Herr Burckhardt, Ihr Comeback im Grossen Rat ist unauffällig. Sie politisieren neuerdings im Hintergrund.

Leonhard Burckhardt: Das ist so. Ich habe schlicht und ergreifend wenig Zeit für dieses Mandat. Zudem habe ich politisch schon viel erreicht, ich muss mich nicht mehr an vorderster Front engagieren. Ich interessiere mich aber sehr für die Arbeit im Grossen Rat, dem wichtigsten politischen Gremium im Kanton.

Wie hat sich das Parlament verändert im Vergleich zu Ihrer letzten Amtszeit von 1992 bis 2005?

Ich habe den Eindruck, dass der Grosse Rat jünger geworden ist. Vielleicht ist das aber auch eine Frage der Perspektive. Noch mehr Gewicht als früher haben die Kommissionen. Die Parlamentsarbeit findet dadurch noch stärker hinter den Kulissen statt. Neu ist auch, dass die SVP im Parlament voll integriert ist.

Eine weitere Veränderung: Der Daig hat fast keine Vertreter mehr im Parlament. Sie sind einer der letzten.

Was ist der Daig? Aus meiner Sicht existiert er nicht mehr. Der Historiker Philipp Sarasin hat in seiner Dissertation wunderbar beschrieben, welche Codes und Sitten die Basler Elite im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gepflegt hat. Diese Elite hat bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Rudimenten überlebt. Damals hatte dieser Daig mit seinen Adlaten einen Teil der Wirtschaft der Stadt in der Hand. Er war für viele Leute ein Leitbild und seine Angehörigen verpflichteten sich, diese ungeschriebenen Regeln einzuhalten. Heute, in dieser Welt, in der «alles geht», gelten diese Regeln, die man früher mit der Muttermilch aufgesogen hat, nicht mehr. Die Gruppe dieses Daigs ist zerfleddert. Wenn Sie ein Träger eines Namens wie Staehelin, Merian, Vischer, Sarasin, Koechlin, Iselin oder wie auch immer sind, werden Sie zwar noch oft darauf angesprochen, weil es eine Erinnerung an diesen früheren Zusammenhalt gibt. Heute spüre ich diesen aber nicht mehr. Übrig geblieben ist, dass viele Mitglieder dieser Familien relativ vermögend und bereit sind, einen Teil dieses Geldes für die Stadt einzusetzen, aber auch nicht alle. Ich selber fühle mich überhaupt nicht als Vertreter des Daigs.

Bedauern Sie den Niedergang?

Nein. Es ist unausweichlich, dass sich eine derart homogene Gruppe nicht über eine längere Zeit halten kann. Was ich bedauere, ist, dass die Wirtschaftskapitäne von heute politisch nicht aktiv sind. Sie reden lieber direkt mit der Regierung, haben es aber nicht mehr nötig, im Parlament vertreten zu sein.

Die Burckhardts sind normalerweise in der LDP wie früher Ihr Vater Martin H. Burckhardt oder Andreas Burckhardt. Braucht es die Partei noch?

Brutal gesagt: Nein. Sie hat zwar teilweise brillante Köpfe wie Andreas Albrecht, aber Mühe, ihre Existenz zu rechtfertigen, weil sie gesamtschweizerisch nicht mehr präsent ist. Den historischen Existenzgrund, die Auflehnung gegen die Radikalen, gibt es nicht mehr. Aus meiner Sicht hat die LDP nicht mehr viel Eigenständigkeit. Mit liberalen Köpfen arbeite ich sehr gut zusammen, aber diese könnten gerade so gut auch in anderen bürgerlichen Parteien sein.

Weshalb haben Sie sich gegen die LDP entschieden?

Das war ein Teil meiner jugendlichen Rebellion nach 1968. Ich bin 1953 geboren und wollte nicht das machen, was meine Eltern politisch vorgelebt haben. Deshalb habe ich auch nicht in Basel studiert, sondern in Bern. In dieser Nach-68er-Bewegung interessierte ich mich für Themen wie Umwelt, soziale Gerechtigkeit und neue Lebensweisen. Dafür hatten die Bürgerlichen keinerlei Angebote.

Wie war es, gegen die Familie Burckhardt zu rebellieren?

Mein Vater hatte grosse Mühe, liess es mich aber grosszügigerweise nicht spüren. Die anderen Burckhardts machten keine Probleme.

Hat es Ihnen trotzdem geholfen in Ihrer Karriere, ein Burckhardt zu sein?

Das ist schwierig zu beantworten. Beruflich tendenziell eher nein.

Ein Teil der Basler Elite organisiert sich neu im Club de Bâle. Wäre das etwas für Sie?

Nein, nein. Die sollen das machen, das ist mir egal. Aber dieses Klubwesen, in dem man sich gegen andere verschliesst, interessiert mich überhaupt nicht. Wie viel zahlt man schon wieder als jährlichen Beitrag?

12 000 Franken.

Das ist absurd, das ist unnötig. Ich bin auch nicht in Service-Klubs wie Rotary. Das gehört für mich zur Welt, in der sich mein Vater bewegte und nicht ich. Ich will das niemandem vermiesen, aber mich persönlich interessiert das überhaupt nicht.

Vielleicht profitiert die Stadt davon, wenn sich die selbst ernannten Macher organisieren.

Wenn sie sich politisch oder gesellschaftlich betätigen wollen, gäbe es andere Gefässe. Ich habe das Gefühl, dass sich da eine Gruppe etwas wichtig machen will. Ich wage zu bezweifeln, ob das etwas nützt.

Sie präsidieren einen anderen Klub: die Freunde des Kunstmuseums und des Museums für Gegenwartskunst. Was halten Sie vom Ersatzprogramm während der Schliessung?

Das ist vernünftig. Die Schliessung ist pragmatisch gesehen der richtige Weg. Jetzt hat man die Chance, den Leuten die Augen zu öffnen für das Museum für Gegenwartskunst.

Das Museum für Gegenwartskunst leidet unter Besucherschwund. Woran liegt das?

Ich sehe zwei Punkte. Erstens das Programm des Museums als solches. Moderne Kunst ist anspruchsvoll, nicht gefällig. Die Namen sind ausserhalb von Insider-Kreisen kaum bekannt. Zweitens die Ausstellungspolitik: Das Museum stellt Neues, Unbekanntes vor. Das ist schwierig zu bewerben. Und dann liegt es erst noch unten im Dalbenloch. Den Hype des Neuen hat das Museum nach den 80er-Jahren verloren. Zudem ist durch das Schaulager, Beyeler und andere Konkurrenz entstanden. Ich versuche, mir immer alle Ausstellungen anzuschauen, weil sich das sehr lohnt, aber es gelingt auch mir nicht immer.

Was muss der neue Leiter Søren Grammel verändern?

Er startet in einer heiklen Situation, da er zuerst mit seinem Haus als Ersatz für das Kunstmuseum dienen muss, und erst danach eine eigene Handschrift entwickeln kann. Er muss die Besucherzahlen erhöhen. Wenn der Abwärtstrend so weitergeht, hat das Haus ein Problem. Um dies abzuwenden, sind viele Möglichkeiten denkbar, etwa mehr zugkräftige Ausstellungen, intensivierte Vermittlungsangebote und eine weiter verstärkte Abstimmung mit dem Mutterhaus.

Vor Veränderungen steht auch das Theater Basel: Der neue Intendant wird erwartet. Auf wen hoffen Sie?

Ich hoffe auf jemanden, der die Qualität von Oper und Ballett hält, und jene des Schauspiels endlich verbessert. Ich bin braver Abonnent des Schauspiels, habe mir dieses Jahr aber ernsthaft überlegt, ob ich mein Abo verlängern soll. Ich habe den Eindruck, dass das Gebotene im Durchschnitt ungenügend ist. Das Niveau der Inszenierungen war früher viel besser.

Woran liegt das?

Das ist schwierig zu sagen. Geld spielt sicher eine Rolle. Das Modell Stadttheater hat aber ganz generell an Stellenwert eingebüsst gegenüber den 60er-, 70er- und 80er-Jahren und der Zeit von Frank Baumbauer. Viele gesellschaftliche Impulse erwartet man heute nicht mehr von dieser Seite.

Hat sich das Schauspiel unter Georges Delnon verschlechtert?

Das pauschal zu sagen, wäre ungerecht. Auch unter ihm gibt es ein paar gute Inszenierungen. Aber seit ein paar Jahren ist der Durchschnitt dürftiger als auch schon. Unter Michael Schindhelm habe ich spannendere Aufführungen gesehen. Es ist ein schleichender Prozess. Bei Herrn Delnon ist spürbar, dass er vom Musiktheater kommt, da hat er Herzblut. Beim Schauspiel spürt man ein Defizit.

Sie fühlen sich der Basler Gesellschaft immer noch stark verbunden. Wie planen Sie Ihre Zukunft?

Ich habe die Absicht, die Legislatur im Grossen Rat und Bürgerrat fertigzumachen. Dann ist mal gut. Dann bin ich 64. Allerdings erhalte ich an der Universität vermutlich eine neue Aufgabe. Wenn infolgedessen meine Engagements zeitlich nicht mehr zusammenpassen sollten, muss ich schon früher Konsequenzen ziehen im Grossen Rat. Politisch bin ich ohnehin saturiert. Ich habe andere Ziele: Ich möchte etwa noch nach Italien gehen und mein Italienisch verbessern.