Vier Steine für Basel
«Erschütternd, bewegend, schön»: Enkelinnen von Anna Maria Böhringer sind bei Setzung des Stolpersteins dabei

Über 90'000 sogenannte Stolpersteine in 27 Ländern gibt es schon. Seit Dienstag gibt es die Gedenksteine auch in Basel und Riehen. Sie sollen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern – und zur Aufarbeitung beitragen.

Silvana Schreier Jetzt kommentieren
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An der Grenze zwischen Riehen und Lörrach wurde am Dienstag eine Stolperschwelle gelegt: Sie soll an alle über die Grenze nach Deutschland abgeschobenen Jüdinnen und Juden erinnern.

An der Grenze zwischen Riehen und Lörrach wurde am Dienstag eine Stolperschwelle gelegt: Sie soll an alle über die Grenze nach Deutschland abgeschobenen Jüdinnen und Juden erinnern.

Kenneth Nars

Anna Maria Böhringer, Kurt Preuss, Gaston Dreher und Armin Weiss. So heissen die vier Personen, zu deren Erinnerung am Dienstag die Gedenksteine gesetzt wurden. Sie sind Opfer des Nationalsozialismus während des Zweiten Weltkriegs und haben zumindest einen Teil ihres Lebens in der Schweiz verbracht. Von den hiesigen Behörden wurden sie aber kaum geschützt oder gar ausgeliefert.

Der Verein Stolpersteine Schweiz engagiert sich seit Jahren, den Opfern von Nazi-Deutschland zu gedenken. Vor rund einem Jahr dann hat sich eine Gruppe in Basel zusammengefunden, die sich für die Legung der Gedenksteine in der Region einsetzte. Am Dienstag war es dann so weit: Vier Stolpersteine und eine Stolperschwelle wurden verlegt.

Acht Stolpersteine in Zürich, vier in Basel und Riehen

Das Projekt Stolpersteine wurde 1992 vom deutschen Künstler Gunter Demnig gestartet. Mit den goldenen Gedenktafeln, die im Boden versenkt werden, soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus vertrieben, ermordet, verfolgt und deportiert wurden.

Rund 90'000 Steine in 27 europäischen Ländern sind bisher zusammengekommen. Nach acht Stolpersteinen in Zürich sind Basel und Riehen nun die neuesten Standorte. Unterstützt wird das Projekt in Basel von der Regierung, der Christoph-Merian-Stiftung und dem Basler Bau- und Verkehrsdepartement sowie von Einzelpersonen und Spendern.

Über die Grenze getragen

Die Stolperschwelle befindet sich beim Grenzübergang Riehen–Lörrach. Während des Zweiten Weltkriegs wurde eine unbekannte Anzahl Menschen an der Grenze zurückgewiesen oder gar an die deutschen Behörden ausgeliefert. Ein Beispiel von 13 jüdischen Personen aus dem Staatsarchiv Basel-Stadt zeigt die Grausamkeit auf: Die Menschen kamen illegal über die Grenze in die Schweiz.

Die Schweizer Polizei verfügte sogleich, sie müssten zurück auf deutschen Boden gebracht werden. Zwei jüdische Männer wehrten sich, die Beamten trugen sie über die Grenze. Laut dem Verein Stolpersteine Schweiz muss davon ausgegangen werden, dass die 13 Menschen durch die Gestapo verhaftet und vermutlich in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Die Angst vor «Überfremdung»

Danielle Kaufmann, SP-Grossrätin und Mitglied der Basler Gruppe des Vereins Stolpersteine Schweiz, sagte bei der Setzung der Schwelle: «Mit der Auslieferung an die deutschen Behörden wurden diese Menschen in den sicheren Tod geschickt.» Die Schweiz trage damit eine Mitschuld am Schicksal der Opfer.

Die geflüchteten Jüdinnen und Juden wurden von den Schweizer Behörden als «unerwünschte Fremde» bezeichnet, wie aus historischen Dokumenten hervorgeht. Besonders aus Angst vor einer «Überfremdung» wurden kaum Aufenthaltsbewilligungen ausgestellt. Während des Krieges sind laut offiziellen Zahlen über 30'000 Asylsuchenden die Einreise in die Schweiz verweigert worden.

Keine Schweizerin mehr wegen Heirat

Der erste Stolperstein in Basel ist Anna Maria Böhringer gewidmet. Die gebürtige Bürgi wird am 30. November 1885 in Basel geboren. Mit 19 Jahren wird sie unverheiratet schwanger und unter anderem deshalb wegen «liederlichen Lebenswandels» in ein Heim eingewiesen. Nach der Geburt einer Tochter heiratet sie einen Deutschen – und verliert ihre Schweizer Staatsbürgerschaft.

Auch vor dem ehemaligen Wohnhaus von Anna Maria Böhringer wurde ein Stolperstein in den Boden eingelassen. Böhringer wurde aufgrund ihres unüblichen Lebensstils an die deutschen Behörden übergeben.

Auch vor dem ehemaligen Wohnhaus von Anna Maria Böhringer wurde ein Stolperstein in den Boden eingelassen. Böhringer wurde aufgrund ihres unüblichen Lebensstils an die deutschen Behörden übergeben.

Kenneth Nars

Das wird ihr zum Verhängnis. Denn obwohl Anna Maria Böhringer anschliessend in Baselland und Basel-Stadt lebt, weitere vier Kinder zur Welt bringt und Beziehungen mit Schweizer Männern führt, wird sie 1920 aus der Schweiz weggewiesen. Besonders wegen ihres «unangepassten Lebenswandels», berichtet der Verein Stolpersteine Schweiz.

1939 lebt die Frau einige Zeit an der Erlenstrasse 14 in Basel, bevor sie festgenommen und endgültig den deutschen Behörden übergeben wird. Anna Maria Böhringer überlegt fünf Jahre lang im Frauenlager Ravensbrück, bevor sie am 20. Februar 1945 ins «Jugendschutzlager» Uckermark gebracht und dort höchstwahrscheinlich ermordet wurde.

Familientrauma aufarbeiten

Sylvie Böhringer ist eine von drei Enkelinnen, die die Setzung des Stolpersteins in Basel mitverfolgen. «Erschütternd, bewegend, schön», so beschreibt sie den historischen Tag. Ihre Mutter, das fünfte Kind von Anna Maria Böhringer, habe kaum über die Ereignisse geredet. Zu gross sei das Familientrauma gewesen. «Meine Grossmama wurde kriminalisiert, sogar wir Enkelinnen mussten uns in der Schweiz wieder einbürgern lassen», berichtet Sylvie Böhringer.

«Sie musste sterben, nur weil sie einen schlechten Ruf hatte», ergänzt Urenkelin und Historikerin Nicole Bettlé. Beide wünschen sich, dass der Stolperstein ihrer Vorfahrin dafür sorgt, dass die Menschen wach bleiben und die Schicksale von damals nicht vergessen. Und sie sind sich sicher: Die Töchter und der Sohn von Anna Maria Böhringer hätten sich über diesen Gedenkstein und die damit verbundene angestrebte Wiedergutmachung gefreut.

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