München und Basel
Südlich der Weisswürste und nördlich der Mehlsuppen

«Basel ist eine schöne Stadt, München ist eine schöne Stadt. In der einen wohne ich, in der anderen bin ich geboren.» Der Autor und Kolumnist schreibt über seine beiden Herzensstädte und zieht einige Parallelen

Wolfgang Bortlik
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Wolfgang Bortlik liebt Basel und München.

Wolfgang Bortlik liebt Basel und München.

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Der Autor

Wolfang Bortlik ist 1952 in München geboren und Autor und Kolumnist. Er lebt in Basel. Im Mai erscheint das Buch der Fussball spielenden Autoren der Schweiz «Das Chancenplus war ausgeglichen» im Knapp Verlag, Olten.

Basel ist eine schöne Stadt, München ist eine schöne Stadt. In der einen wohne ich, in der anderen bin ich geboren. Es gibt hier also keine objektive Berichterstattung, sondern höchstens eine schriftliche Hingabe an diese beiden Städte, die möglicherweise e biirebitz, a bisserl nostalgisch ist.

Basel hat 170'000 Einwohner. München hat gut zehnmal mehr, aber die haben auch viel mehr Platz rundherum. Dennoch sind Gemeinsamkeiten augenfällig. Beide Städte sind ethnisch gut durchmischt und wirtschaftlich sowie kulturell bestens aufgestellt. Es mangelt einem als Einwohner an nichts. Beide Städte haben einen recht ähnlichen Sonderstatus in ihrer Nation. Sie unterscheiden sich in Sprache und Brauchtum deutlich vom Rest des Landes und stehen mit berechtigtem Stolz zu ihrer Tradition.

Basel ist als praktisch trinationale Stadt schon immer aus den engen Schweizer Grenzen herausgetreten und hält den Kopf gerne in den internationalen Wind. Die Basler, vom Klima sowieso verwöhnt, kennen den schweren Nebel des Mittellands nicht und sind also von eher fröhlichem Gemüt.

München steht einem so genannten Freistaat Bayern vor und ist von jeher von einem barocken Anarchismus geprägt. Weil mir hier der Platz fehlt, auf die komplexe Volksseele einzugehen, empfehle ich, sich das humoristische Stück «Ein Münchner im Himmel» des unsterblichen Ludwig Thoma anzuhören.

Möglicherweise leiden München und Basel dennoch ein bisschen daran, dass sie sich im Schatten einer Kapitale oder eines anderen Zentrums wähnen, seien es nun Zürich oder Berlin. Dieser vermeintliche Mangel wird dann kompensiert oder sublimiert, sehr oft mit Kultur, mit Fussball. Denn Fussball ist Kultur und manchmal sogar Hochkultur!

So wie sich die Basler angelegentlich über die Zürcher echauffieren, so regt sich der Bayer auf über die «Saupreissn», also die Preussen. Dabei handelt es sich keinesfalls um eine Beleidigung, sondern um eine nüchterne Herkunftsanalyse. Preussen sind nicht nur die Bewohner der Landesteile nördlich des Weisswurst-Äquators, der innerdeutschen Main-Grenze, sondern grundsätzlich alle, die nicht aus dem klassischen Altbayern stammen. Der Schwabe Uli Hoeness ist also ein ausgemachter Saupreiss. Und Rummenigge sowieso.

In diesem Zusammenhang muss ich auch einmal dieses «Mia san mia» erklären, das mittlerweile überall als das Selbstverständnis der Fussballer des FC Bayern München zitiert wird. «Mia san mia» heisst nichts anderes als «Wir sind wir» und bedeutet einfach, dass man ein Bayer ist. Damit ist man schon etwas Besonderes, aber nicht unbedingt etwas Besseres. Der Bayer ist nämlich dem Pathos und der Selbstüberschätzung gänzlich abhold. Er tendiert eher hin zu ironischer Distanz und alpenländischer Coolness. Schon deswegen sind Hoeness und Rummenigge totale Preussen.

Kommen wir zum Brauchtum: Was dem Basler seine Fasnacht, sind dem Bayer seine Bierfeste. Einerseits die Wiesn, also das Oktoberfest, das eigentlich nie als Massenbesäufnis beabsichtigt war. Schuld daran sind selbstverständlich die Preussen aus allen Herren Länder, die es dazu gemacht haben, weil sie ja nichts vertragen. Auch in Basel mehren sich die Stimmen, dass man sich dagegen wehren sollte, dass die Fasnacht immer mehr zu einem touristischen Event verkommt.

Fast noch wichtiger als die Wiesn ist in München der Starkbieranstich, der übrigens an diesem Wochenende auf dem Nockherberg stattfindet. Dabei gibt es wieder eine schöne Parallele zu Basel, das Derblecken. Das ist die Münchner Variante der Basler Schnitzelbängg. Auch da wird in wohlgerichteten Sätzen die hohe Politik kritisiert und verspottet.

Offensichtlich ein Mysterium der bayrischen Kultur ist die Weisswurst. Hier in Basel wundert man sich immer wieder, dass diese feine Kalbfleischbrühwurst noch vor dem Mittagsläuten verzehrt werden soll. Erstens muss die frühmorgens gefertigte Wurst frisch genossen werden und zweitens gibt es dafür traditionell nur ein knappes Zeitfenster im Wirtshaus, nämlich zwischen Sonntagsgottesdienst und häuslichem Mittagsmahl. Ich rate übrigens ab vom Kauf hiesiger «Weisswürste». Das sind Fälschungen. In München würde man auch keine dort produzierte Määlsuppe essen.

Kommen wir am Schluss noch zum Fussball. Gerade hier gibt es den entscheidenden Unterschied zwischen Basel und München. Während es in Basel nur einen FCB gibt, dem eigentlich nie stadtinterne Konkurrenz erwachsen ist, existieren in München zwei grosse Fussballklubs. Oder sagen wir es so: Als ich als junger Mensch Fussballfan wurde, gab es nur einen Münchner Klub in der eben erst gegründeten Bundesliga, und das war der TSV 1860 München. Also wurde ich Fan der Sechzger, und als dann zwei Jahre später der FC Bayern ins Rampenlicht trat, war er für mich nur der Klub der Gwappelten, der Verein der Reichen und Anmassenden. Ja, und irgendwie ist das auch so geblieben.

In diesem Sinne hier noch der eigentliche FC Bayern: Ludwig Thoma im Tor; Viererkette: Herbert Achternbusch, Gerhard Polt, Josef Bierbichler, Karl Valentin; Mittelfeld: Oskar Maria Graf, Liesl Karlstadt, Georg Jennerwein, Hans Söllner; Sturm: Bert Brecht, Kathi Kobus; auf der Ersatzbank: Biermösl Blosn.