Diese Zeiten sind vorbei. Heute fördern die Schulen Bewegung. Damit, so die Hoffnung, soll auch das stupide Wörtlibüffeln vereinfacht werden. Im Kampf gegen schlafende Schüler setzt das Erziehungsdepartement nun auf: Stehtische. In den kommenden zehn Jahren sollen die Tische und Stühle an den Basler Primar- und Sekundarschulen ersetzt werden. Die Lehrer und Schulleitungen sollen gemäss Ausschreibung auch die Möglichkeit haben, in der Höhe verstellbare Tische anzuschaffen.

Stehende Kinder? Vor zwei Jahrzehnten wäre das noch unvorstellbar gewesen. Die Lehrer versuchten, die zappligen Kinder so gut es ging ruhigzustellen. Nun aber hat das Basler Erziehungsdepartement «auf wiederkehrenden Wunsch einzelner Schulstandorte» Stehtische in die Ausschreibung aufgenommen, wie Sprecher Simon Thiriet sagt. Stehtische würden gewünscht, um bewegungsfreudigen Kindern die Möglichkeit zu geben, sich besser konzentrieren zu können.

Der Stehtisch-Trend ist jung – und stammt aus den Vereinigten Staaten. Vor knapp fünf Jahren berichtete die CBS über die angeblich weltweit erste Schule in Kalifornien, die Stehtische einführte. Nicht nur Pädagogen, sondern auch Mediziner waren über den Effekt voll des Lobes. So würden die Schüler täglich bis zu 25 Prozent mehr Kalorien verbrennen. Ein kurz darauf in Österreich lanciertes Pilotprojekt lieferte die Erkenntnis, dass die Aufmerksamkeit der Kinder um zwölf Prozent steige, wenn die Schüler stünden statt sässen.

Wackelbretter und Seili-Gumpen

Erste Erfahrungen in Basel-Stadt sind auch schon gesammelt worden. Die vor knapp vier Jahren eröffnete Sekundarschule Theobald Baerwart setzt auf das sogenannte Atelier-System. Die unterschiedlichen Niveaus A, E und P teilen sich ein grosses Zimmer, für den niveaugetrennten Unterricht stehen zwei weitere Zimmer zur Verfügung. In einem dieser Zimmer sind Tische, die mittels Hydraulik zu Stehtischen umfunktioniert werden können.

«Wir sind keine Sitzschule», lässt die Theobald Baerwart Schule im Konzept verlauten. Es gehe dabei «nicht um die Ausweitung des Sportunterrichts, sondern um die möglichst jederzeit vorhandene Gelegenheit, den Körper nach individuellen Bedürfnissen zu bewegen, um damit Konzentration und Motivation zu steigern», wie es auf der Homepage des Kantons Basel-Stadt heisst. Dabei setzt die Sek am Kleinbasler Rheinufer nicht nur auf Stehtische. Die Bewegungsmöglichkeiten sind in den Schulräumen fast grenzenlos. Hier soll sich niemand über den Tisch beugen müssen, wenn es das Einmaleins zu lernen gilt. Bälle und Wackelbretter stehen zur Verfügung.

Auch an anderen Schulen wird das Atelier-System erfolgreich angewandt, etwa im Sandgrubenschulhaus oder in der Sek Vogesen. Doch nicht nur in den neu gebauten Schulhäusern mit den architektonischen Möglichkeiten sind die Lehrerinnen und Lehrer darauf sensibilisiert, die Schüler zur Bewegung anzuregen.

Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt, sagt, dass auch die Primarschulen erfinderisch seien, wenn es darum gehe, das Vermitteln des Schulstoffs an die Bewegung zu knüpfen. Einige setzten auf Seili-Gumpen, andere auf Bewegungsboxen. Pausenplätze würden umgestaltet, Bewegungsecken eingerichtet. Im Isaak Iselin-Schulhaus, wo Héritier unterrichtet, steht beispielsweise ein Klettergerüst.

Der Bewegungstrend der Schüler stösst freilich nicht nur auf Euphorie. Einige Lehrerinnen und Lehrer empfinden die Arbeit inmitten hüpfender, stehender oder jonglierender Kinder als zu unruhig, nehmen die Stehtische als Bedrohung wahr. Ein Gedanke könnte sie beruhigen. Nicht jede Mode hat sich durchgesetzt. So sind heute kaum noch Sitzbälle anzutreffen. Diese waren um die Jahrtausendwende populär geworden; sie sind aber kaum mehr in den Schulzimmern anzutreffen.