Krimi

Spürnase in der Gerüchteküche: Sandra Hughes gibt ihr Krimi-Debüt

Die Basler Autorin Sandra Hughes schickt für ihr Krimi-Debüt eine Baselbieter Polizistin ins Tessin.

Die Basler Autorin Sandra Hughes schickt für ihr Krimi-Debüt eine Baselbieter Polizistin ins Tessin.

Ein guter Krimi zieht uns in den Bann und gibt auch sprachlich-stilistisch etwas her. Das Handwerk ist solide und in literarischer Qualität. Die Handlung ist plausibel, und die Hauptfiguren lassen uns nicht kalt. Man wird auf falsche Fährten geführt – und der Schluss ist ganz anders, als man erwartet hätte.

«Tessiner Verwicklungen», der «erste Fall für Tschopp & Bianchi» von Sandra Hughes und die sechste Veröffentlichung der Basler Autorin mit Jahrgang 1966, ist über weite Strecken ein fesselndes Buch.
Die kurzweilige Hauptgeschichte rund um den Mord an einer jungen Deutschschweizerin im Südtessin hat Drive und Dynamik. Und gut geschrieben ist der Roman: Hughes, die seit Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn konsequent an Sprache und Stil feilt, erreicht mit ihrem ersten Krimi eine betörende Reife, ohne das Ungestüme aufzugeben, das ihr bisheriges Œuvre auszeichnet.
Schauplatz des Verbrechens ist das Dorf Meride, das die Autorin genüsslich mit Italianità würzt – Gerüchteküche, Verschwörung und Katholizismus zum einen, Coniglio mit Risotto (nicht Pasta) und Wein aus heimischen Reben zum anderen.

Ferientage einziehen im heissen Sommer

Ins Visier der Ermittlungen gerät die aus Kalabrien stammende Familie Savelli mit der gleichnamigen Pasta-Manufaktur im Dorf, die in der vierten Generation Spaghetti und Penne herstellt. Angeführt wird das Unternehmen vom 82-jährigen Antonio, der ein Leben lang hart gearbeitet hat und seine Familie mit strenger Hand führt. Seine Ehefrau ist seit vielen Jahren tot – Suizid durch den Strang.

Der – etwas konstruierte – Zufall will es, dass Emma Tschopp-Bellucci, Kriminalpolizistin bei der Staatsanwaltschaft Kanton Basel-Landschaft, mitten im heissen Sommer ein paar Ferientage einziehen muss. Gemeinsam mit ihrem gutmütigen, mit gar menschlichen Zügen ausgestatteten Labrador besucht sie Karin, eine Bekannte, die in der Nähe von Meride ein Rustico gekauft hat.

Emma ist eine Alltagsheldin, die man sofort ins Herz schliesst: 51, geschieden und temperamentvoll. Sie hat ein Leben hinter sich und eines vor sich. Emma wollte schon als Kind Kommissarin werden, denn ihr Gerechtigkeitssinn ist gross. «Sie war bereit, das Böse zur Strecke zu bringen», heisst es im Roman. Aber was ist schon Gerechtigkeit, wenn es sie gar nicht gibt, weil der Mensch böse und niederträchtig ist?

Emma und Karin legen ein Mosaik (ein Labyrinth!) auf der Terrasse des Rustico, als sie die Kunde vom Mord im Dorf erreicht. Stefanie Schwendener, gelernte Kindergärtnerin aus Oberwil und momentan als Reiseleiterin im Sabbatical in Meride, ist frühmorgens in Savellis Pasta-Fabrik aufgefunden worden – erschlagen, verunstaltet und tiefgekühlt.

Gemeinsam mit Marco Bianchi, dem örtlichen Commissario aus Lugano – ein stattlicher, galanter Mann mit vornehmer Zurückhaltung – löst Emma den Fall. Dabei holt das Duo Tschopp und Bianchi noch andere Ungeheuerlichkeiten ans Licht, die jahrzehntelang totgeschwiegen wurden und unschuldige Kinder fürs Leben zeichneten.

In diesen eindringlichsten Passagen des Romans rollt Hughes das Schicksal von Kindern auf, die als Verdingkinder oder in religiösen Institutionen gepeinigt, misshandelt und missbraucht wurden. Starke und harte Kost.

Sandra Hughes hat sich schon immer für menschliche Schicksale und Abgründe interessiert sowie für die Rebellion dagegen und die Befreiung daraus – «Heilung», wie es in «Tessiner Verwicklungen» heisst. Mit Emma hat uns Sandra Hughes eine neue Freundin geschenkt. Sie wird mit uns bestimmt auch den nächsten Fall «Tschopp & Bianchi» lösen.

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