Andreas Seiler stellt die Leiter hin, steigt sicheren Schrittes hoch, hält sich am dicken Ast der Buche fest und klettert auf das Flachdach seines Nachbarn. Jeder Schritt und jeder Handgriff sitzt. «Ich mache das nicht zum ersten Mal», meint er lachend. Vom Naturparadies im Innenhof steigt er zum kleinen Bienenparadies. Die erste Öffnung des Kastens nach dem Winter ist für Imker immer ein spannender Moment. Auch für Andreas Seiler. Hat die Königin überlebt? Wie ist der allgemeine Zustand der Völker? Nach einem ungewöhnlichen Winter ist bei ihm von drei Bienenstöcken noch einer übrig. «Der Winter und insbesondere der Januar waren tendenziell zu warm, der März zu kalt.»

Die Bienen bereiteten sich schon auf den Frühling vor, als sie sich vor der Märzkälte schützen mussten. In Erwartung des Frühlings haben sie das Brutnest bereits ausgedehnt und mussten es dann im März, als draussen bis zu minus zehn Grad vorherrschten, warm halten. Als Andreas Seiler anfangs Frühling zum ersten Mal seine Bienenkästen öffneten und die beiden eingegangenen Bienenvölker entdeckte, machte ihm das zu schaffen. «Ich fragte mich, ob ich etwas falsch gemacht oder übersehen habe.»

Doch das sei eben auch der Lauf der Natur. Und als naturnaher Mensch könne er damit umgehen. Andreas Seiler wohnt neben dem Schützenmattpark und hält sowohl zu Hause, wie auch auf dem Gundeldingerfeld, wo er arbeitet, insgesamt vier Bienenvölker. Bienen inmitten der Stadt – für viele noch immer ungewöhnlich. «Ich werde oft gefragt, ob das funktioniert.» Und ja, es funktioniert. Mittlerweile fast besser als auf dem Land. «Die Biodiversität ist in der Stadt grösser als auf dem Land. Die Landwirtschaft hat sich verändert, der Einsatz von Insektiziden ist üblich», betont Seiler.

Enge Beziehung zu den Bienen

In diesem Jahr hat Andreas Seiler erst zweimal den Bienenkasten geöffnet. Er möchte die Bienen möglichst wenig stören. Er sei ein naturnaher Imker, sagt Seiler über sich selbst. «Ich versuche, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen. Ich versuche, den natürlichen Vermehrungstrieb zu unterstützen.» Er lasse sich von der Natur leiten, nicht umgekehrt.

Dass er die Bienenkästen nur einmal wöchentlich öffnet, heisst aber keinesfalls, dass er seine Bienen nicht täglich besucht. Dass sie eine Art Familie wären, verneint der Gastronom zwar, gibt aber zu, dass er schon eine enge Beziehung zu ihnen pflegt. «Sie erden mich und geben mir ein Gefühl der Natur.» Täglich kniet Seiler neben dem Bienenkasten und beobachtet das Flugbrett und das Flugloch und so das Verhalten der Bienen. «Das ist das Beste zur Beruhigung. Wenn ich nach einem stressigen Arbeitstag nach Hause kommen, bin ich nach fünf Minuten bei den Bienen wieder heruntergefahren.»

Bienen spüren seine Nervosität

Wenn Andreas Seiler seine Bienen beobachtet, taucht er in ihren Mikrokosmos ein. Sie kennen ihn. «Wenn ich im neuen Jahr den Bienenkasten zum ersten Mal öffne, sind sie unruhig, weil sie mich nicht mehr kennen. Das ändert sich dann von Mal zu Mal.» Sie spüren, wenn er nervös ist. «Sie geben mir auch Zeichen, wenn ich zu lange bei ihnen bin. Dann schwirren sie um meinen Kopf und zeigen mir, es reicht.» Ein Teil des Volks sei er deswegen nicht. «Für die Bienen bin ich der Bär, der ihnen den Honig klaut. Wenn ich ohne Schutzanzug die Klappe öffne, werde ich ums Auge herum gestochen.

Genauso, wie sie es in der Natur beim Bären tun.» Nach dem Besuch bei seinen Bienen steigt Seiler wieder die Leiter hinunter in den Innenhof. Eine Idylle der Natur – mitten in der Stadt. «Ja, ich wurde auch schon gefragt, ob ich ein Freak sei.» Doch er verneinte. «Ich bin kein Freak. Mir ist der Naturbezug einfach wichtig. Und die Natur ist ja etwas Konventionelles.»