Auf dem Boden liegen Kehrichtsäcke, darin Bierdosen. Am offenen Fenster ein Jugendlicher, er bläst süssliche Rauchschwaden in die Abendkälte. Es ist Marihuana.

Wir befinden uns im Gemeinschaftsatelier 3.1 des Jugendkulturhauses R105 an der Reinacherstrasse. Das Haus, die frühere Jazzschule, ist nun ein Pilotprojekt des Erziehungsdepartements und seit 1. November in Betrieb.

In einer Ecke ritscht und ratscht der 20-jährige Dlovan ein Schleifpapier über helles Holz. Er baut sich ein Fotostudio. Neben Dlovan richten sich hier noch 14 andere Jungkünstler ein. Eine Tanzgruppe braucht noch eine Spiegelwand, die Sprayer haben ein Spraydosen-Regal an die Wand gestellt. Auch eine Staffelei steht bereit.

Viele künftige HGK-Studenten

«Vielleicht installieren wir auch noch ein Lavabo», sagt Dlovan. Damit die Maler die Farbe von den Händen und den Pinseln waschen können, ohne einen Stock tiefer zu gehen. Die meisten der Künstler im Gemeinschaftsatelier besuchen den gestalterischen Vorkurs, um danach eine Ausbildung an der HGK zu machen, der Hochschule für Gestaltung und Kunst.

Für den Raum 3.1 sowie 35 weitere Räume haben sich seit 1. November weit über 60 Künstler beworben. Nun sind hier unter anderem Bands, DJs, ein Musiklabel, ein Schmuckatelier und Filmproduzenten eingezogen. Auch das Basler Imagine-Festival hat sich hier ein Kreativatelier eingerichtet. 150 Franken zahlen die jungen Erwachsenen pro Quadratmeter.

Bei fünf Räumen ist noch nicht klar, welche Künstler genau einziehen werden. Das wird noch bis März ausgehandelt. Künstler haben sich bereits genug beworben.

«Das grosse Interesse ist für uns eine schöne Überraschung, sind wir doch mit verschiedenen Unsicherheiten in das Projekt gestartet», sagt Marc Flückiger von der Abteilung Jugend- und Familienförderung des Erziehungsdepartements, aus dessen Topf die 250'000 Franken für das einjährige Pilotprojekt stammen.

Noch in diesem Jahr soll ein Subventionsvertrag ausgearbeitet werden, der die Finanzierung auch für die Zeit ab 2016 sicherstellen soll. Flückiger geht derzeit davon aus, dass ein solcher Subventionsbeitrag ebenfalls rund 250'000 Franken betragen würde.

Dieser Betrag wird laut Flückiger vom Erziehungsdepartement bezahlt werden, aber das Budget des Departements nicht zusätzlich belasten.

Klar ist: Für den Subventionsvertrag braucht es so oder so die Zustimmung des Grossen Rats, der voraussichtlich im Spätherbst das Anliegen diskutieren wird. Bis dann werden sich auch schon der Regierungsrat sowie die Bildungs- und Kulturkommission mit dem Geschäft befasst haben.

Eigenverantwortung als Plus

Angesichts der vielen Bewerbungen scheint ein Bedarf für Räumlichkeiten wie jene des Jugendkulturhauses R105 vorhanden zu sein. Eine konkrete Prognose zum Grossratsentscheid will Marc Flückiger jedoch nicht machen. «Ich gehe von einem positiven Ergebnis aus. Die Politik wird aber nach ihrer eigenen Logik diskutieren und entscheiden.»

Die durchschnittlich etwa 24 Jahre alten Nachwuchskünstler nutzen die Räume in Eigenverantwortung. Das könnte bei den Grossräten gut ankommen.

Die Geschäftsleitung, bestehend aus zwei Personen, soll den jungen Erwachsenen nicht die Arbeit wegnehmen, sondern neue Möglichkeiten eröffnen. So ist vorgesehen, dass die jungen Künstler vom grossen Netzwerk, das untereinander im R105 entstehen soll, genauso profitieren wie vom Netzwerk und Fachwissen der Begleitgruppe und der beiden Geschäftsleiter Mich Gehri und Doris Gassert.

Gehri ist selbst in der Musikbranche aktiv und leitete unter anderem für drei Jahre das Programm im «Sud» am Burgweg. Und Gassert kennt viele Ansprechpartner aus der Kunstszene: «Diese können dem Nachwuchs, wenn nötig, Tipps geben, zum Beispiel in Sachen Vermarktung oder Materialbeschaffung. Oder sie treten mit ihnen in einen inhaltlichen Dialog.»

Verstärker-Kauf lohnt sich jetzt

Gerade die Materialbeschaffung ist für viele Musiker ein Thema, die neu im R105 proben. «Jetzt haben wir endlich einen richtigen Bandraum. Da lohnt sich die Anschaffung von elektronischem Equipment», sagt ein Rapper, der vorher einmal in der Woche in einem Raum des Kulturzentrums Union proben durfte.

Und Claudius, Luca und Robin von der Band «Space Tourists» hatten früher gratis in einem Keller geübt, mussten aber jeweils um 22 Uhr aufhören, damit sie Probleme mit der Polizei vermeiden konnten.

Später mieteten die drei einen günstigen Proberaum in Sissach. Nun sind sie froh, haben sie endlich einen Raum in Basel gefunden: «Einen so zentralen Proberaum zu diesem Preis findet man sonst nirgends.»

Zurück zum Kiffer in Raum 3.1: Zum Thema Drogen haben weder die Geschäftsleitung noch das Erziehungsdepartement Regeln verabschiedet.

Auf das Thema angesprochen, sagt Marc Flückiger: «Gut möglich, dass wir das Drogenthema an einer der nächsten Sitzungen ansprechen. Aber grundsätzlich gelten die gleichen Regeln wie im öffentlichen Raum.» So darf zum Beispiel Alkohol getrunken werden. Denn die R105-Benutzer sind sowieso alle zwischen 18 und 26 Jahre alt. «Wer verbotene Drogen konsumiert, kann es mit der Polizei zu tun bekommen. Eine solche Person muss selber die Verantwortung übernehmen», sagt Flückiger.

Auch Gassert und Gehri sprechen die Eigenverantwortung der Künstler an. Für sie heisst das auch, dass die jungen Künstler gegenseitig aufeinander zugehen und gemeinsame Projekte starten. Was das genau bedeuten könnte, sagt Dlovan, der Fotograf und Gestalter: «Ich würde zum Beispiel gern für eine Band ein Booklet produzieren.»