezweig ab. Heute wissen wir, dass Städte dies unbedingt verhindern sollten. Deshalb sollten sie die ansässigen Firmen, und nicht die internationalen Akteure, begünstigen. Die Stabilität und Balance einer Stadt erfolgt über kleinere und einheimische Firmen.

Wir haben auch kleinere Firmen, aber diese gehören meist derselben Industrie an.

Sennett: Das ist falsch, wenn ich das so sagen darf. Die Wirtschaft von Basel sollte über diese Branche hinausgehen. Das hiesige kulturelle Umfeld ist so reich, da sollte dies auch möglich sein. Kleinere Städte müssen dafür kämpfen, dass sie ökonomisch vielfältig werden. Nur dann sind sie nicht von branchenspezifischen Schwankungen abhängig.

Wie könnte sich Basel breiter abstützen?

Sassen: Man muss eine Stadt sehr gut kennen, um dies zu beantworten. Eigentlich braucht es Wissen über jeden einzelnen Quadratmeter. Ein allgemeiner Ratschlag, den ich jedoch geben kann, ist den Blick in die ökonomische Vergangenheit zu werfen. Für welche Produkte oder Dienstleistungen war Basel vor hundert Jahren berühmt? Es ist häufig die eigene Geschichte, die begehrenswerte Produkte auf dem internationalen Markt schafft – insbesondere im Konsumsektor. Wen ich hingegen auf keinen Fall einbeziehen würde, sind internationale Berater.

Bei uns wurde eine Abstimmung zur Beschränkung der Zuwanderung angenommen. In diesem Zusammenhang fiel immer wieder das Wort «Dichtestress».

Sennett: Meiner Meinung nach, ist das keine Debatte über Dichte, sondern eine über Unterschiede. In Grossbritannien haben wir diese «Britannien ist voll»-Diskussion auch. Dabei ist nur eine kleine Fläche des Landes bewohnt, der Rest ist Landwirtschaft. Die Diskussion zeigt: Es gibt nicht genug Platz für Leute, die anders sind als wir.

Sassen: Völlig einverstanden, und es gibt auch historische Parallelen.

Ja, aber wir haben diese Debatte trotzdem.

Sassen: Gewiss. Wir haben wegen der Zuwanderung eine ganze Reihe von komplexen Erklärungen: «Sie kommen von Afrika, aus einem muslimischen Staat, aus einer Problemregion.» Nehmen wir Frankreich mit der Zuwanderung dort. Es kamen damals Katholiken von überall her, aus Italien, Belgien. Aber es waren die falschen Katholiken. Wenn wir in die Geschichte zurückblicken, waren das immer Outsider. Es ist eine Art Rassismus ...

Sennett: ...oder eine Form von einem Narzissmus der kleinen Unterschiede.

Sassen: Gut, vielleicht spüren sie diese Dichte, weil der Wohnungsmarkt sehr angespannt ist.

Ja, wobei Basel gegen diese Initiative gestimmt hatte.

Sassen: Das ist ja gut. Aber die Expats, die in der Industrie arbeiten sind vom Stil her westlich.

Sennett: Es gibt auch diese Angst, dass die Ausländer den Inländern den Job wegnehmen. Nochmals zu England: Es gab diese Befürchtungen bei der Zuwanderung von Polen. Doch diese machten Arbeiten, die Engländer nicht zu tun gewillt waren.

Sassen: Über die Hälfte kehrte wieder nach Polen zurück. Und weil sie ordentlich verdient hatten, auch wegen des Wechselkurses, konnten sie sich in Polen Häuser leisten. Überdies kam die polnische Wirtschaft wieder in Schwung.

Warum dann dieser Anti-Ausländer-Reflex?

Sassen: Ich glaube, dass er mit der Tatsache zu tun hat, dass die untere Mittelklasse unter Druck gekommen ist und Boden verloren hat. Vielleicht nicht so stark in Basel, aber wir sehen das in sehr vielen Regionen. All diese mittelständischen Berufsleute können es sich nicht mehr leisten, in London zu leben. Sie werden verdrängt, wo sie lange gelebt hatten. Es gibt Ressentiments. Es handelt sich nicht um «die Anderen», sondern um die Art und Weise, wie die Wirtschaft umgebaut wurde. Die Sparmassnahmen treffen den unteren Mittelstand besonders. Was fehlt, ist die Sprache, solche Entwicklungen adäquat zu benennen, auch in der Politik. Dieser Mittelschicht ging es drei Generationen lang gut, dann kam der Rückschlag, und dann fallen sie zurück in kruden Rassismus.

Müssten nicht eigentlich die Politiker ran?

Sassen: Diese versagen, sicherlich. Aber es sollte noch viel weiter gehen, es braucht ein Verständnis für die komplexen Vorgänge, die ablaufen. Vieles läuft problematisch ab. Staaten werden wie Privatfirmen geführt. Überall werden Leistungen gestrichen und die Taxen erhöht. Und gleichzeitig wird die Finanzindustrie mit Milliarden von Steuergeldern gerettet. Die Politiker machen ihre Hausaufgaben nicht, sie haben ausgecheckt, sich verabschiedet. Vielleicht ist das in Basel nicht so schlimm wie anderswo.

Sennett: Im Vergleich zu den Problemen, die in anderen Ländern Europas herrschen, erscheint mir Basel wie ein Paradies.

Den Trend, in die Höhe zu wachsen, sieht man auch in Basel. Und auch die Mieten steigen ...

Sennett: Skyscrapers sind auch eine Frage des urbanen Plans. Firmen wollen oftmals ihre Mitarbeiter an einem Ort zusammenfassen. Wenn das in einem Turm ist, ist das sicher platzsparend. Aber in betrieblicher Hinsicht kann sich die gewonnene Nähe auch als Illusion entpuppen. Eine Studie von uns hatte vor ein paar Jahren ergeben, dass in einem Turm in einer Woche gerade mal 12 Personen miteinander in Kontakt kommen.

Zum Beispiel bei den geplanten Messetürmen ist eine gemischte Nutzung vorgesehen.

Sennett: Gemischte Nutzung, das ist die Zukunft. Das ist auf alle Fälle sehr gut!

Sassen: Das ist die vertikale Stadt, wie zum Beispiel in Rotterdam.

Sennett: Oder wie in Japan. Die Japaner sind brillant. Werden Sie Japaner!