Exit
Suizidprävention: Über das Leben reden, statt beim Sterben helfen

Die Psychiaterin Gabriela Stoppe plädiert für Kompetenzstellen für Alters-Suizide. Als Alternative zu Sterbehilfeorganisationen wie «Exit» sollen sie Gespräche über den Wert des Lebens anbieten.

Wolf Südbeck-Baur
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(Symbolbild)

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Oliver Menge

Gabriela Stoppe*, Sie setzen sich wissenschaftlich mit der Suizidprävention im Alter auseinander und stellen fest, dass im Alter die Suizidrate am höchsten ist. Was sind die wichtigsten Gründe für alte Menschen, ihrem Leben eine Ende setzen zu wollen?

Gabriela Stoppe: Vereinfachend gesagt sind Depression und Einsamkeit die Hauptgründe für Suizid im Alter. Dabei ist hinzuzufügen, dass eine Depression im Alter oft nicht erkannt und mit Traurigkeit verwechselt wird. Häufig tritt Depression auch im Zusammenhang mit einer körperlichen Erkrankung auf. Damit sind wir auf dem Gebiet der allgemeinen Gesundheit. Häufig schränken schmerzhafte Erkrankungen wie zum Beispiel Arthrosen die Bewegung ein. Dazu kommen Beeinträchtigungen im sensorischen Bereich, die Sehkraft lässt nach, Hörstörungen behindern den Austausch mit anderen. Entscheidend ist, dass die Depression erkannt und behandelt wird.

Ist der Gedanke, anderen zur Last zu fallen, auch ein Grund für den Suizid von alten Menschen?

In den letzten Jahren hat die Zahl der Suizide im höheren Lebensalter eher abgenommen. Das heisst, wenn der Druck, den dieses Unwort der Überalterung – der Begriff Unterkinderung entspräche den Fakten der demografischen Entwicklung wesentlich besser – auslösen kann, gesellschaftlich steigen würde, müssten die Suizide im Alter zunehmen. Das ist zum Glück aber nicht der Fall. Zugenommen haben in der Schweiz allerdings die Fälle, in denen Sterbehilfe, – die assistierten Suizide – geleistet wurde und wird. Zumindest bisher hat der Gedanke des zur Last Fallens in dieser Debatte nicht mehr Gewicht bekommen, er könnte jedoch zum Beispiel hinter der Diskussion um den gefürchteten Autonomieverlust bei Übertritt in ein (kostspieliges) Pflegeheim versteckt sein.

Die katholische Kommission für Justitia et Pax kritisiert in ihrer gerade erschienenen Studie Suizidhilfe im Alter scharf das Faktum, dass sich hierzulande zunehmend alte Menschen Hilfe zum Sterben holen. Basels Bischof Felix Gmür sagt, der organisierte Tod sei inakzeptabel. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Ich begrüsse, dass die Kirche eine eindeutige Position bezieht. Ob man damit allerdings dem Trend und der Akzeptanz von Exit und Co als Agenten für einen guten, weil selbstbestimmten Tod Gegensteuer geben kann, ist fraglich. Aus meiner Sicht brauchen wir kein weitgehend unkontrolliertes Angebot von Sterbehilfsorganisationen, sondern eine Institution beziehungsweise. Anlaufstellen, die den Sterbewunsch eines betagten Menschen ernst nimmt.

Wie meinen Sie das?

Ein Arzt und vor allem Psychiater muss jemanden, der einen Suizidwunsch äussert, in eine psychiatrische Klinik einweisen, ein Seelsorger wird das Gespräch suchen, um sein Gegenüber vom Sterbewunsch abzubringen.

Mit anderen Worten: es gibt aus der Sicht vieler Menschen niemanden, der für den Wunsch, sterben zu wollen, auch wenn man nicht schwer krank ist, Verständnis aufbringt. Aus meiner Sicht sollte darum darüber nachgedacht werden, eine Alternative zu den Sterbehilfsorganisationen einzurichten, die Gespräche zum Wert des Lebens und der Rolle des Sterbens anbietet. Denn es geht auch um die Kultur des Lebens, beispielsweise wie wir Hilfsbedürftigkeit erleben. Wir dürfen nicht vergessen, dass immer mehr Menschen nie einen Toten oder einen Sterbenden gesehen haben und damit die Vorstellungen und Ängste an Bedeutung gewinnen.

Wir bräuchten eine Art Kompetenzzentrum in Sachen Sterben. Die Sterbehilfeorganisationen müssen aus meiner Sicht stärker kontrolliert werden. Die Publikation von Daten durch die Organisationen selbst reicht nicht aus.

Exit hat gemäss eigenen Angaben über 95 000 Mitglieder

Ob eine Quasi-Monopolstellung von Exit gegeben ist, mag man diskutieren. Ich halte den Zulauf, den Exit verzeichnet, für bedenklich. Darum brauchen wir dringend eine Kontrolle von Exit, die Auskunft darüber gibt, wer zum Beispiel bei Exit nach welchen Kriterien als Sterbehelfer agieren kann. Wie wählt Exit seine Mitarbeiter aus? Darüber wissen wir nichts. Auch gibt es keine unabhängigen Kontrollen. Eine Meldepflicht gibt es erst nach dem Suizid. Aus meiner Sicht sind bei Sterbehilfeorganisationen wie Exit Kontrolle und Transparenz dringend geboten. Und es braucht in diesem Tabubereich eine breite gesellschaftliche Debatte über Alternativen, wo Menschen mit ihren Sterbewünschen hingehen können. Dabei denke ich, dass viele der Älteren, die sagen, ich will nicht mehr leben, damit signalisieren, ich halte meine Situation nicht mehr aus, ich will «anders leben». Vor diesem Hintergrund halte ich es für dringend geboten, über Menschenwürde zumal im Alter zu diskutieren. Ist Hilfsbedürftigkeit im Alter würdelos? Zudem halte ich es für wichtig, zu diskutieren, dass Abhängigkeit durchaus auch schöne, positive Aspekte impliziert, da wir als soziale Wesen alle voneinander abhängig sind und helfen und Hilfe erhalten das menschliche Miteinander bereichern.