Türkisches Milieu
Strafprozess gegen sieben Türken: Spiel, Schulden und Schutzgeld

Gestern begann in Basel ein Strafprozess um Schutzgeld-Erpressungen. Die Angeklagten gaben sich überraschend brav. In den nächsten Tagen wird das brisante Urteil erwartet.

Patrick Rudin
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Blick in einen Gerichtssaal (Symbolbild)

Blick in einen Gerichtssaal (Symbolbild)

Keystone

Sie erfüllen alle Klischees: Alle sieben Angeklagten (siehe bz vom Samstag) sind türkischer Herkunft, die meisten haben Vorstrafen wegen Schlägereien, illegalem Waffenbesitz oder Trunkenheitsfahrten, und zumindest vor dem 50-jährigen Hauptangeklagten scheint so mancher Türke in Basel wie in Zürich zu zittern: Er soll gewerbsmässig Schutzgelder erpresst haben.

«Ich kam 2003 in die Schweiz, habe bei einer Autovermietung und später in einem Kebab-Laden gearbeitet», erzählte er gestern dem Gericht. In der Türkei besitzt er noch knapp einen Hektar Land, seine Wertangabe schwankte zwischen 100'000 und 2,5 Millionen Franken. Vorbestraft ist er jedenfalls auch in der Türkei: Bei einem Fussballspiel hatte er mit einer Pistole in die Luft geschossen.

«Wozu hatten sie überhaupt die Schusswaffe?», wollte Gerichtspräsident Dominik Kiener wissen. «Ich war alkoholisiert», antwortete der Angeklagte grinsend. Er habe wegen der Geschichte drei Monate in der Türkei im Gefängnis gesessen. Die türkische Tageszeitung «Hürriyet» berichtete allerdings im Jahre 2010, er sei damals zu einer Gefängnisstrafe von fast drei Jahren verurteilt worden, zuvor aber in die Schweiz geflüchtet. «Das stimmt nicht, der Artikel ist aufgebauscht», meinte der Mann kopfschüttelnd. Unklar blieb gestern auch, weshalb einer seiner Brüder ein Hotel im Aargau besitzt, er selbst allerdings die Einnahmen erhalte.

Gleich neben ihm im Gerichtssaal sitzt sein Kumpel, ein 52-jähriger Türke aus Schlieren. Auch er ist wegen Trunkenheitsfahrten, Pistolenbesitz und Schlägereien vorbestraft, ist depressiv und hat eine IV-Anmeldung laufen. Die Anklage hingegen wirft ihm vor, zusammen mit dem Hauptangeklagten bei mehreren Kleinbasler Restaurants Schutzgeld erpresst zu haben.

Ebenfalls eine wichtige Rolle spielt ein 30-jähriger Türke aus Basel: Er bezieht unter anderem wegen einer Schussverletzung eine Invalidenrente, pokert gerne in Hinterzimmern, muss wegen diverser Vorstrafen wohl für drei Jahre ins Gefängnis (seine Beschwerde ist noch vor Bundesgericht hängig) und wurde im Februar 2011 erneut angeschossen: Er traf sich zusammen mit den anderen sechs Angeklagten in Oensingen mit seinem Gläubiger, um seine Spielschulden zu regulieren. Alle Männer betonten gestern unisono, man sei zu dem Treffen gefahren, um sich mit dem Gläubiger «zu versöhnen».

Dieser hingegen sagte gestern Nachmittag vor Gericht aus, man habe ihn und seine Familie massiv bedroht, damit er die Spielschulden von 12'000 Franken stunde oder erlasse. Bei dem Streit kam es schliesslich zu einer Schussabgabe, der 30-Jährige wude am Bein und im Bauch verletzt. «Wir wollten doch nur mit ihm reden», sagte er dazu gestern empört.

Die Vorwürfe zu den Kleinbasler Restaurants werden in den nächsten Tagen behandelt, das Urteil wird am 4. Juni verkündet.