Kunstprojekt
Stolpersteine gegen das Vergessen: Verein will auch in Basel an die Holocaust-Opfer erinnern

Die Erinnerung an die zahlreichen Holocaust-Opfer soll mit einem Kunstprojekt auch in Basel sichtbar gemacht werden. Im Zusammenhang mit einem soeben erschienenen Sachbuch wurden bereits in Zürich sieben Stolpersteine verlegt.

Jonas Hoskyn
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Die neu geschaffenen Stolpersteine im Gedenken an die beiden Zürcher Holocaust-Opfer Lea und Alain Berr.

Die neu geschaffenen Stolpersteine im Gedenken an die beiden Zürcher Holocaust-Opfer Lea und Alain Berr.

Keystone (Zürich, 27.11.2020

«Böhringer, geb. Bürgi, Anna, 30.11.85, asozial.» Ein Schicksal zusammengefasst und besiegelt in ein paar Stichworten auf der Zugangsliste des Konzentrationslagers Ravensbrück. Mit 54 Jahren wird die Baslerin 1939 von den Nationalsozialisten in das grösste KZ für Frauen im Norden von Brandenburg eingeliefert.

Zwei Monate zuvor hatten die Schweizer Behörden sie über die Grenze nach Lörrach ausgeschafft, direkt in die Hände der Gestapo – wegen ihres «liederlichen Lebenswandels». Böhringer war offenbar eine notorische Querulantin und hatte Kinder von verschiedenen Männern, die mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Ihre Schweizer Staatsbürgerschaft hatte die siebenfache Mutter nach der Heirat mit einem Deutschen verloren.

Versuche ihrer Tochter, sie wieder in die Schweiz zu holen, scheiterten am Unwillen der hiesigen Behörden. Anna Böhringer starb nach fünfeinhalb KZ-Jahren am 20. Februar 1945 – als eines von Zehntausenden von Opfern in Ravensbrück. Nur zwei Monate später löste die vorrückende Rote Armee das Lager auf und befreite die verbliebenen Häftlinge.

Die Schicksale der Schweizer KZ-Häftlinge aufarbeiten

Aufgearbeitet wurde Anna Böhringers Geschichte, und jene von 390 weiteren Personen, vergangenes Jahr im Buch «Die Schweizer KZ-Häftlinge. Vergessene Opfer des Dritten Reichs». An Schicksale wie ihres könnten künftig in Basel sogenannte Stolpersteine erinnern. Dabei handelt es sich um ein bekanntes Projekt des deutschen Künstlers Gunter Demnig gegen das Vergessen.

Seit 1992 werden seine kleinen Gedenktafeln für Holocaust-Opfer verlegt, mittlerweile sind es über 75000, verteilt auf praktisch ganz Europa. Ein Betonwürfel mit einer Messingplatte, 10 auf 10 Zentimeter, wird meist vor dem letzten Wohnort der Person ins Trottoir eingelassen. Mit Hammer und Schlagbuchstaben werden auf der Platte der Name und in Stichworten das individuelle Schicksal vermerkt. Die Idee: Die Passanten sollen symbolisch über die Gedenktafeln stolpern und an die Thematik erinnert werden.

In der Schweiz gibt es bisher zehn solcher Stolpersteine. Schon seit einigen Jahren erinnern in den thurgauischen Gemeinden Kreuzlingen und Tägerwilen an der Grenze zu Konstanz drei Steine an Opfer: zwei Flüchtlingshelfer, welche die deutsche Gefangenschaft überlebten, und ein Mann, der im KZ starb, nachdem er unter Alkoholeinfluss im Restaurant abfällige Bemerkungen über Goebbels, Göring und Hitler von sich gegeben hatte.

«Steine sind ein Weckruf, sich zu erinnern»

Im Zusammenhang mit dem neu erschienenen Sachbuch zu den Schweizer KZ-Opfern wurden vergangene Woche in Zürich sieben Stolpersteine verlegt. Dabei kündigte Roman Rosenstein, der das Projekt mit­initiiert hat, an, dass auch in weiteren Schweizer Städten Stolpersteine geplant sind: «Basel als Stadt, wo die Zionistenkongresse stattgefunden haben, drängt sich auf», sagte er in einem Interview mit SRF. «Es gibt eine beachtliche Liste von Opfern, derer wir gedenken wollen», sagt Rosenstein auf Anfrage.

Konkrete Namen nennen will Rosenstein aber noch keine. «Wir wollen keinen Schnellschuss. Wir dürfen uns keine Fehler leisten.» Man werde nun aufgrund der verfügbaren Daten sorgfältig prüfen, wo in Basel Steine aufgestellt werden könnten. So sitzt im Vorstand des Vereins Stolpersteine Schweiz auch der Luzerner Historiker Jakob Tanner, der einst Mitglied der Bergier-Kommission war, die die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet hat.

Die Stolpersteine seien auch in einem Land wie der Schweiz, das im Zweiten Weltkrieg von den Nazis verschont blieb, wichtig. «Die Steine sind ein Weckruf, sich an die eigene Geschichte zu erinnern und seine Position zu überdenken. Und auch um daran zu erinnern, dass die Vergangenheit in vielen Punkten noch nicht wirklich aufgearbeitet ist», sagt Rosenstein.

Jemand, der die Installation von Stolpersteinen in Basel sehr begrüssen würde, ist Nava Rueff. Ihr Vater hat das Konzentrationslager überlebt, ihre Mutter war Zwangsarbeiterin. Sie sagt: «Mir persönlich ist es sehr wichtig, an das Geschehene zu erinnern und auch zu mahnen. Es geht darum, dass die Opfer nicht vergessen werden.»