SP-Wähler wählen gerne fremd. Sie legen zwar die SP-Liste ein, streichen darauf aber Kandidaten durch und ersetzen deren Namen durch Kandidaten anderer Parteien. Insgesamt 22 853 Stimmen haben die Genossen bei den Wahlen vom Sonntag so verteilt, etwas mehr als die Hälfte davon an Vertreter des Grünen Bündnisses, den Rest an die bürgerliche Konkurrenz. Im Gegenzug haben SP-Politiker knapp 13 000 Stimmen von Wählern anderer Parteien erhalten – was aber dennoch einen Netto-Panaschierverlust von 9200 Stimmen ergibt.

Richtig eingesetzt, hätten sich diese ins bürgerliche Lager verschenkte Stimmen in drei zusätzliche Grossratssitze und damit in die faktische Mehrheit im Parlament ummünzen lassen – denn bei der Verteilung der Restmandate in den Wahlkreisen hat das bürgerliche Lager, insbesondere die FDP, stark profitiert. Beispiel Grossbasel West: Dort fehlten der SP 594 Stimmen, um den letzten der vier verteilten Restsitze zu ergattern. Wenn nur schon zehn Prozent der 5020 verschenkten SP-Stimmen in diesem Wahlkreis an eigene statt fremde Politiker gegangen wären, wäre nun SP-Kandidatin Alexandra Dill gewählt und FDP-Grossrat Christian Moesch hätte die Wiederwahl nicht geschafft.

Auch im Kleinbasel, wo die SP-Wähler 4637 Politiker anderer Parteien auf ihre Listen schrieben, hätte knapp die Hälfte dieser vergebenen Stimmen gereicht, um FDP-Grossrat Peter Bochsler den Sitz wegzuschnappen und Michaela Seggiani in den Rat einziehen zu lassen.

444 Stimmen fehlten

Mit diesen zwei zusätzlichen Sitzen wäre Rot-Grün auf 50 Sitze im Grossen Rat gekommen. Zählt man noch das dritte, knapp verfehlte Restmandat im Wahlkreis Grossbasel Ost hinzu, wo dem Grünen Bündnis 444 Stimmen auf den Sitz der LDP fehlten, wäre sogar eine absolute Mehrheit möglich gewesen. Insbesondere, weil das Restmandat im letzten Wahlkreis Riehen zwar auch knapp vergeben wurde, jedoch auf Kosten der LDP der GLP zugerechnet wurde, was an der Sitzzahl von Rot-Grün nichts geändert hätte.

«Das ist natürlich sehr ärgerlich», sagt SP-Grossrat und Parteistratege Philippe Macherel. «Aber es ist ein Problem, das wir seit Jahrzehnten haben und gegen das man fast nichts machen kann.» In ihrer telefonischen Mobilisierungsaktion hätten die SP-Mitglieder ihre Wähler zwar explizit nochmals darauf hingewiesen, die SP-Liste möglichst unverändert einzuwerfen. «Aber das Panaschieren ist ein politisches Recht und das gilt es zu respektieren, auch wenn es uns schadet.» Vor dem Zweiten Weltkrieg sei es noch üblich gewesen, dass Parteimitglieder vor den Wahllokalen Stellung bezogen und die Wahllisten der Parteimitglieder vor Abgabe überprüft hätten. «Aus heutiger Optik ist das natürlich ein völlig undemokratisches Verhalten», sagt Macherel, aber gewirkt habe es.

Fremdstimmen retten CVP

Die Panaschierstatistik sowie die Restmandat-Verteilung zeigt aber auch, wie knapp die Wahlverliererin CVP an einer noch grösseren Schlappe oder gar am Verlust der Fraktionsgrösse vorbeigeschrammt ist. Von ihren sieben Grossratssitzen haben die Christdemokraten nur drei auf regulärem Weg ergattert, die vier anderen kamen über den Umweg der Restmandatsverteilung zustande. Eines dieser Restmandate hat Beatrice Isler erhalten. Von ihren 1879 Stimmen im Wahlkreis Grossbasel Ost kamen jedoch nur 836 von CVP-Wählern, die restlichen über 1000 Stimmen stammen von Wählern anderer Parteien oder wurden via leere Listen abgegeben. Auffällig: Die meisten parteifremden CVP-Stimmen kamen nicht etwa von den bürgerlichen Bündnispartnern, sondern von der SP. Kantonsweit gingen 2363 SP-Stimmen an CVP-Kandidaten, von der FDP waren es 1056, von der SVP 413. Das erstaunt CVP-Präsidentin Andrea Strahm nicht. «Wir hatten schon immer einen guten Draht zur SP, zudem sind unsere Politiker gut in ihren Quartieren vernetzt, wie zum Beispiel Beatrice Isler im Gundeli.»