Er würde lieber üben. Piotr Anderszewski hat zwar zugesagt zum Interview, aber man merkt es ihm anfänglich an: Es zieht ihn zum Flügel. Die Probe mit dem Kammerorchester Basel im Gundeli-Casino ist zwar zu Ende, der Pole möchte aber alleine weiterfeilen. Dass er höchste Ansprüche an sich selber hat, zeigte sich schon zu Beginn seiner Karriere. 1990 brach der damals 21-Jährige seinen Vortrag im Halbfinal eines hochklassigen Klavierwettbewerbs ab. Er war unzufrieden mit seinem Spiel - und die Jury baff. Heutzutage verblüfft er das Publikum noch immer, mit seiner Ausdrucksstärke, seiner Sinnlichkeit und Brillanz. Und mit seinen Entscheidungen, monatelange Auszeiten zu nehmen.

Piotr Anderszewski, mit dem Kammerorchester Basel spielen Sie Mozart. Wie bereiten Sie sich darauf vor: Versetzen Sie sich in den Komponisten hinein, in seine Zeit – oder geht es Ihnen «nur» um die Musik?

Die Musik zählt. Der Charakter eines Komponisten kann inspirierend sein, aber es geht vor allem darum, was in der Partitur steht, im Stück. Und um den eigenen Stil.

Ihr Stil gilt als einzigartig.

Weil es meine eigene Sicht ist. Partituren sind wie Codes, sie können ganz unterschiedlich verstanden werden. Eine gute Interpretation heisst für mich, das Gefühl zu vermitteln, dass dies die einzig mögliche und wahre Interpretation ist. Die Leute sollten denken: «Oh, genau so sollte dieses Stück klingen» - selbst wenn es auch komplett anders tönen könnte.

Der Konzertabend beginnt mit Erik Saties «Gymnopédie», einem Piano-Klassiker. Das Orchester spielt ihn allerdings ohne Sie am Klavier. Wäre das Stück zu langweilig für Sie?

Wie meinen Sie das?

«Gymnopédie» ist sehr einlullend, repetitiv. Ambient. Würde es Ihnen als Warm-up genügen?

Nein, wenn ich mich für ein Stück entscheide, dann spielt der Schwierigkeitsgrad keine Rolle, dann stecke ich mein ganzes Herzblut hinein. Ich bin bei diesem Stück einfach nicht involviert.

Aber könnten Sie es sich vorstellen?

Nun, Sie haben recht, es entspricht nicht ganz meinem Repertoire.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Mozarts Klavierkonzerte für Sie Opernmusik sei. Inwiefern?

In Basel spielen Sie mit einem Orchester, noch öfter aber treten Sie solo auf. Was ist der grösste Unterschied?

Solo zu musizieren bedeutet, mehr Freiheit zu haben.

Aber auch einen grösseren Kampf mit sich selber?

Freiheit kann das Schwierigste überhaupt sein, wie Sie wissen. Hinzu kommt die grössere Verantwortung, wenn man allein spielt. Und die Einsamkeit.

Die Einsamkeit auf der Bühne?

Und auch bei den Proben. Daher schätze ich die Balance, die Abwechslung, die mir Konzerte mit Orchestern bieten.

Wie wählen Sie aus, mit wem Sie spielen?

Ich spiele meistens mit Leuten zusammen, deren Qualität mir vertraut ist. Mit neuen Orchestern spiele ich nur, wenn ich von Kollegen weiss, dass sie gute Erfahrungen gemacht haben. Das Kammerorchester Basel hat einen sehr guten Ruf, deshalb treten wir zusammen auf.

Pianisten wie Sie erhalten Anfragen aus aller Welt. Müssen Sie oft absagen?

Oh, ja. Zum Glück habe ich Agenten, die mir vieles abnehmen. Dennoch muss ich viele Entscheidungen selber treffen. Das fällt mir nicht immer leicht, gerade auch, weil ich mich auf zwei Jahre hinaus festlegen muss. Das heisst, ich mache Zusagen für Projekte, die erst in ferner Zukunft stattfinden werden. Dabei weiss ich gar nicht, an welchem Punkt in meinem Leben ich dann sein werde.

Dieses festlegen und planen, fühlt sich das wie ein Korsett an für einen Künstler?

Es nimmt mir manchmal die Möglichkeit, in der Gegenwart zu leben, weil ich die Konsequenzen einer Entscheidung, die ich schon vor langer Zeit gefällt habe, tragen muss. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist natürlich längst nicht immer schade. Aber es ist auch nicht immer einfach. Die Leute denken, dass der Künstler, der die Bühne betritt, ein spontaner Typ ist. Dabei wurde dieser Auftritt, wurden diese 30 oder 60 Minuten Konzert, schon vor zwei Jahren fixiert.

Haben Sie sich deshalb schon zweimal eine lange Auszeit genommen?

Ja, ich wollte im Hier und Jetzt leben. Einfach sein. Ohne Verpflichtungen.

Braucht es nicht Mut, eine Karriere monatelang auf Eis zu legen?

Nein. Einige Leute haben mir zwar gesagt, dass das mutig sei. Ich sehe es aber nicht so. Ich finde nicht, dass ein Musiker immer aktiv sein muss.

Hatten Sie keine Angst, in Vergessenheit zu geraten?

Sie haben das Spielen, das Leben auf Tour mal als Sucht umschrieben. Ist ein Sabbatical demnach eine Entzugskur?

Dieser Vergleich ist zu dramatisch. Aber es ging schon darum, loszulassen, Druck rauszunehmen. Ständig auf Tour zu sein heisst auch, unentwegt effizient arbeiten zu müssen. Man rennt Terminen nach, vom Flughafen bis zum Konzert, vieles ist durchgetaktet, man droht, selber eine Maschine zu werden, eine «performing Machine». Ich bin in den Sabbaticals auf Distanz gegangen zur Musik, bin viel gereist, habe viel Zeit mit Freunden verbracht. Das zählte.

Jetzt sind Sie wieder zurück.

Was gar nicht so leicht war. Nach einem Sabbatical muss man wieder eine Spannung aufbauen. Das ist vergleichbar mit einem Muskel, den man jahrelang trainiert hat. Setzt man dann ein halbes Jahr aus, braucht es seine Zeit, bis man wieder in Form, der Muskel wieder am gleichen Punkt ist.