Basel
Stadtentwickler Kessler: «Dichtestress ist ein Wohlstandsproblem»

Thomas Kessler war zehn Jahre oberster Stadtentwickler. Seit März ist er wieder als selbstständiger Berater tätig und merkt: Viele andere Städte schauen mit grossem Interesse nach Basel.

Samuel Hufschmid
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Zehn Jahre lang war Thomas Kessler oberster Stadtentwickler.

Zehn Jahre lang war Thomas Kessler oberster Stadtentwickler.

Roland Schmid

Seit Sie nicht mehr in Basel tätig sind, hat sich Ihr Blick noch weiter geöffnet und Sie beraten zahlreiche andere Städte. Was ziehen Sie daraus für neue Erkenntnisse?

Thomas Kessler: Basel macht vieles richtig, hat die Chancen und Risiken eines privilegierten Gemeinwesens und andere Städte sind an unserer Arbeit interessiert. Basel-Stadt ist für sie spannend als global exponierter Wirtschaftsstandort und struktureller Sonderfall, als Mikro-Stadtstaat inmitten einer trinationalen, stark fragmentierten Region. Und mit Riehen als zweitgrösste Stadt der Nordwestschweiz, die sich aber als Grünes Dorf verstehen will, und dem Bergdorf Bettingen. Das ist eine Karikatur von dem, was der heutigen Realität der verstädterten, föderalistischen Schweiz entspricht.

Verbaut sich die Region dadurch die Zukunft?

Nicht unbedingt, die kluge Überwindung der engen Grenzen im funktionalen Raum des Dreiländerecks zwingt alle Partner zur politischen Dauer-Fitness, gerade auch weil immer wieder Krämerei auftritt. Die Grenzen gewinnen als Reaktion auf die dynamische Globalisierung überall wieder an Bedeutung. In diesem Sinn kann Riehens Identität als grünes Dorf auch als Vorwegnahme eines Trends gesehen werden, sie ist als Antwort auf die dominierende Stadt seit langem mehrheitsfähig. Der Kanton will ja auch auf seinen 37km2 die grösstmögliche Vielfalt pflegen, grosse Gebietskörperschaften mit Hinterland haben diesen Druck natürlich weniger.

Nach fast zehn Jahren als Stadtentwickler blicken Sie auf eine Zeit zurück, in der Basel stark gewachsen ist. Eine gute Entwicklung?

Absolut. In den 90er-Jahren hatten wir Abwanderung, strukturelle Krisen und stagnierende Quartiere mit allen negativen Auswirkungen. Seither steigen Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft wieder an, und wir haben Zuwanderer, die der Stadt viel bringen – nicht zuletzt Verjüngung und Mehreinnahmen. Das gibt uns den Vorteil, dass wir auf hohem Wohlstands-Niveau mit viel Lebensqualität in die Zukunft einsteigen und langfristig denken, planen und investieren können – in das Basel in zehn und 20 Jahren.

Haben Sie konkrete Vorstellungen davon?

Sehr konkret, denn die Zukunft hat bereits begonnen, Big Pharma und Big Data werden sich verschmelzen, und die junge Generation Y wird die Babyboomer in Wirtschaft und Politik ablösen. Dadurch werden die Wohn- und Arbeitsformen flexibler, die Informatik den Alltag noch viel stärker beeinflussen, beispielsweise den Verkehr, der elektronisch optimierter und viel effizienter sein wird, Robotik wird viele Arbeiten ersetzen. Deshalb müssen wir schon jetzt mehr in die Bildung investieren.

Wer in 10 und 20 Jahren produktiv sein soll, braucht jetzt eine Top-Ausbildung, gerade in Basel, wo die sogenannte Industrie 4.0 noch viel Standort-prägender sein wird als anderswo. Dabei gilt es die gesamtgesellschaftliche Entwicklungen sehr ernst zu nehmen und alles dafür zu tun, dass alle Bevölkerungsschichten an dieser Entwicklung teilhaben können. Benachteiligte müssen gezielt unterstützt und gefördert werden. In ganz Europa stehen die Städte vor diesen Herausforderungen, die meisten mit schlechteren Voraussetzungen als Basel.

In den letzten fünf Jahren hat Basel gerade mal 1 Prozent an Bruttogeschossflächen zugelegt, trotz Messeneubau und Rocheturm – reicht das?

Rein auf die Fläche bezogen ist das Basler Wachstum tatsächlich sehr moderat. Die Hauptfrage ist jedoch: Kann man den Raum nicht auch intelligenter nutzen, statt nur immer mehr Volumen zu schaffen? Flexibel optimierte Nutzungen sind die Zukunft, innovative Wohn- und Arbeitsformen gehen bereits in diese Richtung. Die neue Generation will lieber weniger Wohnraum, dafür näher im Zentrum wohnen.

Trotzdem – es stimmt, die Entwicklung der bestehenden Immobilien ist noch ungenügend, auch auf dem Land. Die vielen Einfamilienhäuser sollen in Zukunft wesentlich einfacher zu Mehrparteien-Wohnungen umgebaut werden können. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir dank weiteren Fortschritten in der Medizin auf eine 4-Generationen-Gesellschaft zusteuern.

Dennoch klagen einige Quartierbewohner bereits jetzt, dass bei noch mehr Dichte die Stimmung kippen könnte.

Fakt ist, dass Dichte weltweit extrem unterschiedlich beurteilt wird. Die Schweiz hat einen weltrekordhohen Wohnflächenkonsum pro Person und ent-dichtete Städte, 1970 wohnten viel mehr Menschen in den Kern-Städten, und dennoch hat niemand von Dichtestress gesprochen. Basel-Stadt hatte 40 000 mehr Einwohner als heute.

Wir haben heute die typischen Wohlstandskonflikte steigender Ansprüche – zum Beispiel im Zentrum wohnen und gleichzeitig ländliche Ruhe haben wollen – oder umgekehrt auf dem Land keine Tiere hören wollen. Luft und Wasser werden immer reiner, und der Grund-Lärmpegel ist in der Basler Innenstadt so weit gesunken, dass neue, leise elektronische Reinigungsfahrzeuge angeschafft werden mussten. Die benzinbetriebenen wurden plötzlich als zu laut empfunden.