Studie
SVP-nah und anthroposophisch: Das ist der typische Coronaskeptiker

Eine Studie der Universität Basel zeigt, wie heterogen die Gruppe der Querdenker ist.

Leif Simonsen
Merken
Drucken
Teilen
Die Kritik an den Behörden und Massenmedien eint die Querdenker.

Die Kritik an den Behörden und Massenmedien eint die Querdenker.

Keystone

Corona und vor allem die Massnahmen zur Einschränkung des Virus sind omnipräsent. Dagegen lehnen sich die sogenannten Querdenker auf. Sie versammeln sich zu grösseren und kleineren Demonstrationen, um gegen die Freiheitsbeschränkungen zu protestieren. Erstmals haben nun Schweizer Wissenschaftler eine Studie veröffentlicht, die der Frage nachgeht, welche Menschen hinter der Querdenkerbewegung stehen – über tausend Menschen wurden an Demos in Deutschland und der Schweiz, darunter jene am 7. November in Basel, befragt.

Das Forschungsteam des Soziologischen Instituts der Uni Basel kommt zum Schluss, dass es sich um eine sehr heterogene Gruppe handelt. Studien-Co-Autor Robert Schäfer sagt, dass vor allem eines die Querdenker eine: «Sie sind gegen das System und die etablierten Autoritäten. Was in den Interviews immer wieder zum Vorschein gekommen ist, ist, dass es um die Kritik als solche geht. Sie hat einen Eigenwert.» Durchs Band richtet sich diese an die Behörden und die sogenannten Mainstreammedien, welche dem Coronavirus einen viel zu hohen Stellenwert gäben. Sie unterstellen der Politik, dass sie den Menschen Angst einjagen wollen – die Politik wolle deren Schwäche nutzen, um sich mehr Macht zu verschaffen.

Auffallend ist, dass viele Querdenker einen hohen Schulabschluss haben. Ein Drittel hat einen Hochschulabschluss, zwei Drittel immerhin die Matur. Für Schäfer ist das insofern nicht sehr überraschend, als ein Grossteil der Querdenker sehr informiert ist. Sie stützen sich gerne auf Studien, auf die sie abseits der Mainstreammedien gestossen sind.

Viele sind Hobbyforscher, die gerne Rätsel lösen.

Beim Lösen dieser Rätsel würden sie aber sehr selektiv Informationen sammeln.

Das Ansehen von Rot-grün hat bei Coronaskeptikern gelitten

Obwohl die allermeisten Querdenker eine schwere Abneigung gegen eben den Mainstream haben, wählt ein grosser Anteil die grösste Partei im Land, die SVP. 33 Prozent der Befragten gaben zu Protokoll, bei den letzten National- und Ständeratswahlen die Volkspartei gewählt zu haben; gar 43 Prozent sagten, sie würden heute die SVP wählen. Zum Vergleich: Sieben Prozent gaben an, die Grünliberalen wählen zu wollen, fünf Prozent äusserte Präferenzen für die SP – und nur zwei Prozent der Querdenker waren FDP-, CVP- oder EVP-Sympathisanten.

Trotz der SVP-Nähe hegen viele Coronaskeptiker grosse Sympathien für Anliegen, welche eher im linken Lager vermutet werden könnten. So stimmten knapp 64 Prozent aller Befragten der Aussage zu, wonach Alternativmedizin der Schulmedizin gleichgestellt werden soll. 72 Prozent stellten sich auf den Standpunkt, dass die Krise gezeigt habe, wie sich der Mensch von der Natur entfernt habe – und 66 Prozent meinten, dass mehr spirituelles und ganzheitliches Denken der Gesellschaft guttun würde.

Die Studienautoren stellen fest, dass sich die Querdenkerbewegung auf dem politischen Spektrum langsam von links nach rechts bewegt. Die Zahlen belegen dies: Insgesamt gaben 29 Prozent der in der Schweiz Befragten an, bei den letzten Wahlen die Grünen oder die SP gewählt zu haben. Nur noch elf Prozent würden dies beim nächsten Urnengang machen. Zu diesem Rechtsrutsch dürfte die zunehmend interventionistische Haltung der Sozialdemokraten beigetragen haben. Denn achtzig Prozent der Befragten waren überzeugt, dass die Coronamassnahmen der Regierung wirkungslos seien. 84 Prozent gaben an, dass diese Massnahmen die Meinungsfreiheit und Demokratie bedrohten. Und 77 Prozent der befragten Querdenker waren der Meinung, die Politik und die Medien steckten unter einer Decke.

Gates Foundation will Zwangsimpfung für die ganze Welt

Die Annahme, dass sich die verschiedenen Gewalten des Politsystems nicht gegenseitig kontrollierten, sondern deckten, bietet einen guten Nährboden für Verschwörungstheorien. Dies beweist die Studie: 50 Prozent stimmten der Aussage «Es gibt geheime Organisationen, die grossen Einfluss auf politische Entscheidungen haben» zu. 52 Prozent meinten, die Politiker seien nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte. Vor allem das Thema Impfen sorgt bei den Coronaskeptikern für rote Köpfe. Mehrheitlich äusserten sie die Vermutung, die Bill & Melinda Gates Foundation wolle eine Zwangsimpfung für die ganze Welt erreichen.

Über 16 Prozent stimmten der Aussage zu, wonach die Regierungen den Menschen Mikrochips implantieren wollten, um sie noch besser überwachen zu können. Dass die Querdenkerbewegung im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung ist, konnten die Forscherinnen und Forscher an den Kundgebungen am 4. Oktober in Konstanz beobachten. Im Verlauf des Tages habe die Stimmung geändert, heisst es in der Studie: anfangs habe Festivalstimmung geherrscht, bei der das liebevolle Miteinander sowie musikalische Performances zelebriert wurden. Später seien an den Demos Proteste gegen die «etablierten Autoritäten» in den Vordergrund gerückt.

Schäfer betont, dass die Forschung zu den Querdenkern am Anfang stehe. So lange seine Forschungsobjekte selbst nicht genau wissen, wer sie sind, wird ihm die Arbeit nicht ausgehen.