Verirrt, verwirrt, verrückt. Verloren. So erscheinen die Gestalten in der Hölle, wenn diese Hölle von Thom Luz erschaffen worden ist. Traurige Schatten ihrer selbst, gefangen in einer Endlosschlaufe pathologischen Wiederholungszwangs. Wieder und wieder durchleben sie gedanklich und körperlich einen Schlüsselmoment ihres Lebens. Vollführen dieselben Bewegungen, sagen dieselben Sätze.

Luz’ Inferno, frei nach Dante, kennt keine gehörnten, mit Geisseln schlagenden Teufel, keine sadistischen Praktiken, keine Schmerzensschreie. Da schwimmen keine Mörder im siedend heissen Blutstrom, keine Schmeichler wälzen sich in Kot, und es wird auch keinen Wahrsagern der Körper derart verrenkt, dass sie nur noch auf die eigene Rückenpartie sehen.

Abgestellte Objekte und Menschen

Wir sind nicht in einem heissen, lauten Ofen. Wir sind in einer kühlen, stillen Gerümpelkammer (Bühne: Wolfgang Menardi). Wir sind im Lager der toten Requisiten und abgestellten Theaterfiguren – oder sind es entlassene, vielleicht pensionierte Schauspieler? Vier traurige Figuren – stellvertretend für die vielen Hundert bei Dante -, wandeln zwischen abgewirtschafteten Möbeln, Matratzen und Malereien, zwischen ausgestopften Tieren, Kostümen und Büsten. In einem Fernseher läuft ein Inferno-Stummfilm. Ein Wasserspender blubbert laut verstärkt auf. Ein Scheinwerfer kreist suchend umher. Manchmal legt Odysseus (Martin Hug) eine alte Platte auf. Er ist einer der vier Prototypen, die anderen sind Francesca da Rimini (Lisa Stiegler), Graf Ugolino (Simon Zagermann) und Kleopatra (Carina Braunschmidt).

Die grössten Höllenqualen bescheren diesen Verdammten die eigenen Erinnerungen. Im schlimmsten Falle Ugolinos daran, wie es war, mit den Söhnen in einem Turm eingesperrt zu sein und zu überlegen, wer wen essen könnte. Hilflos, machtlos.

Die Hölle sind nicht die anderen, die Hölle sind sie sich selbst. «Deswegen trifft man nie zufriedene Gespenster», sagt Thom Luz im Programmheft-Interview: «Weil sie noch erinnern.» Oder wie der Literaturwissenschafter Karlheinz Stierle zitiert wird: «Das Inferno ist nicht so sehr ein Ort körperlicher Qualen als vermittels dieser eine Hölle der Erinnerung.»

Regelmässig stört ein lautes Tröten die melancholische Materiallagerstimmung. Dann eilen Bühnenarbeiter hinein, begleitet vom Geräusch lauten Durcheinanderschwatzens. Sie rollen einige Requisiten heraus. Ein Spuk im Spuk, der schnell wieder vorbeigeht. Ein enormes Höllentor geht scheppernd wieder zu. Und kurz erscheint durch ein Bullauge das Flackern der Flammen eines Brennofens. Die Insassen schauen gebannt darauf. Fluchtversuche sind zwecklos.

Abgründiger Humor

So ziemliche der einzige Mensch, der je wieder heil aus der Hölle herausgekommen ist, ist Dante. Der Dichter hat sich anfangs des 14. Jahrhunderts während vieler Jahre durch neun Höllenkreise via Purgatorium in den Himmel geschrieben. So entstanden die bis heute kanonischen 100 Gesänge der «Komödie», bald «Göttliche Komödie» genannt, mit Dante als literarischer Hauptfigur.

Als Reiseführer durchs Inferno nimmt Dante sich Vergil. Im Schauspielhaus Basel bekommt der junge Schauspieler Elias Eilinghoff den älteren Schauspieler Steffen Höld zur Seite. Der unsichere junge Dante, in einer Lebenskrise plötzlich in einer krisenhaften Welt, geführt vom erfahreneren Vergil – gut ausgerüstet mit Mikrophon, Karte und Taschenlampe. Denn auch im Inferno geht Luz’ zarter Humor nicht verloren.

Ebensowenig die himmlisch-traurig-schöne Musik. Liszt’s «Après und lecture de Dante» etwa oder Monteverdis «Il ritorno d’Ulisse in Patria». Vier Musiker im weissen Anzug (Emanuele Forni, Mara Miribung, Daniele Pintaudi und Mathias Weibel) spielen live, die meiste Zeit in einem Abgrund versenkt, so dass nur der Bogen einer Violine ab und zu hervorlugt. Morricones «Chi Mai» erklingt zu Kleopatras Klagen.

Mit Musik, Tönen, Licht, Langsamkeit sowie vorsichtig gesetzten, einzelnen Dialogen schafft Luz eine entrückte, jenseitige Stimmung. Berückend schön. Und natürlich mit Nebel, sehr viel Nebel, immer mehr Nebel. Bis die Hölle, bis die Figuren darin fast verschwinden. Alles löst sich auf in stillem, wattigem Nichts. Irgendwie tröstlich. Dante sagt: «Dann traten wir hinaus und sahen die Sterne wieder». Man muss durch die Hölle gehen, um ins Paradies zu gelangen. Und das befindet sich manchmal auf Erden. Oder im Theater.

Inferno. Schauspielhaus Basel. Jeweils 19.30 Uhr. www.theater-basel.ch