Geschlossene Grenzen

Stacheldraht und Käsekuchen: Zeitzeugen erinnern sich an Kriegszeiten

1942 liess Heinrich Himmler einen 18 Kilometer langen Stacheldrahtverhau errichten.

1942 liess Heinrich Himmler einen 18 Kilometer langen Stacheldrahtverhau errichten.

Zeitzeugen erzählen von Zeiten, in denen es in der Region geschlossene Grenzen gab. Der ehemalige SP-Ständerat Carl Miville stand sogar im Aktivdienst dort.

«So wie es jetzt ist, war es in tiefen Kriegszeiten», erinnert sich Eugen Keller (94), langjähriger Basler CVP-Regierungsrat und meint damit den Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg hat er in Zürich studiert. Carl Miville (99), ehemaliger Basler SP-Nationalrat und Ständerat, war während des Krieges im Aktivdienst im Grenzschutz eingesetzt. «Wir haben Tag und Nacht an der Grenze patroulliert», sagt er.

Die Mutter der Autorin und Volkskundlerin Edith Schweizer-Völker (80) stammt aus Mulhouse. Letztere hat wegen der geschlossenen Grenze ihre Grossmama gar nicht kennengelernt. «Ich bin Jahrgang 1939 und war drei oder vier Jahre alt, als sie gestorben ist. Während der Bombardierungen gab es auch kein Telefon.» Ihr Vater durfte allerdings mit einer Extra-Bewilligung nach Mulhouse fahren, als die Grossmutter im Sterben lag. Schweizer-Völker hat als Kind an der Elsässerstrasse gewohnt. Die Grenze Lysbüchel war damals mit einer Stacheldrahtrolle abgetrennt. «Das hat mich fertig gemacht. Ich fand das sehr schmerzhaft.»

Eine Grenzgängerkarte als Passierschein

Der ehemalige BaZ-Journalist Urs Weber (82) weist darauf hin, dass die badische Nachbarschaft noch Jahre nach dem Krieg geschlossen war. «Für eine ganze Generation war Deutschland Terra incognita.» Für die meisten Schweizer ist das richtig. Für Lieselotte Reber (78) stimmt es weniger. «Unsere Mutter hatte nach dem Krieg eine Grenzgängerkarte, um ihre Eltern zu sehen. Da waren auch die Kinder mit drin.» Der eine Grossvater war Schweizer und hatte in Bad Säckingen ein grosses Schweizer Kreuz auf sein Haus gemalt.

Sie erinnert sich an den Hebeltag vom 11. Mai 1947, als 18'000 Schweizer das erste mal wieder nach Lörrach kommen durften. «Ich war noch nicht sechs Jahre alt. Wir sind mit dem 15er-Tram bis zur Grenze gefahren, musste danach aber weit nach Lörrach laufen, weil es auf der deutschen Seite so überfüllt war.» Bei den Lörracher Verwandten gab es Käsekuchen, wie der Quarkkuchen in Deutschland heisst. Wir Kinder fanden das toll.» Von dem Umzug am Hebeltag war sie weniger begeistert. «Mit hat als Kind die Basler Fasnacht besser gefallen.»

Edith Schweizer-Völker war schon 1947 oder 48 das erste Mal in einer kleinen Pension im Schwarzwald in den Ferien. «Mein Vater hat in Freiburg im Breisgau Station gemacht. Das Münster hatten die Amerikaner weitgehend verschont, aber ich erinnere mich an die Innenstadt, die am Boden war. Vielleicht habe ich deshalb später soviel über Südbaden und das Elsass geschrieben.»

Eine Adresse auf der Schiefertafel

Peter Schai (82), ehemaliger CVP-Grossratspräsident, und ebenfalls ein Dreiland-Enthusiast, war das schon in jungen Jahren. «Als ich ganz klein war, war alles zu. Nach dem Krieg aber hatte ich als Bewohner eines 10-Kilometerstreifens in der Schweiz Anrecht auf eine Grenzkarte.» So war er als Primarschüler zu Gast in Heitersheim im Markgräflerland. Die Verbindung entstand, weil seine Adresse auf einer Schiefertafel stand, die in der Schweiz für die deutschen Schüler gesammelt worden war und die Heitersheimer sich bei ihm bedankten.

Als Gymnasiast war Peter Schai später mit dem Velo öfter im Elsass und im Badischen unterwegs. «Wenn ich zurückgekommen bin, hat der Schweizer Grenzbeamte genau kontrolliert, dass ich eine Plombe am Velo hatte und es nicht aus Frankreich oder Deutschland kam.»

Autor

Peter Schenk

Peter Schenk

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