Das Platzen der Dotcom-Blase war noch sechs Jahre entfernt, als Simone Westerfeld 1994 ins Bankengeschäft einstieg, die Lehre bei der Deutschen Bank ein Königsweg. Die deutsch-schweizerische Doppelbürgerin wurde vor kurzem zur interimistischen Chefin der Basler Kantonalbank (BKB) ernannt, mit 45 Jahren. Davor wechselte Westerfeld von der Praxis an die Hochschule und zurück – legte dabei ein enormes Tempo an den Tag.

Was die Person von Simone Westerfeld ausmacht, hätte die «Schweiz am Wochenende» gerne im Gespräch mit ihr ergründet. Doch sie steht zurzeit nicht zur Verfügung, heisst es auf Anfrage bei der BKB. Was die Pressestelle mitteilt: Am 22. Oktober übernimmt Westerfeld die Führung der Bank, wenn auch vorerst nur interimistisch. Wer ihre Vita genauer anschaut, und mit alten Weggefährten spricht, merkt aber: Bei der Vergabe des Chef-Postens kommt die BKB nicht um Westerfeld herum.

Eine schnelle Habilitation

Ein solcher ehemaliger Weggefährte ist Tobias Hüttche. Er war ihr Chef, als sie von 2012 bis 2015 an der FHNW lehrte. Es sei vor allem das Gesamtpaket, das bei Westerfeld überzeuge, sagt Hüttche. «Sie ist jemand, die hinsteht und sofort wirkt. Ein tough Cookie mit Herz. Verbindlich, gradlinig.»

Gradlinig – so verlief auch ihre bisherige Karriere. Eine Recherche zu ihrem Werdegang bringt Folgendes zutage: Ihr Studium absolvierte sie an der HSG in St. Gallen und an der School of Economics in Stockholm. Beides bekannte Talentschmieden für Topkader der Wirtschaft. Westerfeld schloss im Jahr 2000 ab und ging für kurze Zeit zur Credit Suisse, ehe sie zur UBS wechselte. Gleichzeitig mit ihrem Aufstieg bei der UBS zur Direktorin erlangte sie ihre Doktorwürde an der HSG.

In St. Gallen startete sie ihre Karriere als Wissenschaftlerin. Ab 2006 war sie Assistenzprofessorin. Ihre Habilitationsschrift schloss Westerfeld im Jahr 2010 ab, mit 35 ausserordentlich früh. Danach das Engagement als Professorin an der FHNW. Heute ist sie neben ihrem Engagement als Finanzchefin bei der BKB Titularprofessorin an der HSG. Dazu: Mutter von vier Töchtern, wohnhaft in einem Haus mit viel Umschwung im Zürcher Bezirk Affoltern, eine Autostunde vom Hauptsitz der BKB in Basel entfernt.

Nach ihrem Wechsel zurück nach St. Gallen an die HSG traf sie auf Professor Beat Bernet – wieder einmal. Bernet kannte sie bereits als Studentin, später machte Westerfeld bei ihm ihren Doktor, übernahm unter ihm den Posten als Assistenzprofessorin, schrieb ihre Habilitation bei ihm. «Aufgefallen ist mir damals schon ihr grosses Interesse, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden», sagt Bernet. Das zeigte sich während ihrer Zeit als Doktorandin. Denn dass Dissertationen parallel zum Beruf geschrieben werden, sei heute nicht mehr üblich, sagt Bernet.

Es war Westerfeld, welche etwas später mit dem Wunsch an Bernet gelangte, auch ihre Habilitation bei ihm zu schreiben. Bernet sagte zu. Kein Wunder, wenn man ihn über Westerfeld sprechen hört. Was Westerfeld laut Bernet ausmacht: Bereitschaft zu harter Arbeit, fachliche Kompetenz und Zielstrebigkeit, verbunden mit einer diplomatischen Ader und der Bereitschaft, sich trotz Entscheidungswillen immer auch beraten zu lassen.

Den von ihr selbst angestrebten Wechsel zwischen Praxis und Lehre beschreibt Westerfeld als befruchtend. In der Tat seien es recht unterschiedliche Positionen, sagte sie in einem Podcast der Beratungsfirma Deloitte – eines der wenigen Interviews, in dem Westerfeld sich zu ihrer Karriere äussert. An der Uni könne sie auch mal einen Schritt zurücktreten, um die Branche zu überblicken. Bei der Bank müsse sie handeln, sofort entscheiden. Das unterscheide sich diametral vom Professorentum.

Und der Mensch hinter der Karriere? Was davon gegen aussen dringt, ist vor allem geprägt von den PR-Bemühungen der BKB. In Videos wird Westerfeld gerne gezeigt. Was auffällt: Die eingebürgte Schweizerin spricht in druckreifem Hochdeutsch, faltet die Hände vor dem Bauch zusammen – fast so, als wäre ihr der Auftritt nicht ganz geheuer. Dazu trägt sie meist dunkle Blazer, die in ihrer Position übliche, uniforme Kleidung. Das einzige spielerische Element: Sie wechselt offenbar gerne ihre Brille.

Ein schneller Abgang

Auf ihrem Weg nach oben traf Westerfeld auf Marianne Wildi, die Chefin der Hypothekarbank Lenzburg AG. Westerfeld habe sich für das Mandat als Verwaltungsrätin interessiert. Nach einem Monat war die Zusammenarbeit aber bereits wieder beendet. Westerfeld verliess den Verwaltungsrat und ging 2015 zur BKB. Im offiziellen Lebenslauf von Westerfeld in den Jahresberichten der BKB taucht dieses Engagement nicht auf. Ist vielleicht hier ein Bruch in ihrer Karriere? Oder Spannungen zwischen zwei Führungspersönlichkeiten?

Nein. Auch hier gibt es plausible Erklärungen. Den verfrühten Abgang nennt Wildi ein unglückliches Zusammentreffen verschiedener Dinge: «Das ist das Risiko, wenn man junge Verwaltungsräte holt. Diese verändern sich aufgrund ihrer Karriereplanung schneller.» Die neue Stelle sei für Westerfeld sehr attraktiv gewesen, weil sie dort operativ tätig sein konnte. «Ich verstehe ihren Entscheid deswegen gut», sagt Wildi. Also auch im Aargau keine Misstöne. Ihre Karriere verläuft schon fast unheimlich glatt.

Ihren Aufstieg scheint Westerfeld entsprechend geplant zu haben. «Ich halte es für wichtig, in der Karriereplanung sehr strategisch vorzugehen, die Rahmenbedingungen zu verstehen und gleichzeitig flexibel genug zu bleiben, stets auf sich ändernde Verhältnisse reagieren zu können», sagte sie 2013 in einem Interview für ein HSG-Magazin. Schaut man ihren Lebenslauf an, arbeitet sie genau nach diesem Muster.

Der Wechsel von der Hypothekarbank Lenzburg zur BKB ist das beste Beispiel: Sie war gerade wieder in die Privatwirtschaft eingestiegen, als sich eine karrieretechnisch bessere Option auftat. Also packte sie zu.

Westerfeld ist mit ihrer Doppelrolle und ihrem Alter eine Ausnahmeerscheinung in der Schweizer Finanzwelt. Als Frau doppelt: Eine Chefin gab es bei einer Kantonalbank noch nie. Warum dies so ist, darüber schrieb Westerfeld im Jahr 2014 in einem Alumni-Magazin der HSG. Sie führt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ins Feld. Diese sei in der Schweiz noch immer eine Frage des Geldes und des Willens, einen substanziellen Anteil des Einkommens für die Betreuung der Kinder auszugeben, damit beide Partner berufstätig bleiben können.

Denn: «Eine Pause ist in der Finanzbranche für Männer und Frauen tödlich», schrieb sie. Eine Quotenregelung könne keine langfristige Lösung sein, schreibt sie weiter. Damit in Zukunft der Anteil von Frau und Mann in Chefetagen im Finanzsektor ausgleichen, sind laut Westerfeld kleine Schritte nötig. Zum Beispiel: «Mein Mann hat erstmal Spielzeugtraktoren und Lego Technik in ‹nicht pink› für unsere vier Töchter gekauft.»

Ein schneller Wechsel?

Nun der Aufstieg zur Chefin? Die Fähigkeiten dazu habe sie laut ehemaligen und jetzigen Weggefährten. «Zutrauen würde ich ihr vieles. Auch den CEO-Posten bei einer Grossbank», sagt Hüttche. Bernet sagt: «Ich denke, dass sie mit ihrer Art und ihrer Erfahrung als Führungskraft eine gute Chance hat, erfolgreich als erste Frau an der Spitze einer Kantonalbank in die Annalen einzugehen.» Und eine Quelle im Umfeld der Bank sagt, dass es keine Frage sei, ob sie eine valable Chefin wäre. «Ob sie das will, ist eine andere Frage.»

Die Vorschusslorbeeren sind gross. In den nächsten Monaten wird sich entscheiden, ob sie die BKB als Nachfolgerin von Guy Lachappelle führt, der als Verwaltungsrat zur Raiffeisen abgewandert ist. Geht die Karriere von Westerfeld aber weiter wie bis anhin, wird sie wohl nicht lange bei der BKB bleiben. Meistert sie ihre Aufgabe so, wie sie sich bis jetzt durch die Finanzwelt gepflügt hat, klopft wohl bald eine grössere Bank an. Und der Weg nach oben geht weiter.