Nähkästchen
Stephanie Eymann: «Natürlich bin ich schon geblitzt worden»

Am 1. Oktober wird Stephanie Eymann neue Chefin der Baselbieter Verkehrspolizei. Zuvor verrät die 37-jährige Eptinger Juristin Erstaunliches aus dem Nähkästchen.

Bojan Stula
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Privat fährt Stephanie Eymann einen Mini. Dass sie als Ziehungsort für den Nähkästchen-Begriff «Widerstand» das Muttenzer Automuseum Pantheon aussuchte, liegt alleine an der räumlichen Nähe zu ihrer Noch-Arbeitsstelle, der Baselbieter Staatsanwaltschaft. Der flotte Austin Healey im Hintergrund ist übrigens für schlappe 92 000 Franken zu haben.

Privat fährt Stephanie Eymann einen Mini. Dass sie als Ziehungsort für den Nähkästchen-Begriff «Widerstand» das Muttenzer Automuseum Pantheon aussuchte, liegt alleine an der räumlichen Nähe zu ihrer Noch-Arbeitsstelle, der Baselbieter Staatsanwaltschaft. Der flotte Austin Healey im Hintergrund ist übrigens für schlappe 92 000 Franken zu haben.

Martin Töngi

Frau Eymann, worüber reden wir heute?

Stephanie Eymann: Über Widerstand. Das passt.

Wieso?

In beiden Berufen, meinem jetzigen und meinem künftigen, muss ich mit Widerständen umgehen.

Reden wir zuerst über Ihren künftigen: Haben Sie Angst vor dem brummigen, altgedienten Verkehrspolizisten, der nun eine Aussenstehende als neue Chefin vor die Nase gesetzt erhält?

Widerstände gibt es bei jedem Chefwechsel, das bereitet mir keine Angst. Es gibt überall Leute, die nicht auf Neuerungen erpicht sind und sich ihre Reiche abgesteckt haben. Ich bin aber nicht der Typ, der Widerstände provozieren will. Ich werde mir zuerst ein Bild von den Abläufen machen und mit der Zeit, wo nötig, meine eigenen Ideen und Vorstellungen einbringen. Deshalb sehe ich keinen Grund, beunruhigt zu sein.

Trotzdem, Sie sind eine «Studierte», die erste weibliche Hauptabteilungsleiterin überhaupt, jung und attraktiv dazu: Da sind doch die Widerstände in der testosterongeschwängerten Männerdomäne Polizei programmiert.

Die meisten Polizeikorps sind noch immer Männerdomänen, das stimmt. Aber ich habe schon bisher in meinem Beruf als Staatsanwältin viel und gut mit der Polizei zusammengearbeitet. Die Genderfrage spielt keine Rolle, sofern man die Korpsmitglieder ernst nimmt. Das hat mein bisheriger Umgang mit den Kollegen der Kriminalpolizei bewiesen. Und im schlimmsten Fall habe ich den «Mann» wenigstens im Namen (lacht).

Verstehen Sie die Leute, die sich bis zum Äussersten gegen Radarfallen wehren und wegen Geschwindigkeitsbussen vor Gericht ziehen?

Natürlich. Es schränkt die persönliche Freiheit ein und geht ans eigene Portemonnaie. Aber ich verstehe Geschwindigkeitskontrollen einzig unter dem Aspekt der Unfallverhütung. Hierfür sind sie unerlässlich. Falsch wäre es dagegen, nur zu blitzen, um die Staatskasse zu füllen.

Gegen diesen Generalverdacht wird vermutlich jeglicher Widerstand zwecklos sein, oder?

Eine Radarfalle darf einfach keine Schikane sein. Einen Blitzkasten gleich einen Meter hinter dem 50er-Schild wird es auch bei mir nicht geben, so wie es ihn bisher schon in Baselland nicht gegeben hat.

Fürchten Sie die Negativschlagzeilen, die in Ihrem neuen Beruf so sicher wie das Amen in der Kirche sind?

Tja, ich tappe von der einen Medienfalle in die nächste. Wir sind ein Kanton mit vielen Strassen und viel Durchgangsverkehr. Die unterschiedlichsten Interessen müssen unter einen Hut gebracht werden. Mein Ansatz ist das Prinzip «leben und leben lassen». Es gibt viele Leute, die auf den Individualverkehr angewiesen sind. Ein Nebeneinander der Verkehrsträger muss möglich sein.

Sind Sie selber schon geblitzt worden?

Natürlich. Als Junglenkerin. Ich musste 250 Franken abdrücken. Das tat weh, hat mich dann aber auf die richtige Spur gebracht (lacht). Seither bin ich sauber geblieben.

Welche Widerstände mussten Sie in Ihrem bisherigen Privatleben überwinden?

Hmmm ... (überlegt). Da fällt mir spontan gerade nichts ein. Bin ich so langweilig und angepasst?

Gut, dann zurück zum Beruf: Wieso passt der Begriff «Widerstand» zu Ihnen als Staatsanwältin?

Aus zweierlei Hinsicht: Erstens ist man mit den Widerständen der Beschuldigten konfrontiert, die ja manchmal die Wahrheit verschleiern möchten. Zweitens gibt es die Widerstände durch die Anwälte, die einem partout nicht abnehmen wollen, dass wir sowohl in be- wie in entlastender Weise ermitteln. Die Verteidiger werfen uns immer wieder vor, das Entlastende zu wenig stark zu gewichten.

Zermürben Sie solche Widerstände?

Nein, das sehe ich sportlich. Nicht jeder Freispruch vor Gericht ist eine persönliche Niederlage. Manchmal bin ich sogar froh darum.

Wann?

In unklaren Fällen, in denen beispielsweise Aussage gegen Aussage steht. Sowieso hat mir mein Onkel Christoph Eymann beigebracht, die Schublade Beruf nicht mit der Schublade Privatleben zu vermischen. Darum hat mich noch nie ein Fall zu Hause um den Schlaf gebracht.

Sie haben die Staatsanwaltschaft als «Medienfalle» betitelt.

Tipp eins lautet, ja nie die Gastkommentare in den Onlinemedien zu lesen. Im Prinzip ist es gut und richtig, wenn die Medien Fälle aufnehmen und hier eine Öffentlichkeit herstellen. Aber wenn Staatsanwälte nicht nach ihrer Funktion beurteilt, sondern als Privatpersonen angegriffen werden, geht das zu weit ... halt, jetzt fällt mir doch was Privates ein!

Ja, bitte.

Mein ganzer Werdegang war schon ungewöhnlich. Gleich nach der Matur am Realgymnasium habe ich meine Tochter zur Welt gebracht. Das ganze Studium und die Berufstätigkeit mit Tochter durchzubringen, war mit vielen Widerständen verbunden, hat aber auch widerstandsfähig gemacht.

Gab es da Widerstände, die Sie nicht überwinden konnten?

Ja, sicher. Es wäre unmöglich gewesen, die Anwaltsprüfung nur mit einer Teilzeitstelle zu bestreiten, auf die ich angewiesen war. Also habe ich das Doktorat vorgezogen und die Prüfung erst später gemacht.

Passt das zu Ihnen, Widerstände einfach zu umschiffen?

Ich bin niemand, der mit dem Kopf durch die Wand muss. Dagegen kann es viel geistreicher sein, nach eleganten Lösungen und Auswegen zu suchen. Aber ich lasse mich durch keinen Widerstand aufhalten. «Geht nicht», geht nicht.

Wie viel Widerstandsfähigkeit wünschen Sie Ihrer Tochter?

Oh, da muss ich ihr nichts mehr wünschen. Sie ist mit 18 schon genug widerstands- und durchsetzungsfähig, was sie gerade an ihrer Schule beweist. Sie ist viel stärker der konfrontative Typ als ich.

Hat übrigens Ihr Mann, der Sänger Florian Schneider, keinen Widerstand gegen Ihren Wechsel zur Polizei geleistet? Er, so als Künstlernatur.

Nein, er sagte spontan: «Go for it!» Er hatte aber auch nie traumatisierende Erlebnisse mit der Verkehrspolizei. Noch nicht ...