Strafgericht Muttenz
Der Gehirntumor, der keiner war: 15 Jahre nach einer Adoption aus Ecuador landet die Kindsmutter vor Gericht

Eine 56-Jährige soll einer Familie über Jahre hinweg Lügengeschichten aufgetischt haben, um so an ein Aufenthaltsrecht für ihre Kinder zu kommen.

Patrick Rudin
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Eine Mutter stand wegen Täuschungsvorwürfen vor dem Baselbieter Strafgericht.

Eine Mutter stand wegen Täuschungsvorwürfen vor dem Baselbieter Strafgericht.

Kenneth Nars

«Das stimmt alles nicht. Ich war von Anfang an transparent», betonte die 56-jährige Ecuadorianerin am Dienstag im Strafjustizzentrum in Muttenz. Ein enttäuschtes Paar aus Münchenstein wirft ihr aber das genaue Gegenteil vor: Die Frau soll sie über Jahre hinweg mit Lügengeschichten manipuliert haben, um für sich und ihre Kinder ein Aufenthaltsrecht in der Schweiz zu erschwindeln.

Die Geschichte reicht viele Jahre zurück: Das Paar aus Münchenstein lernte im Jahr 2003 auf einer Reise in Ecuador die damals alleinerziehende 39-jährige Frau mit ihren beiden Kindern im Alter von zwölf und neun Jahren kennen, und man hielt auch nach der Reise den Kontakt. Die angeblichen Probleme der Ecuadorianerin waren bewegend: Sie sei todkrank und habe nur noch wenige Jahre zu leben. Der Vater der Kinder sei gewalttätig, und wenn sie sterbe, würden die beiden Kinder wohl in einem Heim oder beim Vater landen. Auch leide der Sohn an einem lebensbedrohlichen Hirntumor und benötige unbedingt beste medizinische Betreuung in Europa, um weiterleben zu können.

Immer wieder flossen Unterstützungsgelder

Im Jahr 2005 erklärte sich das Paar dazu bereit, für die Kinder zu sorgen und im Falle des Todes der Mutter die beiden sogar zu adoptieren. Derweil schickten sie immer wieder Geld nach Ecuador. Wie sich später zeigte, war die Mutter zwar durchaus chronisch krank, von «sterbenskrank» konnte aber nicht die Rede sein. Auch der angebliche Hirntumor des Sohnes stellte sich als eher unproblematische Zyste heraus.

Ein Jahr später trieb die Frau das Adoptionsverfahren in Südamerika vorwärts, doch der Vater der Kinder wehrte sich. Ihm wurde zwar das Sorgerecht von einem ecuadorianischen Gericht entzogen, doch die örtlichen Gerichte lehnten eine Adoption ab.

Bald folgte der Bruch

So reiste die Frau als Touristin mit beiden Kindern 2007 in die Schweiz und besuchte das Paar. Bald gab das Baselbieter Migrationsamt grünes Licht, die Vormundschaftsbehörde Münchenstein erteilte im Februar 2008 eine Pflegekinderbewilligung für Härtefälle.

Doch bald gab es Streit mit den Kindern und der Mutter, es folgte der Bruch. Die 56-Jährige sagte am Dienstag vor Gericht dazu, sie habe damals gehofft, durch ihre persönliche Anwesenheit die Situation verbessern zu können.

Anwalt fordert «Eskalationskosten»

Heute fühlt sich das Paar getäuscht und ausgenommen, die erwachsenen Kinder leben weiterhin in der Schweiz und haben hier ein Aufenthaltsrecht. Die 56-Jährige hat inzwischen einen spanischen Rentner geheiratet und lebt in Spanien.

Nebst dem Vertrauensverlust geht es auch um viel Geld. Felix Enderle forderte als Anwalt des Münchensteiner Paars knapp 50’000 Franken als Schadenersatz von der Frau zurück: Darin enthalten sind auch «Eskalationskosten». Damit sind die Kosten für die Fremdunterbringung bei den Nachbarn gemeint, auch liefen hohe Anwaltskosten auf.

Das Urteil folgt am Mittwoch

Staatsanwältin Anne-Kathrin Goldmann forderte am Dienstag einen Schuldspruch wegen Betruges: Insbesondere der E-Mail-Verkehr weise klar darauf hin, dass die Frau das Paar über den Zeitraum von mehreren Jahren immer wieder über ihren eigenen Gesundheitszustand sowie den ihres Sohnes getäuscht habe. «Ihr war stets bewusst, dass weder sie noch ihr Sohn an einer schweren Krankheit litt», so Goldmann. Wegen der langen Verfahrensdauer sei die Strafe aber zu mildern, sie forderte eine unter dem damaligen Recht noch mögliche Geldstrafe von 360 Tagessätzen zu 10 Franken.

Verteidiger Dieter Roth hingegen will einen Freispruch erwirken: Alle Beteiligten hätten eine Adoption aufgleisen wollen. Man könne der Kindsmutter keinen Vorwurf machen, wenn sie ihre Kinder vor einem gewalttätigen Vater retten wolle. Auch sei vieles bereits verjährt. Die drei Richter fällen ihr Urteil am Mittwoch.

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