Die Schweiz ist bedroht. Nicht akut, eher mittelfristig. Zu wenig zukunftsfähig und innovationsfreudig sei sie organisiert. Die Rede ist von der Schweiz, nicht von Basel. Denn im Stadtkanton sei Innovationsgeist im wahrsten Sinn Teil der kulturellen DNA geworden. Dies zumindest seit sich die bedrohte Chemie- als Pharma- und Life-Science-Industrie neu erfinden konnte.

Dieser Werbespot stammt weder von Basel Tourismus noch von Basel Area. Sinngemäss verbreitet ihn vielmehr Henri B. Meier (80), legendärer Finanzchef von Roche und seit seiner Pensionierung vor 16 Jahren einflussreicher Start-up-Investor im Bereich Biotechnologie. Seit Jahren beklagt Meier die fehlende Risikofreudigkeit von Schweizer Unternehmen. Die Analyse des Finanzakrobaten: Zu wenig Geld fliesse in innovative, junge Firmen. Zu viel liege dafür bei den Pensionskassen mehr oder weniger brach.

Als Konsequenz des regulatorisch verordneten Sicherheitsdenkens finanzierten diese mit ihren Milliarden die Staatsverschuldung und trieben die Preisspirale auf dem Immobilienmarkt an. Wenn nur ein Prozent der jährlich den Pensionskassen neu zufliessenden Gelder auf junge Firmen umgeleitet würde, wäre die gewünschte finanzielle Basis rasch gelegt. Sie finanzierte Jungfirmen, die 10 bis 15 Jahre benötigten, um zu rentieren, in dieser Zeit aber auch scheitern können.

Politische Lobbyarbeit

In Bundesbern wird Meiers Mantra seit 2013 vom Luzerner Ständerat Konrad Graber (CVP) und dem Waadtländer Nationalrat Fathi Derder (FDP) mittels parlamentarischer Vorstösse auf die Tagesordnung gesetzt. Zivilgesellschaftlich hat Meier diese Woche die Stiftung «Pro Zukunftsfonds Schweiz» gegründet, die getragen ist von Basler Persönlichkeiten. Vizepräsident und Geschäftsführer ist Daniel Wiener, Geschäftsführer des Umweltberatungsbüros Ecos.

Wiener hatte bisher vor allem bei linken Regierungsräten politisches Agendasetting betrieben, weibelt etwa zusammen mit Regierungspräsident Guy Morin für die Weltrettung durch Nachhaltigkeit. Nun stellt er sich an die Seite eines Finanzkapitalisten, der seinerzeit Roche den Ruf einhandelte, sie sei eine Bank mit angeschlossener Pharmaabteilung. Wiener ist nicht der einzige Linke im Umzug. Die politischen Vorstösse wurden von den SP-Ständeräten Claude Janiak und Anita Fetz mitunterzeichnet, im Stiftungsrat sitzt SP-Nationalrat Beat Jans.

Die Stiftung «Pro Zukunftsfonds Schweiz» bringt zusammen, was in dieser Stadt zusammenzugehören scheint: Liberales Kapital, sozialdemokratischer Pragmatismus und in Gefolgschaft die Universität. Grundlagenstudien zu Meiers Pensionskassenoffensive verfassten Ökonomen der Uni Basel, die Meier einst die Ehrendoktorwürde verliehen hatte. Bei der Stiftung ist die Universitätsspitze vollzählig versammelt. Ueli Vischer, Präsident des Universitätsrates, wirkt ebenso mit wie Rektorin Andrea Schenker-Wicki. Mit Marcel Tanner, dem ehemaligen Direktor des Tropeninstituts, und Domenico Scala, dem Präsidenten der Wirtschaftsförderungsorganisation Basel Area, sind zwei weitere Netzwerker eingebunden.

Bundesrätliche Unterstützung

Scala oder auch der Kommunikationsberater und zweite Stiftungsvize Max Gurtner sind Meier-Gefährten aus dessen Roche-Zeiten. Dessen Netzwerk greift jedoch weiter. Studienverbindungen zur Universität St. Gallen brachten Alt-Rektor Peter Gomez ins Boot, Kontakte zur Grossindustrie die Industriellen Martin Haefner (Amag) und Calvin Grieder (Bühler) oder auch den Luzerner Banker Karl Reichmuth.

Philanthropisch sind Meiers Pläne nicht. Er sieht ein sicheres Geschäft, wenn der angestrebte Zukunftsfonds nur gross genug ist, um die Investitionsrisiken zu verteilen. Mit 500 Millionen Franken will Meier starten, bis zu zwei Milliarden schwer soll der Fonds werden. Die Stiftung soll im Hintergrund bleiben, die Bank Reichmuth die Organisation übernehmen.

Am Mittwoch feierte die Initiative einen kleinen Erfolg. Mit Schneider-Ammann und Alain Berset stellten sich gleich zwei Bundesräte hinter die unverbindliche Absicht, die Finanzierung von Start-up-Unternehmen zu fördern. Mehr als warme Worte gab es allerdings nicht. Basel hat die Schweiz noch nicht gerettet.