Grossprojekt

Städtebauliche Vision: Herzog & de Meuron legen für den Dreispitz ein gereiftes Alterswerk vor

Letzte Woche wurde die Herzog-&-de-Meuron-Vision für die Dreispitz-Entwicklung am Nordende zum Wettbewerbssieger gekürt. Seit bald zwanzig Jahren beschäftigen sich die Architekten mit dem weitläufigen Industrie- und Gewerbegebiet am Stadtrand.

Die Jury war hell begeistert vom Entwurf, den die Basler Architekten Herzog & de Meuron im Wettbewerb für die Dreispitz-Entwicklung am Nordende eingegeben hatten. Sie schreibt in ihrem Bericht: «Das vorliegende Projekt vermag mit einer unerwarteten Leichtigkeit die scheinbar divergierenden Ansprüche an eine sehr hohe Dichte mit jenen einer hochfrequentierten Detailhandelsstruktur und qualitativ hochwertigen Freiräumen für das Quartier zu verbinden.»

Letzte Woche wurde die Herzog-&-de-Meuron-Vision zum Wettbewerbssieger gekürt. Kein anderes der sechs geladenen Teams hatte allerdings einen vergleichbaren Vorlauf. Seit bald zwanzig Jahren beschäftigen sich die Basler Architekten mit dem weitläufigen Industrie- und Gewerbegebiet am Stadtrand. 2002 publizierten sie ihre «Vision Dreispitz», die sie im Auftrag der Stadt Basel und der Grundbesitzerin, der Christoph Merian Stiftung (CMS), entwickelt hatten. Dieser Masterplan war als grosser Wurf gedacht, der ein urbanes und kreatives Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten stipulierte.

Die CMS überhob sich an dieser Quadratur des Kreises. Wohl entstand im südlichen Dreispitz ein «Campus des Bildes» mit der Hochschule der Künste, dem Transitlager, mit Helsinki, dem Schaulager der Architekten, und mit weiteren Kultureinrichtungen. Doch damit war die CMS überfordert, sie zog die Notbremse und stoppte den Transformationsprozess. Nun folgt ein Schritt an der Nordspitze. Hier kann die CMS mit der Migros auf eine kräftige Baurechtnehmerin zählen. Und diese steht unter Druck, ihre versiegelte Parkplatzwüste von MParc und Obi zu begrünen.

Aus dem Scheitern gelernt

Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben die Entwicklung des Dreispitz aufmerksam verfolgt und aus dem teilweisen Scheitern ihrer Vision die Lehre gezogen: Kein anders Projekt im abgeschlossenen Wettbewerb geht gleichermassen auf die Bedürfnisse wie auf die Befindlichkeiten der Auftraggeber ein. Die Anbindung erreicht die Grenze zur Anbiederung.

Herzstück der Planung sind denn auch nicht die drei Wohntürme, die bei der Präsentation vergangene Woche am meisten Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Vielmehr sind es die zwei «qualitativ überzeugenden Grünräume» (Jury). Deren Namen haben die Architekten bereits vergeben und sind Referenzen an die Auftraggeber: Ebenerdig soll die parkähnliche «Christoph Merian Anlage» entstehen. Der traditionell angelegte Park signalisiert eine bruchlose Verlängerung des Gundeldingerquartiers, das nach der Wende zum 20. Jahrhundert aus dem Boden geschossen war. Einmal quer durch die Merian-Anlage führt ein Weg über die Strasse zum ebenfalls naturdominierten Friedhof, dem Wolf Gottesacker.

Grüne Verdichtung

Wer den Übersichtsplan betrachtet, könnte meinen, der Nordspitz werde nicht verdichtet, sondern lediglich begrünt. Der pietistische Stiftungsgründer und Kaufmann Merian würde es warm ums Herz, erführe er, wie hier Geschäft und Natur in Einklang gebracht werden.
Hinter einem kompakten Gebäuderiegel liegt rund 15 Meter über Stadtboden der zweite Grünbereich, das «Gottlieb Duttweiler Feld», benannt nach dem Migros-Gründer Duttweiler.

Die Jury erkennt in dieser aufgebockten Grünzone eine Referenz an die «agrarische Vergangenheit des Ortes». Es sei dies eine Zukunftsvision für eine parallele Nutzung von «didaktischer Lebensmittelproduktion» und verschiedenster Freizeitaktivitäten.

Der Name verspricht Programm für gütliches Miteinander: Migros und CMS fanden sich bereits für die Grün ’80 auf einem «Feld», dem Brüglingerfeld, zusammen. Einige Steinwürfe entfernt liegt zudem das Gundeldingerfeld, wo mit alternativer Schubkraft die Transformation eines Industrieareals mitten im Wohnquartier in eine Kulturzone stattgefunden hat. Wo «Feld» draufsteht, muss Währhaftes drin sein.

Ländliche Kulisse

Die Illustration zum Duttweiler-Feld liest sich im Jurybericht wie eine Seite aus einem Wimmelbuch oder eines weichgezeichneten Bruegel-Imitats: Es beschreibt ein komprimiertes Landidyll für degenerierte Stadtbewohner. Da wird gleichermassen Sport wie Urban-Farming betrieben. Diese moderne Version der historischen Anbauschlacht findet ihre Fortsetzung in den Pavillons an der Längsseite der Anlage, die wiederum an die «Landi», die Landesausstellung 1939, erinnern. Im hinteren Feld galoppieren Pferde vor pfahlbauähnlichen Stallungen. Und bildkompositorisch zentriert steht im alt-städtischen Hintergrund die katholische Heiliggeistkirche. Wer den Bildausschnitt eng genug wählt, wähnt sich in einer dörflichen Darstellung.

Beschaulichkeit mit visionärem Gestaltungswillen zu verbinden, ist die reife Altersleistung der Weltarchitekten Herzog & de Meuron. Rannten sie in jüngeren Jahren etwa mit dem Multiplexkino auf der Heuwaage mit missionarischem Eifer gegen eine Öffentlichkeit an, die ihre Genialität nicht (an)erkennen wollte, so holen sie diese heute bei ihren Bedürfnissen ab.

Exemplarisch gelingt ihnen dies bereits beim Umbau des Basler Stadtcasinos. Sie verzichten darauf, sich ein Denkmal in der Stadtmitte zu setzen. Sie machen den grossen Musiksaal vielmehr wieder zum architektonischen Solitär, der er einmal war, und greifen gerade dadurch entscheidend in das gewohnte Stadtbild ein.

Anpassung auch hier: Ganz in der ideologischen Tradition der Grundeigentümer soll der Dreispitz auch in den drei Türmen wohngenossenschaftlich entwickelt werden und nicht zum Luxusressort degenerieren. Dass sie auch solches können, zeigen Herzog & de Meuron mit einem ästhetisch ähnlichen Bau «One Park Drive» im neuen Londoner Viertel Canary Wharf.

Mit der Genossenschaftsidee, wie sie jedenfalls im Bericht des Beurteilungsgremiums beschrieben ist, folgen Herzog & de Meuron nicht nur den ideologischen Bahnen der Auftraggeber, sie nehmen vielmehr auch all jenen den Wind aus der reflexhaft aufgeblasenen Opposition, die Wohntürme von Stararchitekten automatisch mit überteuerten Appartements verbinden.

Städtebauliche Vision

Ungeachtet aller Anpassungsfähigkeit: Die Türme bauen zu können, ist wichtig für Herzog & de Meuron. Sie brächten damit ihre über Jahre entwickelten städtebaulichen Visionen zu einem vorläufigen Abschluss. An strategisch zentraler Lage zwischen Rheintal und Birstal werden der 160 Meter und die beiden je 136 Meter hohen Gebäude zum Gegenstück der Roche-Türme auf der anderen Rheinseite, die ebenfalls von ihnen gezeichnet wurden.

Nachdem sie die gewohnte Basler Massstäblichkeit mit dem Messezentrum in der Breite und mit dem ersten Roche-Turm in der Höhe gesprengt haben, erweitern sie nun das funktionale Spektrum vom Geschäftshaus zum Wohnhaus. Sie brechen damit auch den ikonografischen Machtanspruch der Konzerne, mit ihren Bauten die Stadtsilhouette zu monopolisieren. Und dies soll architektonisch auch zum Ausdruck kommen. Verweisen dort die glatten Fassaden auf ein anonymisiertes Büroleben, so sollen die aufgebrochenen Dreispitz-Fassaden ein Leben dahinter und auf den Balkonen zum Ausdruck bringen.

Gebaut ist mit den Plänen allerdings noch nichts. Die gesellschaftliche Debatte steht erst am Anfang.

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