Andrea Bignasca
«Sparmassnahmen sind für das Antikenmuseum ein Damoklesschwert»

Die Ausstellung Antikythera war ein grosser Erfolg für das Antikenmuseum. Direktor Andrea Bignasca spricht mit der bz über zukünftige Ausstellungen, Geldprobleme und anstehende Veränderungen

Céline Feller
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Andrea Bignasca ist mit seinen ersten drei Jahren als Direktor des Antikenmuseums zufrieden.

Andrea Bignasca ist mit seinen ersten drei Jahren als Direktor des Antikenmuseums zufrieden.

Nicole Nars-Zimmer niz

Herr Bignasca, die Ausstellung zu Antikythera geht bald zu Ende. Sie wurde als Sensation angekündigt. Hat sie sich auch als diese bewahrheitet?

Andrea Bignasca: Auf jeden Fall. Man muss aber vor allem bedenken, dass diese Ausstellung so sensationell war, weil wir die einzige Station ausserhalb Griechenlands waren, die diese Funde zeigen konnten. In Griechenland ist dieser Fund das Nonplusultra, es hat die gleiche Bedeutung wie Tutanchamun in Kairo oder Pompeji in Italien. Es sind nationale Kulturgüter, die eigentlich nie ausgeliehen werden. Und dass wir bei all dieser Konkurrenz aus Amerika oder Europa ausgewählt wurden, macht uns sehr stolz.

Es gab aber auch Probleme.

Ja, am Ende hat es drei Jahre gebraucht, um alle Personen zu überzeugen. Ich war im Juni 2013 ein erstes Mal in Athen, hatte ein Meeting mit den zuständigen Departementen und dem Kulturminister, der mir schon quasi zugesagt hatte, dass wir die Exponate bekommen. Eine Woche später wurde die Regierung ausgewechselt und wir mussten von neuem anfangen. Es war dann der Kulturminister der dritten Regierung, der das Okay gegeben hat.

Trotz dem Zuschlag hat der Mechanismus, das berühmteste Objekt, gefehlt. Ist das der einzige Wermutstropfen, auch, weil mit dem Mechanismus vielleicht noch mehr Besucher gekommen wären?

Wir haben selbstverständlich auch nach dem Mechanismus gefragt, aber zu dem haben sie sofort nein gesagt, unmissverständlich. Wir haben es dann immer wieder versucht, auch mit der Unterstützung aus Bundesbern, aber es hat nicht gereicht. Und ich verstehe es auch, der Mechanismus ist so ein einzigartiges Stück aus mehreren, sehr fragilen Fragmenten. Wenn da etwas verloren oder kaputt gegangen wäre, hätte das keine Versicherung bezahlen können. Und ich denke auch nicht, dass mit dem Mechanismus 300'000 Besucher gekommen wären.

Stand gestern haben mehr als 55'000 Menschen die Ausstellung besucht. Sind Sie damit denn zufrieden?

Auf jeden Fall, das ist sehr gut. Aber es hätten auch noch mehr sein können. Aber in Basel ist die Konkurrenz nun mal sehr stark, es gibt wahnsinnig viele, tolle Ausstellungen. Was aber vor allem positiv war, ist, dass sehr viele Jugendliche und Kinder gekommen sind und auch begeistert waren. Vielleicht hängt es mit dem Titel «Der versunkene Schatz» zusammen. Es war effektiv so, dass die Kinder die Eltern ins Museum brachten, das ist etwas Neues. Ich hoffe, dass wir diese Begeisterung nun aufrechterhalten können, aber das wird sicher nicht ganz einfach.

Für ein Museum, das in den letzten 10 Jahren mit rückläufigen Besucherzahlen zu kämpfen hatte, ist das sehr positiv. Ist diese Ausstellung vielleicht auch ein Wendepunkt?

Das ist schwierig zu sagen. Die Besucherzahlen waren in den letzten Jahren stets rückläufig ja, aber seit 2013 gibt es einen leichten Aufwärtstrend. Da sind wir natürlich tief gestartet, aber im Jahr 2015 konnten wir beispielsweise ein Plus von 40 Prozent verzeichnen im Gegensatz zum Vorjahr, das ist ein sehr gutes Resultat. Das hängt natürlich mit der Antikythera-Ausstellung zusammen, aber nicht nur.

2013 war auch das Jahr, in dem Sie Ihre Stelle als Direktor angetreten haben. Bei Ihrem Antritt sagten Sie, dass Sie das Konzept des Museums ändern, modernisieren wollen. Inwiefern haben Sie das geschafft?

Sagen wir es mal so: Auf der Ebene der Sonderausstellungen hat das alles geklappt, weil wir da auch Sponsoren gefunden und zusätzliches Geld bekommen haben. So waren wir viel freier, was die Fragen der Inszenierung und die Präsentation des Themas angeht. Die Dauerausstellung hat hingegen etwas gelitten, sie kam zeitlich etwas zu kurz, weil die Kuratoren anderweitig beschäftigt waren. Entweder sie kümmern sich um die Dauer- oder um die Sonderausstellung, beides geht nicht. Wenn wir also dasselbe für die Dauer- wie für die Sonderausstellungen tun wollten, bräuchten wir mehr Personal. So haben wir uns auf die Sonderausstellungen konzentriert und dort auf die Spur gefunden, was die zeitgenössische Präsentation angeht. Nach Ende der Antikythera-Ausstellung werden wir bei den Dauerausstellungen punktuell renovieren und mit der orientalischen Sammlung anfangen. Das kommt gut, aber es ist erst der Anfang.

Wird der grosse Umbruch auf den Umzug in die Augustinergasse verschoben?

Genau. Ich habe 2013 gesagt, dass auf 2016 alles umgesetzt werden soll, weil das Museum dieses Jahr das 50. Jubiläum feiert. Also hätten wir drei Jahre Zeit gehabt, alles umzukrempeln. Damit haben wir ja auch begonnen, es war ein Sonderbudget dafür vorgesehen, und als dann fünf vor zwölf war, wurde das Geld vom Kanton nicht gesprochen. Der Kanton hat damit argumentiert, dass der Umzug in die Augustinergasse immer konkreter wird und es folglich nicht sinnvoll wäre, am jetzigen Standort zu investieren, wenn man in sieben bis acht Jahren ohnehin umziehen würde.

Aber das muss doch auch frustrierend sein, jetzt unzufrieden zu sein, aber nichts ändern zu können, weil man noch sieben Jahre vertröstet wird.

Ja, bis 2023 geht es noch lange ...

Das heisst aber, dass der Umzug fix ist?

Wir müssen zuerst noch die Machbarkeitsstudie abschliessen, dann mit der Regierung alles evaluieren und schliesslich die Finanzierung anschauen. Das ist ein grosses Projekt, nicht nur der Umzug an sich, sondern auch die möglichen, damit verbundenen baulichen Massnahmen, die vorgesehen sind. Ich kann aber dazu noch nichts sagen, eben weil die Studie noch nicht fertig ist. Aber: Wenn die richtige Variante kommt, kann man sich gewaltig freuen auf das neue Antikenmuseum.

Ebenfalls Teil des Antikenmuseums ist die Skulpturenhalle, wo auch die nächste grosse Sonderausstellung stattfinden wird.

Ja, dort wird ab 1. September das Thema der Gewaltbilder im Fokus stehen, von denen es in der Antike sehr viele gab, sei es aus dem Krieg oder der Mythologie. Diese wollen wir deuten und eine Parallele zu heute ziehen. Da kann man durchaus auch die Situation in Syrien thematisieren. Dass wir in die Skulpturenhalle gehen, hat vor allem einen funktionellen Grund- Erstens hatten wir nun Ende 2015 und Anfang 2016 hier die grosse Ausstellung, und seit vier Jahren im Antikenmuseum vor allem kontinuierlich Sonderausstellungen. Jetzt wollen wir unsere Sammlung wieder einmal in den Fokus rücken, was wir im zweiten Halbjahr tun werden. Danach kommt wieder eine Sonderausstellung hier im Haus zum Thema Südarabien. Das ist ebenfalls ein Kriegsgebiet wie Syrien oder der Irak, und es geht vor allem um das Gebiet des heutigen Jemen. Da wird gezielt bombardiert, auch Unesco-Weltkulturerbe, ähnlich wie in Palmyra, aber von anderen Gruppierungen und Ethnien.

Wie weh tun Ihnen solche gezielten Zerstörungen?

Das ist schrecklich. Zuerst kommt die menschliche Katastrophe, klar, wir diskutieren hier über die Rosinen. Aber wir kannten beispielsweise den Verwalter von Palmyra, der von der IS geköpft wurde, weil er versuchte, die Kunstwerke zu schützen. Das ist schrecklich: Und auch deshalb finde ich es wichtig, dass man diese Regionen thematisiert, auch im Rahmen von Ausstellungen, sodass man die Thematik wieder ankurbeln kann. Es sind ganze Traditionen, die verloren gehen. Es ist typisch, dass man die Antike verwendet, um eigene politische Ziele durchzusetzen. Man schaltet den Feind aus, komplett, physisch und zusammen mit den eigenen Traditionen. Das passierte schon in der Antike nach Eroberungen. Das sind durchaus erschreckende Parallelen, die zeigen, dass sich die Geschichte immer wiederholt, obwohl man wissen müsste, was zu tun wäre.

Zurück zur Skulpturenhalle. Wie wichtig ist es, dass sie erhalten bleibt und nicht den Sparmassnahmen zum Opfer fällt?

Das ist die grosse Frage, ja, ob sie weiter bestehen kann. Ab nächstem Jahr kommt eine grosse Sparrunde, wo wir 200'000 Franken weniger pro Jahr bekommen werden. Dazu haben wir ein strukturelles Defizit, welches ich von der vorigen Administration übernommen habe. Diese Situation ist unhaltbar und wir müssen etwas machen.

Das klingt, als hätten Sie in Ihren bisherigen drei Jahren auch mit diversen Problemen zu kämpfen gehabt. Wie zufrieden sind Sie dennoch mit ihrer bisherigen Amtszeit?

Auf der Ebene der Programme bin ich sehr zufrieden, das ist wunderbar gelaufen. Was aber schwieriger geworden ist, ist das Sponsoring. Die Ausstellungen werden immer teurer und die Konkurrenz ist wie erwähnt sehr gross. Alle gehen zu denselben Sponsoren und Mäzenen. Und wir sind nun einmal nicht das Kunstmuseum oder die Fondation Beyeler, ich muss immer wieder erklären, was wir sind und welche Nische wir präsentieren. Picasso oder Gaugin muss man nicht erklären, Antikythera aber schon. Dann sind die Werke auch noch fragmentarisch erhalten. Daher ist es eine grosse Herausforderung, immer wieder aufs Neue die Finanzierung zu sichern. Es ist kein Heimspiel, nichts ist garantiert. Es ist ein Damoklesschwert, das jedes Jahr über einem schwebt.

Und nun öffnet das Kunstmuseum auch noch bald seinen Neubau. Machen Sie sich dahingehend Sorgen?

Nein, Sorgen mache ich mir nicht. Ich freue mich sehr. Wir hatten letztes Jahr und bis jetzt Antikythera und jetzt kommt das Jahr des Kunstmuseums. Das ist schön und eine Bereicherung. Wir hoffen einfach, dass nur zehn Prozent der Besucher des Kunstmuseums auch über die Strasse kommen.

Aber ein Punkt macht Ihnen doch Sorgen.

Ja, das ist das Kunstmuseum-Parking, das gebaut werden soll. Wir wissen nicht, wie gut das bei Leihegebern aus anderen Museen ankommt, wenn neben uns eine riesige Baustelle ist, jahrelang, und allenfalls der Boden auch noch vibriert.

Bis das soweit ist, sind die Exponate zu Antikythera längstens wieder im Nationalmuseum in Athen. Damit endet die nächste, grosse Ausstellung, die über die Landesgrenzen hinaus Schlagzeilen gemacht hat. Welche Sensation wollen Sie als nächsten zeigen? Worauf kann sich Basel freuen?

Wir haben natürlich eine Planung bis 2020, und wissen was, wir zeigen wollen. Aber die ganz grossen archäologischen Entdeckungen haben wir gezeigt: Pompeji, Tutanchamun, Troja und jetzt Antikythera. Aber wer weiss, es kann immer wieder sein, dass es neue, sensationelle Funde gibt. Die könnten wir dann am neuen Standort zeigen, wenn alles gut geht.

«Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera» ist noch bis Ostersonntag, 27, März, 17 Uhr im Antikenmuseum zu bewundern. Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa, So: 10 – 17h, Do: 10 – 21h.