Die Basler Orchester und Musikhochschulen leben von ausländischen Musizierenden. Am Institut Klassik kommen über 60 Prozent der Studierenden aus dem Ausland. Bei der Schola Cantorum, die auf alte Musik spezialisiert ist, sind es sogar 90 Prozent. Sie reisen aus Nord- und Südamerika, aus Asien und Europa nach Basel.

Der Soziologe Ganga Jey Aaratnam, die Ethnologin Bettina Frei und die Musikpädagogin Irena Müller-Brozovic haben ein Forschungsprojekt über das Basler Musikschaffen geführt. Anhand von über 80 Interviews mit Studierenden und Akteuren der Musikszene haben sie Erkenntnisse zu ihrer Lebenssituation gewonnen: Wie leben die Musizierenden in Basel? Was hat sie dahinbewegt?

Herr Jey Aratnam, wie erklären Sie es, dass so viele Studierende aus dem Ausland kommen?

Ganga Jey Aratnam: Die Basler Hochschulen bieten eine hochstehende Infrastruktur in Form von Instrumenten und Räumlichkeiten. Sie sind Hochschulen von Weltruf, nicht zuletzt weil private Stiftungen diese Projekte initiiert haben. Hier unterrichten bedeutende Lehrer, die in der Klassik- und Jazz-Welt vernetzt und verankert sind.

Wie wirken ausländische Musizierende auf die Basler Musikwelt?

Viele Musikstudierende kommen hierher, weil sie wie ein Diamant geschliffen werden wollen. Die Internationalität der akademischen Musik steigt und die Qualität ebenfalls. In der Szene wird oft gesagt: «Was man früher in Abschlussrezitals hörte, hört man heutzutage bei Aufnahmeprüfungen.»

Die Musikhochschulen sind auf ausländische Studierende angewiesen: In der Schweiz wählen wenige Musik als Beruf. Das liegt einerseits daran, dass man in der Schweiz Kinder nicht von früh auf spezialisiert, was bei Musik unumgänglich ist, sondern man bietet ihnen verschiedene Optionen. Andererseits sind viele in der Schweiz nicht bereit, nur «für» die Musik zu leben, sie wollen «von» der Musik leben. Das ist aber schwierig.

Die Mindestlöhne sind ein Gesprächsthema. Mehrere Basler Orchester können diese nicht erfüllen. In welchen Verhältnissen leben ausländische Musizierende in Basel?

Viele Freischaffende leben im Vergleich zu Festangestellten in prekären Verhältnissen. Die Abendkleider, die sie an Konzerten tragen, ergeben ein trügerisches Bild: Ich habe einen hervorragenden Musiker interviewt, der gerade mal mit 400 Franken monatlich lebt.

Geht denn das?

Anscheinend schon. Er kann für 120 Franken bei einem Freund ein Zimmer mieten. Zieht man noch 75 Franken von der Krankenkasse für Ausländer ab, bleiben 200 Franken, die er für Einkäufe in Deutschland braucht. Er übt sechs bis acht Stunden am Tag und geht nur an Konzerte, wenn sie an der Hochschule gratis angeboten werden. Mit einer anderen Studentin haben wir ausgerechnet, dass sie bloss 42 Rappen pro Stunde verdient, wenn sie die ganze Vorbereitung und Proben berücksichtigt.

Ist das langfristig haltbar?

Irgendwann holt sie die Realität ein. Während der Studienzeit beansprucht die Musik ihre ganze Aufmerksamkeit. Aber mit 26 oder 30 sehnen sie sich nach einem Privatleben. Sie haben eine Freundin, einen Freund, werden vielleicht schwanger – und dann kann man nicht mehr mit Hungerlöhnen durchkommen. Häufig suchen sie sich dann eine andere Beschäftigung. Die meisten unterrichten.

Wie sind sie in der Basler Gesellschaft integriert? Kann man ebenfalls von einer Bubble sprechen, wie bei den Expats der Pharma-Branche?

Bei ausländischen Führungskräften in der Pharma-Industrie ist das Konzept der Bubble veraltet. Das war in den 90er-Jahren ein Thema, aber diese Leute setzen sich mittlerweile in Basel fest, auch wenn sie sehr mobil bleiben. Musizierende sind auch sehr viel unterwegs, das gehört zum Beruf. In Basel bilden Musikschaffende insofern eine Bubble, als dass sie sehr viel Zeit miteinander verbringen. Es ist nicht zuletzt diese Szene, die sie nach Basel hinzieht oder sie dazu bewegt, sich längerfristig niederzulassen.

Sie leben in stetiger Kooperation, aber auch im Wettbewerb zueinander. Durch ihre Vernetzung gelangen sie an Aufträge und erlangen Unabhängigkeit. Bei den Gesprächen kam aber auch heraus, dass sie sich wünschen, mehr mit Einheimischen interagieren zu können, aber sie finden den Zugang zu ihnen nicht unbedingt. In der Schweiz begnügt man sich mit friedlichem «Nebeneinanderleben», das Miteinander wird weniger gelebt.