Stadtentwicklung

Stadtentwickler Lukas Ott im Interview: «Die Innenstadt muss vielfältiger werden»

«Die Krise wird den Wandel beschleunigen»: Lukas Ott auf dem ehemaligen Güterbahnhof Wolf.

«Die Krise wird den Wandel beschleunigen»: Lukas Ott auf dem ehemaligen Güterbahnhof Wolf.

Quartiere mit gemischter Nutzung wie das Gundeli oder St. Johann offenbarten in der Krise ihre Stärken, sagt Stadtentwickler Lukas Ott.

Herr Ott, die Corona-Krise ist eine Krise der Städte. Die Pandemie hat vieles, was die Lebensqualität in Städten ausmacht, verunmöglicht.

Lukas Ott: Von Epidemien sind Städte oft besonders stark betroffen. Das liess sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder beobachten. Sie schafften es aber, daraus Innovationen abzuleiten. Zwischen Utopie und Bedrohung setzt die Notlage Veränderungen frei, die den Wandel beschleunigen. Das zeigt sich auch in dieser Krise. Gerade Basel ist meines Erachtens sehr gut aufgestellt. Eine Absetzbewegung aus der Stadt hat sich nicht gezeigt.

Welche Strukturen haben sich denn als Corona-kompatibel erwiesen?

Die unmittelbare Umgebung vor der eigenen Wohnung hat in der Krise eine neue Bedeutung gewonnen. Es hat sich gezeigt, dass diese in Basel von hoher Qualität ist. Wir konnten jetzt ernten, dass wir noch am Ende des 20. Jahrhunderts die Weichen dafür gestellt haben, öffentliche Räume in der Stadt aufzuwerten. Dazu gehören etwa die Rheinpromenade, aber auch viele städtische Parks sowie Naherholungsgebiete wie die Langen Erlen, unser Centralpark.

Man könnte anders argumentieren: Der zersiedelte Raum, Einfamilienhaus neben Einfamilienhaus, ist das Idealkonzept in Corona-Zeiten.

Das wäre die falsche Antwort auf die Krise. Dann würden just die so wichtigen Naherholungsgebiete in Stadtnähe unter Druck gesetzt. Die Stadt kleinteilig nach innen und in die Höhe entwickeln und möglichst keine weiteren Flächen zersiedeln – in diese Richtung muss es weiter gehen. Mit den Entwicklungen im Gundeldinger-Quartier oder im St. Johann konnten wir zeigen, wie die vielfältigen Funktionen im Quartier gestärkt werden können. Die Coronakrise zeigt auch, dass die im frühen 20. Jahrhundert entwickelte starre räumliche Trennung der Funktionen Wohnen-Arbeiten-Konsum-Erholung endgültig ein überholtes Konzept darstellt.

Demnach repräsentieren Quartiere mit einer guten Durchmischung das Stadtmodell der Zukunft?

Genau. Die Quartiere mit ihrer lokalen Solidarität, die wir in dieser Krise eindrücklich erlebt haben, können als Wurzeln für eine lebendige Stadt der Zukunft dienen. Man konnte eine Unterstützung für lokales Gewerbe feststellen. Dies stärkt die vor Ort verankerten Strukturen und Wertschöpfungsketten. Es hat sich gezeigt, dass die Idee der durchmischten Stadt der kurzen Wege, die wir in Basel seit Jahren verfolgen, ein krisenkompatibles und zukunftsfähiges Modell ist. Bei den Arealen in Transformation werden wir darauf ein noch stärkeres Augenmerk richten.

Was ist mit der Innenstadt? Diese war bisher durch eine Shopping- und Geschäftsmonokultur geprägt und zeigte sich bereits vor Corona krisenanfällig.

In der Tat: Der bereits in Gang gesetzte Strukturwandel im Detailhandel wird durch Corona verstärkt, Stichwort Online-Shopping. Es stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit der schon vor der Krise prekären Situation für viele Läden in Innenstädten um? Ich denke, wir haben mit der Planung der Neugestaltung der Freien Strasse bereits versucht, eine positive Antwort vorwegzunehmen. Wir müssen den Aussenraum in seiner Aufenthaltsqualität aufwerten und die Multifunktionalität steigern. Die ganze Innenstadt – der Raum zwischen Bahnhof SBB und Badischem Bahnhof – muss vielfältiger genutzt werden. Für eine Innenstadt, die auch nach Ladenschluss belebt sein soll, braucht es eine bessere Durchmischung. Neben dem Detailhandel müssen wir eine vielfältige Gastronomie haben, daneben Wohnen, Arbeiten und Unterhaltung. Ein gutes Beispiel, wo das bereits gut gelungen ist, ist für mich die Rheingasse.

Die Freie Strasse wird in einigen Jahren nicht mehr die klassische uniforme Shoppingmeile sein.

Das denke ich auch. Der Center-Gedanke muss gestärkt und die Angebotsvielfalt erhöht werden. Gerade in diesen Tagen zeigt sich, dass analog oft mehr bieten kann als digital. Nicht alle Bedürfnisse lassen sich im Online-Shopping befriedigen. Die Menschen suchen ein unmittelbares Erleben. Die Innenstadt mit ihrer qualitativ wertvollen historischen Bebauung bietet für Erleben eine gute Umgebung. Das ist für die Gastronomie, aber auch für Einkaufsläden und Events, eine grosse Chance.

Was muss der Kanton dazu leisten?

Der Staat ist zuständig für die Rahmenbedingungen. Diese sind ein entscheidender Faktor. Das kann teilweise heissen, alte Strukturen aufzubrechen. Es braucht Ideenlabors mit Querdenkern, agile KMU für neue Dienstleistungen und der Zeit angepasste Produkte, Kunstschaffende als Impulsgeber, eine Bevölkerung, die den Wandel interessiert begleitet und sich einbringt.

Das heisst das konkret?

Das kann heissen, dass der Kanton die Voraussetzung für eine flexiblere Bespielung des Boulevards durch Gastronomen, den Detailhandel und Veranstalter schafft. Ich sehe generell ein urbanes System am Entstehen, das flexibler, robuster und intelligenter gestaltet sein wird und das die Widerstandskraft unserer Stadt stärkt.

Was aber alte Konflikte wie etwa um den Lärm wieder aufleben lässt.

Ja, diese werden im nun anbrechenden Post-Corona-Zeitalter nicht einfach verschwinden. Wichtig ist, eine Stimmung des Aufbruchs zu erzeugen, die innovative, mutige Lösungen möglich und mehrheitsfähig macht. Auch das ist eine Aufgabe des Kantons: Er muss mithelfen, ein Klima der Innovation zu schaffen. Ein gutes Beispiel aus der Coronakrise ist unsere kantonale Lösung bei den Geschäftsmieten. Hier ist es uns gelungen, mit einer neuartigen Idee eine Blockade, die auf Bundesebene alle gelähmt hat, zu lösen. Und zwar nicht auf der Ebene der Normierung oder der Regulierung.

Die Coronakrise dürfte den Trend zur Aufgabe von Büroflächen in der Innenstadt beschleunigen.

Ich gehe davon aus, dass der Anteil der Menschen, die auch nach der Krise zumindest zum Teil vom Homeoffice aus arbeiten werden, stark steigen wird. In Basel mit seinem starken Dienstleistungssektor dürfte dies besonders stark spürbar werden. Dementsprechend dürften in der Stadt in den kommenden Monaten und Jahren viele Büroflächen freigesetzt werden. Dazu brauchen wir eine Transformationsstrategie. Gerade für Basel-Stadt, wo zuletzt ein gewisser Bevölkerungsdruck und Probleme auf dem Wohnungsmarkt spürbar waren, kann das auch eine Chance sein. Auf Transformationsarealen mit geplant gemischter Nutzung wird der Wohnanteil eine noch wichtigere Rolle spielen.

Wird auch die Innenstadt fürs Wohnen wieder attraktiver?

So ist es. Der funktionelle Wandel in unserer Stadt findet ja nicht «nur» in den Transformationsarealen wie etwa auf der Erlenmatt oder im Klybeck, sondern in der gesamten Stadt statt.

Die Stadt als Ganzes ist in Transformation. Ist das nicht zuviel?

Nein, aktuell kann es nicht darum gehen, Entwicklungen zu stoppen. Im Gegenteil: Angestossene Denk- und Planungsprozesse wollen wir gerade jetzt konsequent weiterverfolgen und das Möglichkeitsfenster nutzen. Dies hat nicht nur mit antizyklischem Verhalten zu tun: Ich gehe davon aus, dass die Krise Veränderungen, die bereits eingeleitet waren, beschleunigen wird.

Die Krise kann auch Entwicklungen abwürgen. Wir denken da an den zuletzt boomenden Hochhausbau. Dies, wenn die Nachfrage nach Büroflächen und Hotelbetten sinkt.

Das ist schwierig vorauszusagen. Wichtig ist, dass der Staat für aktive und durchlässige Prozesse sorgt. Das heisst, dass wir die nötige Rechtssicherheit bieten, aber auch die nötige Flexibilität, um kurzfristig auf Veränderungen reagieren zu können. So werden wir auch mit dem neuen On-off-Modus fertig.

Man darf wegen des Homeoffice- Booms künftig von weniger Pendelverkehr ausgehen. Das stellt den – sehr teuren – Ausbau der regionalen Verkehrsinfrastruktur infrage.

Wie sich die einzelnen Verkehrsträger in naher Zukunft entwickeln werden, ist unsicher. Generell ist wegen Homeoffice von einer Abnahme des Pendelverkehrs auszugehen. Der ÖV ist bei uns in der Region Basel zu Spitzenzeiten chronisch überlastet. Beim Ausbau der S-Bahninfrastruktur sind wir gegenüber Zürich um Jahrzehnte im Rückstand. Das macht sich immer wieder bemerkbar. Deshalb wird sich der Handlungsbedarf auch bei einer Abnahme des Pendelverkehrs und einer Brechung der Spitzen nicht einfach so in Luft auflösen. Die Belastungen sollen künftig stärker gesteuert werden. Ideen wie das Mobility Pricing, bei dem man versucht, die Auslastung der Verkehrsinfrastruktur via Preise besser zu verteilen, wird ein Konzept sein, das in der Post-Corona-Zeit an Bedeutung gewinnen wird.

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