Es beginnt wie eine hundsgewöhnliche Grippe. Doch auf Halsweh, Gliederschmerzen und Fieber folgen Symptome, welche die Bevölkerung vor einer Strafe Gottes fürchten lassen. Auf den Wangen der Befallenen breiten sich Flecken aus, die Haut verfärbt sich violett und am Ende quillt Blut aus den Lungen. Sie ersticken, oft bei vollem Bewusstsein. Es ist 1918. Die Spanische Grippe legt sich über die Welt wie Frost über ein junges Feld. Vor genau hundert Jahren erreicht sie in den beiden Basel den Höhepunkt.

In gewisser Weise hat die Grippe leichtes Spiel: Der Krieg hat die Schweiz ausgemergelt. Um sich in die Neutralität zu retten, hat der Bundesrat die Einfuhr von Gütern unterbunden. Nicht nur jetzt, in den späten Auswüchsen des Krieges, fehlt es dadurch an Nahrung und Kohle.

Viele Schweizer hungern. In der Grenzregion macht sich das Gefecht der Weltmächte besonders bemerkbar. Fremde Flugzeuge am Himmel und Geschützdonner aus dem Elsass nähren die Angst, in die Vernichtung hineingesogen zu werden. Basel ist Garnisonstadt. Auf dem Land besetzen Truppen Gemeindeschulhäuser. Arme Familien trifft besonders hart, dass die Männer Aktivdienst leisten. Der geringe Sold kann ihre Abwesenheit nicht abgelten. Einen Erwerbsersatz gibt es nicht. Industrielle hingegen profitieren vom Krieg. Diese soziale Ungerechtigkeit soll später in den Landesstreik münden.

Schaudern

Das ist Anfang Juli noch weit weg. Sorgen bereitet den Leuten in der Region vielmehr diese neue Krankheit, die aus Spanien kommen soll. Schon im Frühling hat eine Grippewelle Europa heimgesucht. Aber diese scheint anders, soll vom Gas und Kanonendampf ausgelöst sein. Plötzliches Fieber ist das Erkennungsmerkmal, dazu Schwindel und Müdigkeit. Experten geben Entwarnung: Sie sei harmlos und klinge bereits nach wenigen Tagen wieder ab. Noch eher unbemerkt spitzt sich Mitte Juli die Lage zum ersten Mal zu. 80 Rekruten der Kaserne Liestal erkranken, auch die Basler Bahnhofswache ist betroffen. Todesfälle sind aber selten.

Reizungen

Die Basler Regierung sieht sich zur Beruhigung verpflichtet, es handle sich weder um Lungenpest noch Cholera. Zwar gibt es Berichte, wonach Komplikationen die Lungen der Patienten angreifen, doch das gehört nicht zum allgemeinen Krankheitsbild. Eine Frage umkreist das Basler Rathaus: Braucht es ein Versammlungsverbot, wie es bereits im Baselbiet besteht? Das sei übertrieben, findet schliesslich Friedrich Aemmer. Der Leiter des Sanitätsdepartements ist selbst Arzt, seit 1911 ist er Regierungsrat. Eine solche Massnahme wäre in Städten «relativ wirkungslos und würde ausserordentliche Inkonvenienzen und Behinderungen des städtischen Lebens bringen», lässt er sich in den Medien zitieren, die zunehmend nervös auf die Bedrohung reagieren. Mal kritisieren sie die Bevölkerung, die sich nicht hygienisch zu verhalten wisse, mal die Regierung, die zu wenig unternehme. Aemmer scheint vorerst recht zu behalten: Die Grippe klingt ab. Selbst im Baselbiet lockern die Behörden das Verbot.

Das Basler Bürgerspital reicht nun wieder aus, um die Kranken zu behandeln; es sind hauptsächlich Soldaten. Dort arbeitet die 23-jährige Grace Führer aus Binningen als Krankenpflegerin. Das Spital stellt dem Personal Schutzmäntel und Masken zur Verfügung, allerdings muss der Klinikleiter feststellen: Diese seien «unbeliebt und etwas unpraktisch». Die junge Grace steckt sich mit dem Virus an. Am 21. September 1918 ist sie tot. Sie sei nach kurzer Krankheit «ein Opfer ihres Berufes geworden», heisst es in einer Mitteilung an die Polizeidirektion; die Todesanzeige rühmt sie als besonders pflichtgetreu. Jeden Tag mehren sich derartige Annoncen. Oft sind es junge Menschen, die innert weniger Tage aus ihren Familien gerissen werden. Warum, ist bis heute ungeklärt. Es lässt das Virus besonders bösartig erscheinen in einer Zeit, die auf eine junge Generation so angewiesen ist.

Kollaps

Noch immer will Aemmer kein Versammlungsverbot erlassen. Dennoch erkennt die Regierung die Lage als ernst. «Man soll nicht mehr spucken!», schreibt sie am 1. Oktober inständig. Sie verteilt Warnzettel, plakatiert an Litfasssäulen und schaltet Inserate im Kantonsblatt. Daran zeigen auch die Baselbieter Kollegen Interesse, sie bitten um einige Kopien. Den Liestalern ist es untersagt, den Teppich auf der Strasse zu entstauben, um das Aufwirbeln von Partikeln zu verhindern. In Sissach sind zu Beerdigungen nur noch Familienmitglieder zugelassen.

Die Situation ist den Behörden da schon komplett entglitten. Die Seuche greift um sich und in jeden Bereich des Lebens: Tanzanlässe sind verboten, die Schulferien vorgezogen und ein Hilfsspital soll erstellt werden. Am 9. Oktober konstatieren die «Basler Nachrichten» nüchtern: «Die Zahl der ärztlich gemeldeten Neuerkrankungen an Influenza in der Woche vom 29. September bis 5. Oktober betrug 1613 (gegen 674 in der Vorwoche), darunter befinden sich 737 Kinder. 17 Todesfälle.» Mitte Oktober fehlen nicht nur Spitäler, sondern auch das dafür nötige Personal. In Sissach ist die Lage besonders dramatisch. Beide Ärzte sind selber krank.

Der Ersatzmediziner ist im hohen Alter, er kann mit dem Ansturm nicht Schritt halten. Der Gemeindepräsident richtet sich in einem Schreiben an Polizeidirektor Adolf Brodbeck: «Wir haben eine grosse Anzahl schwerer Grippefälle und täglich 1-2 Todesfälle. Wenn meinem Gesuche nicht entsprochen wird, könnte die Sache zur Katastrophe auswachsen und müsste ich jede Verantwortlichkeit ablehnen.» Brodbeck weiss sich selber kaum zu helfen. «Es fehlt eben überall an Ärzten und Pflegepersonal.» Dennoch schickt er als Sofortmassnahme einen Arzt aus dem Kantonsspital.

Auch andere Betriebe haben mit den zahlreichen Krankheitsausfällen zu kämpfen. Am 21. Oktober 1918 stellen die Basler Strassen-Bahnen, Vorläufer der BVB, die Linie 1 ein – es hat zu wenig Chauffeure. In Basel schaltet das Bürgerspital einen Appell in der Zeitung. Emil Bischoff, Präsident des Roten Kreuzes, schreibt einen ähnlichen Aufruf für die zum Krankendepot umfunktionierte Kaserne. Er schliesst mit den Worten: «Das Vaterland ruft, folgen wir dem Rufe.» Das Inserat erscheint am Samstag vor genau hundert Jahren. Es ist der traurige Höhepunkt der Seuche. Basel-Stadt beklagt zum Ende dieser Woche über hundert Todesfälle, Baselland gegen fünfzig. In den beiden Basel siechen Tausende an der Spanischen Grippe. Dabei werden nur die ärztlich gemeldeten Fälle gezählt. Das sind längst nicht alle, manche Mediziner sind mit der Arbeit überfordert. Der Verein für Feuerbestattungen ersucht die Regierung in Basel nachdrücklich, doch das ganze Krematorium in Betrieb zu nehmen. Sie sagt ab, die Kohlevorräte reichen nicht.

Depression

Die katholische Kirche hat den Glauben in die ärztliche Hilfe verloren, rät in einem Schreiben den Kranken in der Gemeinde, das heilige Sakrament «wenn immer möglich» vor dem Spitaleintritt abzuholen. Der Baselbieter Pfarrer John Schneider schreibt noch im August in der bz: «Nun erschien der vierte Reiter auch in unserm Schweizerlande. Sein Name ist Tod und mit seiner Hauptwaffe, der Seuche, hat er die furchtbare Todesernte begonnen.» Inzwischen ist auch er dem erlegen, was er als Apokalypse empfand. So wie ihm ergeht es auch anderen Seelsorgern, für die letzte Ölung kommt es zu Engpässen. Noch immer vertrauen Teile der tiefreligiösen Bevölkerung aber lieber auf Gott denn auf die Ratschläge der Behörden. Gleichzeitig stehen allerlei Tinkturen und Wundermittel hoch im Kurs, bis zum Telefon-Desinfektor «Grippsano».

Das Schlimmste scheint im November ausgestanden: In den wöchentlichen Bulletins ist der Rückzug zu erkennen, die Fieberkurve zeigt nach unten. Zwar wird sie gegen Ende des Monats noch einmal kurz nach oben schiessen, doch das Virus erreicht nicht mehr die Ausdehnung wie zur Herbstmitte. Erst jetzt greift die Baselbieter Regierung zu tiefschürfenden Massnahmen. Am 23. November verbietet der Regierungsrat Basel-Landschaft jegliche Massenveranstaltungen, ordnet nur noch kurze Gottesdienste ohne Gesang an und bestimmt das Einsargen der Leichen innert 48 Stunden. Allerdings: Recht machen kann es in dieser Situation niemand. In Basel-Stadt, wo mit Rückgang der Ansteckungen die Schulen wieder öffnen sollen, wirft die «National-Zeitung» dem Erziehungsdepartement vor, die Kinder als Versuchskaninchen zu missbrauchen.

Erholung

Mit dem Jahreswechsel kehrt schliesslich Ruhe ein. Erst wenn die Spitäler wieder leerer und die Schulbänke wieder voller sind, haben die Behörden Zeit für eine Bilanz. 674 Tote zählt Basel-Stadt im Grippejahr 1918. 418 Personen sind der Seuche im Baselbiet erlegen. Es ist in jeglicher Hinsicht ein zuvor und danach unerreichtes Ausmass.

Unweigerlich fragt man sich beim Rückblick auf diese Zeit: Wäre das heute noch möglich? Andreas Widmer, stellvertretender Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Basler Universitätsspital, sagt: «Ich bin davon überzeugt, dass es irgendwann wieder zu einer Pandemie kommen wird. Am meisten fürchte ich, dass ein Tiervirus - beispielsweise im Geflügel - mutiert und dann auf den Menschen überspringt.» Allerdings geht Widmer davon aus, dass sich die Zustände von 1918 nicht wiederholen können. «Wir sind heute medizinisch viel besser gerüstet und können auch Komplikationen einer Grippeerkrankung wie zum Beispiel Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen viel besser behandeln.»

Der medizinische Fortschritt macht es möglich, Viren schnell zu identifizieren und nach passenden Impfstoffen zu suchen: «Wenn man am Anfang konsequent interveniert, haben wir die Chance, einen Ausbruch einzudämmen.» Zumindest in den Industrieländern würden die enormen Todeszahlen der Spanischen Grippe nicht mehr erreicht. Doch: Man muss nicht um hundert Jahre zurückblättern, um die letzte Angst vor einer globalen Seuche zu finden. Vogel- und Schweinegrippe hatten auch einen Effekt auf die Forscher: Ein Epidemiegesetz regelt Massnahmen gegen die Ausbreitung, eine Pandemiestrategie den Kampf im Ausnahmezustand. Sollte das Chaos heute über die Welt einbrechen, hätte sie ihm wenigstens einen Plan entgegenzusetzen.

Bei der Recherche für diesen Artikel stützte sich die «Schweiz am Wochenende» vor allem auf das Baselbieter Staatsarchiv und das Buch «Grippe – Krankenbesuche verboten!» von Andreas Tscherrig. Wer mehr vom Historiker wissen will, hat am 9. November im Dichter- und Stadtmuseum die Gelegenheit dazu. Dann hält er einen Vortrag zur Spanischen Grippe.