Strafgericht
Fünf Jahre nach Schlägen in der Toilette beim Schützenmattpark endet das Verfahren mit einem Freispruch

«Die Basler Justiz hat komplett versagt», kommentierte das Opfer den Freispruch am Montag Abend enttäuscht. Die Schläge gegen ihn vor über fünf Jahren werden nun vermutlich nie aufgeklärt werden.

Patrick Rudin
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Ein 24-Jähriger musste sich am Montag vor Gericht verantworten.

Ein 24-Jähriger musste sich am Montag vor Gericht verantworten.

Kenneth Nars

Im Februar 2016 benutzte er um neun Uhr abends die öffentliche Toilette bei der Tramhaltestelle Schützenhaus, beim Abtrocknen der Hände erhielt er mehrere Faustschläge gegen den Kopf und ging zu Boden. Auch soll er als «Schwuchtel» beschimpft worden sein. Der Angreifer spazierte daraufhin davon, und das Opfer erhielt offenbar auch von Passanten keine Hilfe. Eine spätere Fahndung blieb erfolglos. Unklar blieb auch die Rolle eines älteren Mannes, der die ganze Szene offenbar beobachtet hatte.

Rund zwei Wochen später sah er den damaligen Schläger zufällig in einem Auto eines Handwerkbetriebes und notierte sich das Kennzeichen. Die Meldung ist bei der Polizei zwar in den Akten vermerkt, ermittelt wurde allerdings nicht. Der Anzeigeerstatter war sich später auch nicht mehr sicher, ob es wirklich der damalige Angreifer war.

«Das ist eine Schutzbehauptung»

Im Sommer 2017 hingegen sieht der Mann den Beschuldigten zufällig just aus der Toilette beim Schützenmattpark herauskommen und alarmiert die Polizei. So sass am Montag ein 24-jähriger Mann vor dem Basler Strafgericht und musste sich gegen den Vorwurf der Körperverletzung verteidigen. Er betonte, er wisse von nichts. Verteidiger Patrick Frey wies darauf hin, sein Mandant sei selbst homosexuell, daher ergebe es gar keinen Sinn, dass er jemand anderen wegen dessen Homosexualität beleidige. «Das ist eine Schutzbehauptung. Auch jemand, der schwul ist, kann jemanden schlagen», konterte Opfervertreter Dominic Nellen.

Diverse Aussagen des Beschuldigten gegenüber der Staatsanwaltschaft waren allerdings etwas widersprüchlich, und der 24-Jährige wurde bereits mehrmals wegen Gewalttaten verurteilt. «Er hat oft und gerne dreingeschlagen, gegen Zivilpersonen wie auch gegen Polizisten», sagte Nellen. Offenbar wurde über den Beschuldigten bereits vor Jahren ein psychiatrisches Gutachten erstellt, laut Nellen sprach dies von einer klaren Gefahr für neue Straftaten.

Frühere Geschichten spielten keine Rolle

Der 24-Jährige wurde am Montag von Polizisten ins Gerichtsgebäude gebracht, offenbar befindet er sich wegen früherer Delikte im Gefängnis oder einem Massnahmenzentrum. Verteidiger Patrick Frey wies darauf hin, dass frühere Geschichten für die Beweiswürdigung keine Rolle spielten, der Richter habe lediglich den hier angeklagten Sachverhalt zu beurteilen.

Das Strafgericht hatte die Verhandlung zweigeteilt: Sollte ein Schuldspruch erfolgen, würde vor dem Entscheid über die Sanktion erst ein forensisches Gutachten erstellt. Dazu kommt es aber nun nicht: Einzelrichter René Ernst sprach den 24-Jährigen am Montag vom Vorwurf der Körperverletzung frei.

Wahrnehmung könne ihm einen Streich gespielt haben

«Das Gericht hat nicht die geringsten Zweifel daran, dass das Opfer nach bestem Wissen und Willen ausgesagt hat. Niemand hier möchte ihm unterstellen, dass er einfach einen Sündenbock gesucht hat», betonte Ernst. Aber er habe beim Angriff das Gesicht des Täters nur kurz gesehen, und die Identifizierung 1,5 Jahre später habe das Gericht nicht überzeugt. Es sei durchaus möglich, dass ihm die Wahrnehmung einen Streich gespielt habe, weil der Mann beim damaligen Tatort aus der Toilette herausgekommen sei.

Die ursprüngliche Täterbeschreibung entspreche dem Angeklagten nur teilweise, das Gericht habe daher Zweifel, dass er der damalige Täter war. Und dies führe zwingend zu einem Freispruch. Dass der 24-Jährige in der Vergangenheit fremde Leute ohne jeden Grund geschlagen habe, treffe durchaus zu. «Das trifft aber leider auch auf tausende andere Leute zu, die in Basel leben. Das sieht man jeden Tag in den Polizeimeldungen», sagte René Ernst. Der Freispruch kann noch weitergezogen werden.