Hooligans
Sporthistoriker: «Die Fans spiegeln einfach das Geschehen auf dem Platz»

Nach den Ausschreitungen von FCB- und GC-Fans vor dem Cupfinal diskutiert die Schweiz wieder heftig über Gewalt im Fussball. Dabei sei das kein neues Phänomen, sagt der Sporthistoriker Thomas Busset im Interview mit der bz.

Matthias Zehnder
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«Auseinandersetzungen finden meistens statt zwischen Fangruppierungen, welche die gleiche Stärke aufweisen und ähnliche Ansprüche auf dem Fussballplatz haben»: Fans des FC Basel am letzten Montag in Bern kurz vor dem Cupspiel gegen den Grasshoppers Club Zürich. key

«Auseinandersetzungen finden meistens statt zwischen Fangruppierungen, welche die gleiche Stärke aufweisen und ähnliche Ansprüche auf dem Fussballplatz haben»: Fans des FC Basel am letzten Montag in Bern kurz vor dem Cupspiel gegen den Grasshoppers Club Zürich. key

Herr, Busset, ist Gewalt bei Fussballspielen ein neues Phänomen?

Thomas Busset: Nein, das ist kein neues Phänomen. Schon im 19. Jahrhundert gab es in England im Zusammenhang mit Fussballspielen Auseinandersetzungen. In der Schweiz sind ähnliche Ereignisse etwa aus der Zwischenkriegszeit bekannt. Da kam es ab und zu während des Spiels zu Auseinandersetzungen zwischen Spielern und auch zwischen Trainern, Klubverantwortlichen und Zuschauern. Die Ereignisse standen aber meist in Zusammenhang mit dem Spiel, etwa nach einem Penaltyentscheid.

Die Vorfälle spiegeln das Geschehen auf dem Rasen?

Etwa ab den 60er-Jahren breiten sich in England die Auseinandersetzungen unter den Fans aus, sogenannter Hooliganismus. Ende 70er-, Anfang 80er-Jahre kommt es auch in der Schweiz zu Fan-Auseinandersetzungen. Am Anfang ist es eher Vandalismus, man schiesst Gegenstände aufs Spielfeld oder schneidet einen Draht durch und will auf den Rasen. Langsam kommt es dann auch zu Rivalitäten unter Fangruppierungen. Das ist gut dokumentiert ab den 80er-Jahren. Was speziell ist: Man hat das lange als Nebenerscheinung und als lokale Angelegenheit angeschaut und nicht weiter beachtet.

Wie lassen sich solche Fanausschreitungen erklären?

Schon in früheren Jahrhunderten kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Gruppen junger Männer, zum Beispiel zwischen rivalisierenden Dörfern. Die Frage ist, warum solche Phänomene sich ab den 60er- und 70er-Jahren wieder ausbreiten. In England lässt sich der Hooliganismus der 60er-Jahre als Ausdruck der Unzufriedenheit der Arbeiterschicht interpretieren. Das kann heute in Deutschland oder der Schweiz nicht mehr gelten. Ein Erklärungsversuch beruht auf der Globalisierung: Der Verlust der Identität auf nationaler Ebene wird mit einer starken regionalen Identität kompensiert. Ein anderer Erklärungsversuch basiert auf einem feministischen Ansatz: Die Gewalt junger Männer habe mit dem Infragestellen des Mannes in der Gesellschaft zu tun.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht aber der rivalisierende Ort?

Durch die immer stärkere Präsenz von Polizei und Sicherheitsdiensten hat sich ein neues Feindbild ergeben. In den letzten zehn Jahren waren die meisten Auseinandersetzungen deshalb Kämpfe zwischen Fans und der Polizei oder den Sicherheitsdiensten. Oft betrifft es auch Spiele, bei denen es um etwas geht, etwa um einen Aufstieg, einen Abstieg oder einen Cupmatch.

Warum betrifft es vor allem den Fussball?

Weil das der Sport mit den meisten Fans und dem grössten Interesse ist. Es ist ein Sport, der weltweit betrieben wird und der sehr viele Emotionen kanalisieren kann. Aber Eishockey ist in der Schweiz auch betroffen, wenn auch nicht in dem Ausmass.

Spiele zwischen dem FCB und Zürcher Clubs sind besonders betroffen – hat das mit der Grösse der Fangruppen zu tun oder ist es eher die Rivalität der Städte?

Sicher beides. Auseinandersetzungen finden meistens statt zwischen Fangruppierungen, welche gleiche Stärke aufweisen und quasi gleiche Ansprüche haben, auf dem Fussballplatz und in der realen Welt. Zürich und Basel ist deshalb eine typische Paarung. Wir haben uns in der Forschung unter anderem mit Servette beschäftigt. Die Fans haben sich zwar auch von Fans aus der Deutschschweiz distanziert, die grösste Rivalität gab es aber zwischen Servette und Sion. Man sucht also im wörtlichen Sinn Rivalen. Das passt auch zu der Ultra-Mentalität: Es geht neben dem Wettkampf auf dem Fussballplatz auch um den Wettkampf unter den Fangruppen.

Nimmt die Gewalt zu oder reagiert die Gesellschaft heute empfindlicher auf die Gewalt?

Dass die Gesellschaft viel empfindlicher reagiert, ist unbestritten. Ab den 80er-Jahren sind solche Ereignisse bekannt, in der breiten Öffentlichkeit hat man das aber nicht wahrgenommen. Das ist erst seit etwa 15 Jahren so. Seit der Euro 08 in der Schweiz hat die Wahrnehmung sehr stark zugenommen. Meiner Meinung nach war die Gewalt in den letzten zehn Jahren insgesamt stabil oder nimmt eher ab. Einzelne Ereignisse, die eine bestimmte Schwelle überschreiten, nehmen aber dramatische Dimensionen an. Letzten Montag kam in Bern es zum Eklat, weil es nicht nur um den Kampf zwischen zwei rivalisierenden Fangruppen an einem wichtigen Spiel ging, sondern weil die externen Fans auch gegenüber der Polizeibehörde Stärke zeigen wollten. Es kamen da also drei Faktoren zusammen.

Welche Rolle spielen die Medien dabei?

Medien schüren die Erwartungen vor einem Spiel und tragen so zur Emotionalisierung bei. Und sie warten oft geradezu auf die Kämpfe und Ausschreitungen und halten sie bereitwillig fest auf Bildern.

Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?

Was im Ausland geschieht, wird hier seltener wahrgenommen. In Frankreich kam es kürzlich zu Auseinandersetzungen rund um die Meisterfeier von Paris Saint-Germain. In Deutschland ist eher eine Zunahme von Auseinandersetzungen von Fangruppen festzustellen.

Derzeit werden vor allem juristische Mittel gegen die Gewalt ins Feld geführt. Kann das funktionieren, wenn die meisten Täter sich ohnehin um Gesetze und Regeln foutieren?

Es sind zwei Ebenen: Die repressive Schiene, Verschärfungen auf Gesetzesebene etwa durch das Hooligankonkordat und durch die Verstärkung der Polizeiaufgebote. Das andere ist die präventive Ebene durch die Fanarbeit. In den letzten Jahren hat sich im zweiten Bereich viel getan, was in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Die Swiss Football Ligue will das Konzept der Fanarbeit verallgemeinern. Das ist wichtig, weil in der Schweiz in den letzten 20 Jahren regional sehr unterschiedliche Massnahmen umgesetzt worden sind. Die Massnahmen hielten aber nie lange und waren kaum je abgestimmt mit anderen Regionen. Vor zwei Jahren wollte der Justizdirektor des Kantons Neuenburg plötzlich durch ein kantonales Gesetz erreichen, dass jeder Klub, der nach Neuenburg kommt, eine Kaution zahlen muss. Die Massnahme wurde nicht realisiert, ist aber ein typisches Beispiel für ein einseitiges Vorgehen. Das Problem in der Schweiz ist, dass man zu wenig auf Konsens und auf anerkannte und systematische Massnahmen gebaut hat.