Tabuisiert
Suizide: es gibt immer noch Widerstand gegen Hilfsmassnahmen

Suizide werden weiterhin vielerorts ignoriert. Ein Umdenken findet nur langsam statt – zum Beispiel bei den SBB. Die SBB setzen nun auch auf Schilder der schweizerischen Telefonseelsorge «Die dargebotene Hand». Diese bietet Soforthilfe an.

Benjamin Wieland
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Seit November hängen am Bahnhof Liestal diese Tafeln. Dabei handelt es sich um einen Pilotversuch.bwi

Seit November hängen am Bahnhof Liestal diese Tafeln. Dabei handelt es sich um einen Pilotversuch.bwi

In Basel ist die Suizidrate stark gestiegen: Im laufenden Jahr hat sich die Zahl der Selbsttötungen im Vergleich zu den entsprechenden Monaten des Vorjahrs mehr als verdoppelt (wir berichteten). Auch das Baselbiet ist von dieser Entwicklung nicht verschont geblieben. Im Landkanton ist seit Jahresbeginn von einer Steigerung in der Höhe von rund einem Drittel die Rede.

Pilotphase im Bahnhof Liestal

Eine Aussage darüber, ob es sich um eine «übliche» Schwankung oder um einen langfristigen Trend handelt, wagen Experten nicht. Was hingegen klar ist: Der Bahnhof Liestal gilt als «Hot-Spot». Er ist einer von vier Bahnhöfen in der Schweiz, wo sich im Schnitt mehr als eine Person pro Jahr das Leben nehmen.

Die schweizerische Telefonseelsorge «Die dargebotene Hand» hat darauf reagiert. Ende November brachte sie im Rahmen einer Pilotphase im Bahnhofsgelände mehrere Schilder an. Auf denen bietet sie unter ihrer Telefonnummer 143 Soforthilfe an.

«Die SBB haben aber lange gezögert, auf unsere Tafeln zu setzen», sagt Franco Baumgartner, Geschäftsführer der Schweizer Telefonseelsorge. «Von ihrer Strategie, alles zu vermeiden, was auf Bahnsuizide hinweisen könnte, um Nachahmer auszuschliessen, ist sie nun etwas abgekommen.»

Das SBB-Credo lautete bisher: Das Thema meiden – aus Furcht vor dem sogenannten Werther-Effekt. Ob die Telefonseelsorge seit dem Aufstellen der Tafeln mehr Anrufe aus Liestal erhalten hat und damit etwas bewirken konnte, kann Baumgartner nicht sagen, da der Verband den Ort des Anrufers nicht festhält.

Der letzte publik gewordene Suizid am Liestaler Bahnhof datiert jedenfalls vom März 2012 – also vor dem Aufhängen der Plakate.

Vorstoss im Landrat

EVP-Landrätin Elisabeth Augstburger ist froh, dass die dargebotene Hand in Liestal aktiv geworden ist. Schon 2011 forderte sie in einem Vorstoss von der Baselbieter Regierung, dass sie einen Aktionsplan zur Suizidprävention prüft. Damit brachte sie ein Thema aufs Tapet, das offenbar nicht allen genehm ist.

Zwar überwies der Landrat ihren Vorstoss im März 2012 ohne Gegenstimme. Trotzdem habe es Leute gegeben, die über ihr Begehren die Nase gerümpft hätten, berichtet Augstburger. «Es hat von verschiedenen Seiten geheissen, dass es ja doch nichts bringe, hier aktiv zu werden.»

Die zwei häufigsten Argumente lauteten gemäss der Liestalerin wie folgt: Erstens habe es Suizide schon immer gegeben, da könne man nichts machen. Zweitens liege es in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen, darüber zu entscheiden, ob man aus dem Leben scheiden wolle oder nicht.

Augstburger bezeichnet diese Aussagen als unüberlegt. «Aus der Forschung ist bekannt, dass 90 Prozent der Menschen, die Suizid begehen, eine psychiatrische Diagnose aufweisen», so die Liestalerin. «Die Betroffenen leiden meist unter einer Krankheit, und es ist die Aufgabe der Gesellschaft, sie zu schützen. Mit Schweigen ist niemandem geholfen.»

Ausserdem sei erwiesen, dass Prävention, vor allem Gesprächsangebote, etwas bringen. «Wenn Gefährdete jemandem ihr Vorhaben mitteilten, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie es in die Tat umsetzen.»

Kanton erarbeitet Aktionsplan

Auf Augstburgers Vorstoss liegt nach Ablauf der Zwölf-Monate-Behandlungsfrist im März 2013 noch keine Antwort vor. Doch bei der Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (VGD) ist man nicht untätig geblieben.

«Wir haben eine Umfrage unter den anderen Direktionen und bei der Psychiatrie Baselland initiiert», sagt Irène Renz, Leiterin Gesundheitsförderung bei der VGD. Diese sei abgeschlossen, für die Auswertung brauche man noch etwas Zeit.

Augstburger ist froh, dass sich der Regierungsrat überhaupt zuständig fühlt: «Der Bundesrat hat keinen Massnahmenplan. Darum ist es erfreulich, dass wir uns wenigstens als Kanton des Themas annehmen.»

Die SBB selber wollen sich nicht zum Thema äussern. Über Selbsttötungen kommuniziere man nicht, heisst es bei der Medienstelle. Grundsätzlich nicht.