Selbstständigkeit
Stiller Erfolg: An der «Deafmesse» stellen Gehörlose ihre Unternehmen vor

Tatiana Tschopp ist Inhaberin eines Kosmetiksalons – und gehörlos. Ihre Geschichte ist kein Einzelfall. In Basel an der ersten Deafmesse in der Deutschschweiz wird sie mit anderen Gehörlosen ihre Firma präsentieren.

Annika Bangerter
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Tatiana Tschopp führt seit sechs Jahren ihr eigenes Massage- und Kosmetikstudio in Basel.

Tatiana Tschopp führt seit sechs Jahren ihr eigenes Massage- und Kosmetikstudio in Basel.

Kenneth Nars

Was wie eine abgedroschene Phrase klingt, ist bei Tatiana Tschopp notwendige Realität: Sie liest ihren Kunden die Wünsche von den Lippen ab. Tschopp ist seit ihrem zweiten Lebensjahr gehörlos. Ein falsch dosierter Medikamenten-Cocktail zerstörte damals ihre Hörfähigkeit und tauchte das Mädchen fortan in die permanente Stille. Heute ist sie selber Mutter einer Tochter – und alles andere als ruhig. Tschopp führt in Basel ihr eigenes Massage- und Kosmetikstudio. Dort lockert sie verspannte Muskeln mit einer Kräuterstempel- oder Hot-Stone-Massage, pflegt Fingernägel und Füsse.

Sie ist ihre eigene Chefin, arbeitet selbstständig, ohne Dolmetscher, ohne hörende Assistenz. Wie das funktioniert? Tschopp versteht die Kunden, indem sie ihre Mundbewegungen entziffert. Dafür fordert sie diese auf, langsam und hochdeutsch zu sprechen. Denn die Russin kam erst vor neun Jahren in die Schweiz. Von möglichen sprachlichen Barrieren unbeeindruckt führt Tschopp seit 2011 ihr eigenes Studio. Ihre Stammkunden seien hörend, sagt sie. Um einen Termin zu vereinbaren, schicken sie ihr eine SMS oder schreiben eine Mail. «Bei den Gehörlosen spricht sich mein Angebot erst langsam herum», sagt Tschopp. Das will sie an diesem Samstag ändern. Dann stellt sie an der Deafmesse im «Union» aus. Es ist die erste Messe in der Deutschschweiz, an der Gehörlose ihre Firmen präsentieren. Auch Selbsthilfeorganisationen und Anbieter von Hilfsmittel für Gehörlose oder Schwerhörige stellen aus.

Verbotene Gebärdensprache

Initiiert hat die Messe das Ehepaar Marina Ribeaud und Patrick Lautenschlager. Er ist Präsident des Gehörlosen Fürsorgeverein Region Basel; gemeinsam führen sie den Verlag Fingershop, dessen Bücher die Gebärdensprache lehren. An der Deafmesse stellen sie das erste Schweizer Tierlexikon in Gebärden vor. Ribeaud ist seit Geburt gehörlos. Als Mutter stellte sie fest: Für Kinder gibt es kaum Bücher, die Gebärden erklären und lehren. Deshalb schnitt sie Gebärdenbilder aus und suchte die entsprechenden Tierzeichnung im Internet. Was mit laminierten Blättern begann, umfasst heute verschiedene Kinder- und Jugendbücher, Lehrmittel und eine App. Ihre Arbeit ist eine stete Suche. «Es sind noch längst nicht alle Begriffe zusammengetragen. Der Gebärdenwortschatz ist bei vielen Gehörlosen beschränkt, weil die Gebärdensprache selbst an den Gehörlosenschulen offiziell bis vor sieben Jahren verboten war», sagt sie.

Deafmesse

Die Deafmesse findet am Samstag, 6. Mai, zwischen 11 und 18 Uhr im «Union» in Basel statt.

Wie auch die Kosmetikerin Tatiana Tschopp weiss Marina Ribeaud aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, sich auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen. Beide schrieben unzählige Bewerbungen. Schliesslich führte Ribeaud die Selbstständigkeit aus der Arbeitslosigkeit: «Viele Gehörlose finden keinen Job. Das hat nichts mit ihren Qualitäten zu tun, sondern mit den Ängsten und Vorbehalten der Arbeitgeber.»

Mit Dolmetscher in Sitzungen

Den steinigen Weg in die Privatwirtschaft hat Beat Koller geschafft. Auch er ist seit Geburt an gehörlos, behauptete sich jedoch in der Pharmabranche als Maschinenzeichner. Dabei könne er sich besser konzentrieren als seine Arbeitskollegen: «Hörende lassen sich leichter ablenken und reden viel mehr miteinander», sagt er. Telefonate tätigt er über einen Übersetzerdienst per Video. Bei wichtigen Besprechungen zieht er einen Dolmetscher hinzu, den die IV bezahlt. Obwohl Koller eine feste Anstellung hat, stellt auch er an der Deafmesse aus. Er vertreibt Hilfsmittel für Gehörlose und Schwerhörige. Das sind beispielsweise Signalanalgen, die ein Klingeln an der Haustüre oder das Scheppern eines Weckers in Lichtblitze umwandeln. «Mit dieser Nebentätigkeit möchte ich Gehörlose ermutigen, eigenständig zu leben. Das trauen sich nicht alle zu, obwohl es sämtliche notwendigen Geräte gibt», sagt Koller.

Vernetzung erwünscht

Wie die Kosmetikerin Tatiana Tschopp erhofft er sich von der Messe aber auch, dass sie zu einer Annäherung zwischen Hörenden und Gehörlosen führt. Tschopp sagt: «Viele Menschen gehen uns aus dem Weg, weil sie unsere Stimmen erschrecken oder weil sie nicht wissen, wie sie mit uns kommunizieren sollen.» An der Deafmesse seien zwar Gebärden-Dolmetscher vor Ort. Die Russin empfiehlt aber: «Sprechen Sie uns einfach an. Wir können Sie lesen.»