Herr Kölliker, was sagt uns das Nähkästchen?

Sebastian Kölliker: Dass wir über Durst plaudern. Das passt ja gut!

Wieso? Trinken Sie gerne mal einen über den Durst?

Früher kam das sicher vor. Und bald ist ja Basler Fasnacht. Ich bin Hospitant bei der Alti Richtig und im Moment im Vortrab. In den Pausen trinke ich gerne ein oder zwei Gläser Weisswein.

So brav?

Ich denke, als Aktiver sollte man es nicht übertreiben. Aber auch bei mir kommt es mal vor, dass es wohl ein Glas zu viel war.

Im Vortrab wird es auf die Dauer doch langweilig. Dürstet es Sie nicht nach mehr? Sie könnten musizieren.

Das kommt noch! Ich habe vor einem halben Jahr mit dem Piccolospielen begonnen. Die Fortschritte halten sich in Grenzen, aber ich bin guter Dinge, dass ich irgendwann mal einstehen kann.

Ein Spätzünder!

(lacht) In diesem Falle ja.

Sonst trifft das tatsächlich nicht auf Sie zu. Ihr Palmares macht Eindruck. Sie sind 27 Jahre alt, im Grossen Rat, Bürgergemeinderatspräsident, im Rockförderverein aktiv, und, und, und. Woher kommt dieser Durst nach Engagement?

Ich bin nicht der Typ, der die Faust im Sack macht. Schon mit 14 habe ich gehandelt, wenn mich etwas genervt hat, wie damals etwa die Schulreform. Ich fand, wenn jemand etwas dazu zu sagen hat, dann wir Schüler. Deshalb habe ich mich im Schülerparlament und im Jungen Rat engagiert. Das war die Initialzündung.

Und heute setzen Sie sich fürs Gedeihen der Jugendkultur in der Stadt ein. Diese braucht Platz, um sich entfalten zu können. Bekommt sie den in Basel?

Nicht genügend. Wenn neue Gebiete entstehen oder umgenutzt werden wie das Lysbüchel-Areal, geht gerne vergessen, dass die Jugend Freiraum braucht. Da halte ich zum Beispiel in der Bau- und Raumplanungskommission den Finger drauf, damit nicht nur Wohnwüsten entstehen. Und wenn ein Club wegfällt wie der «Nordstern», muss man um Ersatz kämpfen; die Jugend- und Alternativkultur macht im Budget der Stadt nur einen kleinen Teil aus. Dabei kann deren Wirkung als Wirtschaftsfaktor riesig sein!

Budget, Wirtschaftsfaktor – das klingt alles schrecklich nüchtern. So gar nicht jugendlich unbeschwert.

In der heutigen Gesellschaft hat Unbeschwertheit wenig Platz, das ist leider so. Man muss gewisse Anliegen institutionalisieren. Darum gibt es auch das Komitee «Kulturstadt Jetzt».

Braucht es eine Instanz, die den Jungen Platz verschafft, überhaupt? Sie finden ihre Orte oft selbst, denken wir an das NT-Areal oder die Uferstrasse.

Das stimmt. Es gehört ja nicht zu meiner Arbeit, Zonen zu definieren. Sondern gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, dass sich die Jugend diese Plätze holen kann. Heute kommt es deswegen oftmals zu Konflikten.

Die Eröffnung der neuen Kuppel war für diesen Frühling vorgesehen, jetzt wird es deutlich später. Für Sie als Stiftungsrat sicher ein grosses Ärgernis.

Dass gewisse Dinge Zeit brauchen, ist nun mal Realität. In der Zwischenzeit haben sich die Rahmenbedingungen geändert, es entstanden neue Personenkonstellationen, das hat alles verzögert. Nun sind wir guter Dinge, die Kuppel im 2020 eröffnen zu können.

Will die Alternativkultur diesen Ort überhaupt? Die Umgebung ist jetzt eher schick.

Definitiv. Die Kuppel ist ein wichtiger Ankerpunkt für sie.

Woher wissen Sie, was die Jungen wollen? Sie sind ja aus dem Alter raus.

Jetzt bin ich ein ordinärer Erwachsener (lacht). Ich pflege den Kontakt zu ihnen, etwa an Jungbürgerfeiern. Und mit den Kindern von älteren Kollegen tausche ich mich regelmässig aus.

Seit einem Jahr sind Sie Kommunikationsverantwortlicher der Rhyschänzli-Gruppe. Diese ist auf Abendgastronomie spezialisiert. Entsteht da für Sie kein Interessenskonflikt?

Weshalb?

Die Rhyschänzli-Gruppe betreibt neu das Sud; das Partylokal wurde zu einer gepflegten Bierhalle umfunktioniert. Kein Platz mehr für Alternativkultur.

Das frühere Programm hat eher Erwachsene angesprochen, nicht Jugendliche.

Das hätten Sie ändern können.

Sicher wäre das eine Chance gewesen, aber bei strategischen Überlegungen der Gruppe bin ich nicht eingebunden. Wir bieten jüngeren Menschen durchaus ein Programm, etwa mit Poetry-Slams oder Konzerten. Und da ist es doch schön, wenn man ein gutes Bier trinken kann.

Neuerdings fordert Sucht Schweiz einen Mindestpreis für Bier...

...solche Massnahmen haben noch selten Wirkung gezeigt. Im Übrigen glaube ich nicht, dass Alkoholmissbrauch bei jungen Erwachsenen in Basel ein Thema ist. Vielmehr stelle ich fest, dass das pflichtbewusste Menschen sind, die hart arbeiten – und sehr gesundheitsbewusst leben.

Den besten Ruf haben sie aber nicht.

Die ältere Generation klagt stets über die Jungen. Das war schon zu Sokrates’ Zeiten so. Die Jugend ist heute viel sichtbarer, weil der Ausgang öffentlicher geworden ist: Man hält sich viel mehr draussen auf, am Rhein etwa.

Und man darf als junger Mensch auch mal über die Stränge schlagen. Hatten Sie in Ihren Jugendjahren überhaupt Zeit dafür? Sie haben sich schon früh auf Funktionärsebene bewegt.

Ich habe mich definitiv ausgetobt. Auf dem NT Areal, an illegalen Partys. Wir haben uns den Platz geholt, trotz Risiko. Und ich «feste» auch heute gerne ab und zu. Mein Engagement hat mich jedenfalls nie davon abgehalten.

Aber Sie mussten mit dem Kopf mehr bei der Sache sein als andere Gleichaltrige, etwa beim Jugendkulturfestival.

Wenn man die Verantwortung trägt für 60'000 Festivalbesucher, geht die Unbeschwertheit ein wenig verloren, ja. Aber es spricht doch nichts dagegen, wenn man früh Verantwortung übernimmt. Man muss nicht immer einen über den Durst trinken.

Und wenn doch: Der schlimmste Kater Ihres Lebens?

Meine Freunde hassen mich dafür: Ich habe nie einen Kater, egal, wie viel ich trinke.

Beneidenswert. Trinken Sie zwei Liter Wasser vor dem Schlafengehen?

Nein, da gibt es keinen Trick. Ich bin einfach nicht anfällig dafür, zum Glück.