Endlich!

Späte Ehre: Nietzsche erhält in Basel einen Brunnen

Am 25. August wird dieser bisher namenlose Brunnen «Friedrich Nietzsche Brunnen» getauft.

Am 25. August wird dieser bisher namenlose Brunnen «Friedrich Nietzsche Brunnen» getauft.

Nach Jahren des Wartens und Suchens erhält der grosse Philosoph Friedrich Nietzsche in Basel endlich ein eigenes Denkmal. Oder genauer: Ein Brunnen wird nach ihm benannt.

Nietzsche ist gross. Friedrich Wilhelm Nietzsche, einer der bedeutendsten europäischen Philosophen, einer der modernsten, wagemutigsten Denker. Aufwühlend, berührend, anregend sind seine Schriften – bis heute. Umstritten auch. Nur kalt lassen sie keinen.

Zehn Jahre lang, von 1869 bis 1879, lebte, unterrichtete und schrieb Nietzsche in Basel – länger als an jedem anderen Ort. Er war Professor für griechische Sprache und Literatur an der Universität Basel und Lehrer am Pädagogium, dem heutigen Humanistischen Gymnasium. In Basel verfasste er einige seiner wichtigsten Werke: «Die Geburt der Tragödie», «Menschliches Allzumenschliches», unter anderen.

Und doch hat ihm die Stadt bisher noch nicht mal eine Einbahnstrasse gewidmet. An Nietzsche erinnert im öffentlichen Raum – nichts. Bis jetzt. Ab dem 25. August, Nietzsches 115. Todestag, wird sich das ändern. Nietzsche bekommt einen Brunnen.

Den Brunnen passierte er täglich

Nach vielen Jahren des Suchens nach einer passenden Strasse oder einem passenden Platz, einem zögerlichen Prozess, bei dem Nietzsche immer wieder anderen grossen Namen den Vortritt geben musste: Meret Oppenheim und Irène Zurkinden etwa, denn bei Frauennamen besteht ebenfalls grosser Nachholbedarf im öffentlichen Raum. Nach Jahren auch der Vorsicht, der Ängstlichkeit: Denn Nietzsche ist von den Nationalsozialisten aufs Hässlichste vereinnahmt worden. Nach all diesen Jahren hatten der Kunsthistoriker Simon Baur und David Marc Hoffmann, Leiter des Rudolf Steiner Archivs in Dornach sowie Präsident der Stiftung Nietzsche-Haus in Sils Maria, einen genialen Einfall: Den bisher namenlosen Brunnen an der Ecke Spalentorweg/Schützengraben Nietzsche-Brunnen zu nennen.

Nietzsche wohnte während seiner Zeit als Basler Professor in diesen beiden Strassen: Am Spalentorweg 2, in einer WG im Nummer 5 und am Schützengraben 48. Auf seinem Weg zur Uni oder zur Schule muss er diesen Brunnen passiert haben. Gut möglich, dass er sich ab und zu einen Schluck daraus gönnte: «Nietzsche war ein Wassertrinker», weiss David Marc Hoffmann.

Alkohol trank der stets kränkelnde Philosoph mit dem überempfindlichen Magen hingegen nie. Gut möglich auch, dass Friedrich Nietzsche den Satz, der bald zu seiner Erinnerung auf einer Aluplatte am Brunnen prangen wird, im Vorbeigehen ersonnen hat: «Wir Freigebigen und Reichen des Geistes, die wir gleich offnen Brunnen an der Strasse stehn und es Niemandem wehren mögen, dass er aus uns schöpft.»

Unheimlicher Nietzsche-Kult

Etwas zu gierig schöpfte Nietzsches Schwester aus des Bruders Brunnen. Sie vergiftete das Wasser. Allem möglichen Zeitgeist habe Elisabeth Förster-Nietzsche sie mit seinem Nachlass angedient, sagt David Marc Hoffmann. Bis zum Tiefpunkt, an dem sie Adolf Hitler im Nietzsche-Archiv in Weimar empfing. Hoffmann findet es richtig und verständlich, dass die Basler bisher mit der Verehrung Nietzsches zurückhaltend waren: «Es ist nicht schlecht, dass es nichts gab. Die Nietzsche-Wirkung und Rezeption war und ist sehr auf Pathos ausgerichtet, auch wegen des unseligen Einflusses seiner Schwester.» Es ist also gefährlich zu sagen: «Nietzsche ist gross.»

Nicht einmal um Goethe habe es einen derartigen Kult gegeben wie um Nietzsche, weiss Hoffmann. «Er ist wirklich unser Christus», habe der Dichter und Künstler Alfred Kubin gesagt. Christian Morgenstern habe geschrieben: «Man sieht Nietzsche ins Auge und weiss, wo die Zukunft der Menschheit liegt».

Die Basler Tradition hingegen bevorzuge es nüchtern, sachlich. Als Gegensatz zur übersteigerten, überhöhten Verehrung Nietzsches finden das Baur und Hoffmann erfrischend. Wie dieser Brunnen. «Klein, vital und unpathetisch. Das steht der nüchternen Basler Tradition gut an», sagt Hoffmann. Das Plätschern entspreche dem Reden, sagt Baur: «Man spricht auch von einer Quelle, die redet.» Alles spricht dafür, dass dieser Brunnen die perfekte Erinnerungsstätte für Nietzsche ist. Ein Anwohner erinnert sich gemäss Simon Baur sogar daran, dass er und die Nachbarskinder schon immer vom «Nietzsche-Brunnen» sprachen. Sie gingen darin baden.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1