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Stadt-Geschichten Teil 15: Als «dr gross Bums» die Fasnacht durchschüttelt

Es bumst.

Es bumst.

Jean Tinguely übernimmt in der Sujetkommission der Kuttlebutzer das Ruder und es kommt zum Eklat.

«Mitem Horror het am Mäntig s’Comité Bekanntschaft gmacht», berichtet der Moderator des Schweizer Radios am Mittwoch. «Das het mit Fasnacht nyt meh z’tue», vertritt «e Bebbene» in der «Nationalzeitung» die Meinung vieler. Man spricht vom «grosse Bums», mit dem die berüchtigten Kuttlebutzer am 4. März 1974 Basler Fasnachtsgeschichte schrieben.

Seit 1957 waren die Kuttlebutzer als wilde Clique unterwegs und fuhren abseits des offiziellen «Cortège» der organisierten Fasnacht in die Parade. Nicht in plumper Zügellosigkeit, sondern mit satirischem Esprit: mit Dada-Zeedeln, neuartigen Märschen und individuellen Kostümen. Erwachsen aus dem gleichnamigen Schnitzelbangg, der schon in den Vierzigern mit spitzen Versen auffiel, bliesen die Kuttlebutzer der Fasnacht mit subversiver Raffinesse den Marsch. Dabei gehörte sie durchaus zu den Nobelcliquen der Stadt – mit stadtbekannten Persönlichkeiten in ihren Reihen: Regierungsrat und Jazzmusiker ‹Cheese› Burckhardt etwa, er komponierte Märsche. Oder Kabarettist Cés Keiser, ein Zeichner. Und all die Künstler! Max Kämpf und Christoph Gloor, die ganze Züge entwarfen; Alfred Hofkunst oder Bernhard und Jvan Luginbühl, die Laternen malten.

Vergeblich mahnte der Comité-Obmann im Vorfeld der Fasnacht 1974: «Wir bitten Sie, möglichst fern von der Fasnachtsroute ihre ach so übersprudelnde Intelligenz in die Luft zu lassen». Denn nun kam ein Neuer hinzu: Jeannot Tinguely, der berühmte Eisenplastiker aus Fribourg. Spätestens seit dem Abfackeln eines goldenen Riesenpenis vor dem Mailänder Dom galt er als Skandalkünstler. Und nun, 1974, übernahm ebendieser Rabauke das Ruder der Kuttlebutzer-Sujetkommission, und veranlasste das bisher Undenkbare: Erstmals meldeten die Nonkonformisten formell beim Comité ihre Teilnahme am Cortège an. Warum, wusste ausser den Eingeweihten niemand. Man freute sich aber «schaurig» in der Meinung, dass die Abweichler endlich «zu Kreuze kriechen», wie ein Comité-Mitglied dem Lokalradio verriet. Doch dann kam alles ganz anders.

Russ, Räppli, Böller und Federn für das Comité

Ein paar hundert Meter dauerte der erste Cortège der Kuttlebutzer, ehe sie auf dem Marktplatz aufs Comité trafen. Die Überraschung der behuteten Krawattenträger, welche die vor dem Rathaus vorbeiziehenden Cliquen inspizierten, war gross, als der Zug der vermeintlich Geläuterten vor ihnen auftauchte. «Wiene rote Vampyyr, Franggestai und Drakulas mien dene arme Comitéherre die böse Kuttlebutzer vorkoo syy», mutmasste später der Radiomoderator. Im schwarzen Trauerzug flanierte die Clique in Fracks, mit Zylinder und ordinären Plastiklärvchen einem riesigen Sarg hinterher auf den alarmierten Fasnachtsrat zu. Ohne Instrumente, obwohl im Rädäbäng, dem offiziellen Fasnachtsführer, als Trommel- und Pfeifergruppe aufgeführt. Spannung lag in der Luft. Und dann – die Eruption, ‹dr gross Bums›: Die Seitenwände der schwarzen Totenkiste fielen krachend herunter und der Sarg feuerte aus allen Rohren Russ, Räppli, Böller und Federn in den Himmel. Das Comité und mit ihm der halbe Marktplatz versank in einer schwarzen Wolke. Der Tambourmajor der nachfolgenden Clique erbrach sich in seine Larve. Auf dem Balkon über dem Schiesser stand Mutter Keiser, die sich so gefreut hatte auf den grossen Auftritt ihres ‹Cés›. Nun musste sie vor den echauffierten Damen für diese Schandtat geradestehen. Die Kuttlebutzer verteilten unten auf dem Platz Beileidskarten: «Das Comité sel. stand als Folge unvorherg. gr. Bums heute def. letztmals auf dem Märtplatz.» Und auf den heruntergeklappten Wagenseiten: «Sodeli. d’ Kuttlebutzer».

Grosse Diskussionen gabs während der Fasnacht in den Strassen und Kellern. «Eych sett me s Fidle voll verhaue, d Frau Fasnacht mit so Drägg z versaue», schrieb eine Chaise. Und es rauschte im Blätterwald: «Gerade diese Auswüchse braucht die Fasnacht», lobten die Basler Nachrichten, indigniert dagegen die Basler Woche: «Versnobt + kindisch + geschmacklos + unfasnächtlich = Kuttlebutzer». Der Meister einer Gesellschaft tobte: «Eine progressive, dissidente Horde ist gewillt, die Autorität unseres Comités zu zerschlagen».

Schliesslich eine Gerichtsverhandlung. Für die Kuttlebutzer trabt die Präsidentin an, die einzige Frau. Erika «Bötschli» Giger wird angezeigt und verurteilt wegen unerlaubten Abbrennens von Feuerwerk. Den Sprengmeister schützt derweil die künstlerische Freiheit. Tinguely bleibt unbelangt – und Mitglied der Kuttlebutzer bis zu seinem Tod. Die Filmaufnahmen vom «grosse Bums› sind übrigens verschollen.

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